Heinrich-Hertz-Gymnasium in Berlin Diese Schule förderte Mathe-Genie Peter Scholze

Fields-Preisträger Peter Scholze ging auf eine Schule, die schon zu DDR-Zeiten mathematisch besonders begabten Kindern vorbehalten war. Sind solche Eliteschulen noch zeitgemäß?
Mathematiker Peter Scholze

Mathematiker Peter Scholze

Foto: Volker Lannert / Universität Bonn

Elfte Klasse, Geografieunterricht. Ein Schüler hörte nur mit halbem Ohr zu. Doch seine Lehrerin Bärbel Cohaus nahm ihm das nicht übel. Denn der Schüler träumte nicht. Er las mathematische Fachliteratur - und seine Noten waren in Erdkunde trotzdem herausragend.

Der Schüler hieß Peter Scholze. Er ist heute 30 Jahre alt und schon seit sechs Jahren Professor. Er lehrt an der Universität Bonn und hat gerade die Fields-Medaille bekommen, die höchste Auszeichnung seines Fachs, die nur alle vier Jahre verliehen wird.

"Wir haben früh gemerkt, dass er eine besondere Begabung hat", sagt Cohaus, die seit 2004 das Heinrich-Hertz-Gymnasium in Berlin leitet. "Es macht uns stolz, dass wir ihn in die entsprechende Richtung fördern konnten."

Heinrich-Hertz-Gymnasium in Berlin

Heinrich-Hertz-Gymnasium in Berlin

Foto: Heinrich-Hertz-Gymnasium

Das Gymnasium war in der DDR eine von einem guten Dutzend sogenannter Spezialschulen mathematisch-naturwissenschaftlich-technischer Richtung, mit denen der sozialistische Staat Spitzenförderung betrieb. Ähnliche Schulen gab es auch für musikalisch, sportlich oder sprachlich hochbegabte Kinder.

Bis heute hat sich das Heinrich-Hertz-Gymnasium der Förderung sehr leistungsstarker Schüler verschrieben. Wer dorthin will, muss gute Noten mitbringen und einen Eignungstest bestehen. Im vergangenen Jahr nahm die Schule 90 von 128 Bewerbern auf.

Die Schulchronik  liest sich wie eine Trophäensammlung. 2005, 2006 und 2007: Peter Scholze erringt Goldmedaillen bei den Internationalen Mathematik-Olympiaden in Mexiko, Slowenien und Vietnam. Fünfmal gewann er den Bundeswettbewerb Mathematik. Auch viele andere Schüler glänzen bei Wettbewerben.

Fast alle ehemaligen DDR-Spezialschulen bestehen weiterhin - und fördern auch weiter erfolgreich mathematische Ausnahmetalente. Die BRD hingegen hatte kein vergleichbares Netzwerk von Eliteschulen aufgebaut. "Das hatte den Geschmack von nationalsozialistischer Eliteförderung und war lange tabu", sagt Erziehungswissenschaftler Christian Fischer von der Universität Münster, der sich auf die Begabungsforschung spezialisiert hat.

Klassen für Hochbegabte

Einige Jahre nach der Wende richteten Bayern und Baden-Württemberg dann sogenannte Hochbegabtenklassen an rund zwei Dutzend öffentlichen Gymnasien ein. Und es entstanden weitere Initiativen: Das Netzwerk MINT-EC  nimmt zum Beispiel nur ausgewählte Gymnasien auf, die Kinder gezielt in Naturwissenschaften, Informatik und Mathematik fördern. Derzeit sind 316 Schulen dabei. "Es kann im Frust für beide Seiten enden, wenn hochbegabte Schüler an Regelschulen unterfordert sind", sagt Wolfgang Gollub, der Vorsitzende des Netzwerks.

Politiker und Bildungsforscher haben jedoch inzwischen erkannt, dass es nicht reicht, auf die Spitzenförderung an Gymnasien zu setzen. Im Januar starteten Bund und Länder eine gemeinsame Initiative, bei der bundesweit zunächst 300 Schulen mit wissenschaftlicher Hilfe neue didaktische Konzepte entwickeln sollen. 125 Millionen Euro stehen dafür in den kommenden zehn Jahren zu Verfügung.

Diesmal geht es nicht darum, neue Eliteschulen aufzubauen. "Die optimale Förderung leistungsstarker wie leistungsschwacher Schülerinnen und Schüler sind zwei Seiten einer Medaille", teilt das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit . Deshalb nehmen nicht nur Gymnasien, sondern Vertreter aller Schulformen an dem Programm teil. "Das ist ein enormer Durchbruch", sagt Fischer. Denn so könnten Talente über alle Schulen hinweg besser entdeckt und gefördert werden.

Auch Sebastian Renger, Leiter des Deutschen Zentrums für Begabungsforschung und Begabungsförderung DZBF, sieht eigene Schulen für Hochbegabte kritisch. Jedes Kind müsse mit seinen Stärken wahrgenommen werden, sagt er. "Viele haben jedoch nicht das Selbstvertrauen, dafür in einen Wettbewerb um gute Noten, Zertifikate und Auszeichnungen einzutreten."

Hinzu kommt, dass zum Beispiel die Heinrich-Hertz-Schule Kinder recht früh - nämlich entweder kurz vor der fünften oder siebten Klasse - testet und aufnimmt, weil es das heutige Bildungssystem so vorgibt. In der DDR kamen sie erst zur neunten Klasse an die Schule. "Das war besser", sagt Matthias Nicol, der von 1978 bis 2017 dort unterrichtete. "Man erkennt oft erst in der siebten oder achten Klasse, wohin die Reise geht."