Pieptonfolter gegen Jugendliche Hier kommt die Tinnitus-Attacke

Nervige Jugendliche einfach per Knopfdruck verjagen - ein Spießer-Traum wird wahr. Ein Kasten aus Großbritannien sendet Gefiepe, das angeblich nur Jugendliche hören. Nun kommt das Gerät nach Deutschland. Die Behörden sind unsicher, ob der "Mosquito" legal ist.


Er ist grau, nur etwa 13 mal 11 Zentimeter groß und sieht aus wie eine Parklampe oder eine Gegensprechanlage. Die meisten Menschen werden den Kasten gar nicht wahrnehmen. Zumindest nicht mit den Augen. Das "Mosquito"-Gerät erzeugt ein Signal im Ultraschallbereich, das nur junge Menschen hören können. Das Geräusch soll Jugendlichen so sehr auf die Nerven gehen, dass sie schnellstmöglich Reißaus nehmen.

Utraschall-Pieper "Mosquito": ein Gerät "zur Zerstreuung von Ansammlungen Jugendlicher"
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Utraschall-Pieper "Mosquito": ein Gerät "zur Zerstreuung von Ansammlungen Jugendlicher"

Der Trick: Mit dem Alter lässt das Gehör nach, so dass Menschen über 25 die hohen Töne aus dem "Mosquito" meist nicht mehr hören können. Wer sie aber hören kann, wird von dem Gefiepe gequält: Ein steter, leicht pulsierender Ton im Frequenzbereich zwischen etwa 16 und 19 Kilohertz und mit einem Schalldruckpegel von bis zu 104 Dezibel komme aus dem "Mosquito", so die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Dortmund. Aus einem Meter Entfernung zum Ohr kann dieser Druck so unangenehm wahrgenommen werden wie der Lärm eines Presslufthammers oder einer vollen Discothek. Das Gerät erreicht laut Hersteller eine Reichweite von bis zu 20 Metern.

Erfunden hat den "Mosquito" ein Mann aus Wales, der damit Jugendliche verjagen wollte, die vor seinem Geschäft "herum lungerten" und seine 15-jährige Tochter belästigt haben sollen. In England habe sich die Box schon über 3500 Mal verkauft, seit sie 2006 erstmals angeboten wurde, behauptet der Hersteller.

700 "Mosquitos" sollen schon durch Deutschland schwirren

Auch in Deutschland versuchen seit dem letztem Sommer einige Laden- oder Bar-Besitzer, unliebsame Jugendliche mit der Piep-Attacke weg zu jagen:

  • In Dissen, einer Kleinstadt am Teutoburger Wald, wollte der Bürgermeister per "Mosquito" Jugendliche von einem Kinderspielplatz vertreiben, weil sie dort "herumlungerten".
  • In Osnabrück wollte eine Immobilienfirma jugendliche Punks aus einer Einkaufspassage vertreiben; angeblich hatten sie gebettelt, Schlägereien angezettelt und öffentlich uriniert. Die Empörung der Kunden sie jedoch so groß gewesen, dass der Eigentümer das gerät wieder entfernte, sagte in Sprecher der Stadt Osnabrück.
  • Ebenfalls in Osnabrück setzte der Besitzer einer Strandbar an einem Badesee das Gerät ein - gegen Jugendliche, die auf seinem Gelände "gesoffen, rumgelärmt und Müll gemacht" haben sollen.

Die "Mosquitos" hängen aber offenbar schon an deutlich mehr Stellen in Deutschland: Über 700 Mal hat eine Firma aus Vechta - nach eigenen Angaben - den Pieper in Deutschland verkauft. Auf einem Beipackzettel ist zu lesen, das Gerät diene dazu, "Gruppen von Jugendlichen zu zerstreuen, die durch ihr unsoziales Verhalten die Öffentlichkeit (...) belästigen oder bedrängen", so dass man seinem "rechtschaffenen Tagesablauf nicht nachgehen" könne.

Unter den ungelenk formulierten "Erwägungen vor der Installation" steht außerdem der Hinweis: "Das Gerät sollte nur zu solchen Zeiten betrieben werden, in denen Jugendliche gewöhnlich zusammenkommen und aktiv Ärgernis hervorrufen."

"Gesundheitliche Schädigung nicht ausgeschlossen"

Ob das Gepiepe auf Dauer die Gesundheit der Jugendlichen schädigt, konnten staatliche Prüfer bisher nicht zweifelsfrei klären. Der Anbieter behauptet, der Ton wirke nach fünf bis zehn Minuten Beschallung aber "extrem unangenehm", verursache aber keine Schmerzen. Das ist schon eine Abmilderung der ursprünglichen Hersteller-Angabe, das Gerät sei gesundheitlich unbedenklich.

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin testete das Gerät und schrieb in einem Gutachten, "dass eine gesundheitliche Schädigung des Hörvermögens nicht gänzlich ausgeschlossen werden kann". Störungen des Gleichgewichtssinns seien bekannt, außerdem Schwindel und Kopfschmerzen möglich.

Für ein Verbot reicht das nicht aus. "Der letztendliche Nachweis, dass es eine Schädigung geben kann, konnte nicht erbracht werden", sagt Uwe Rottmann, Leiter des Staatlichen Gewerbeaufsichtsamtes Oldenburg. Die Behörde hat aber durchgesetzt, dass ein Warnhinweis in der Nähe des Gerätes angebracht werden muss. Mit dem Sender werde nun ein DIN A4-großer Zettel ausgeliefert, sagt eine Sprecherin der Firma, die den "Mosquito" in Deutschland verkauft. Die Nachfrage sei groß.

Bleibt die Frage, ob es erlaubt ist, ein solches Gerät einzusetzen. "An einem Privatgebäude kann man es befestigen. Es darf aber nicht in den öffentlichen Raum hineinreichen", sagt Thorsten Koch, Rechtswissenschaftler an der Universität Osnabrück. Das passiert bei einer Reichweite von 20 Metern schnell - und grundsätzlich hat jeder Bürger das Recht, die Straße auf normale Art und Weise zu nutzen.

"Schallwaffen gegen die Kinder der Gesellschaft"

Sondernutzungen müssten hingegen genehmigt werden. Ist es schon eine Sondernutzung, wenn man sich auf die Straße setzt? Darf ein Gewerbetreibender die "Mosquitos" anschalten, wenn er seine Geschäfte durch vor seinem Schaufenster sitzende Jugendlichen beeinträchtigt sieht - oder die Jugendliche schlicht nicht mag? Er kann die Polizei rufen oder versuchen, einen Richterspruch einzuholen. Zur Selbsthilfe darf er nur im Ausnahmefall greifen. "Ob die Voraussetzungen dafür schon gegeben sind, wenn jemand vor dem Schaufenster sitzt, wage ich zu bezweifeln", so Thorsten Koch.

In jedem Fall darf eine Privatperson nicht einfach die Jugendlichen belästigen, die auf einer Straße nur beispielsweise zur Schule gehen. Der Ultraschall-Mosquito würde aber auch genau diese Kinder und Jugendlichen ins Ohr stechen. "Wenn alle, die sich im Umkreis von 20 Metern aufhalten, betroffen sind und dadurch eventuell unwohl fühlen, wäre das für mich schon eine strafbare Körperverletzung", so Professor Koch.

Koch rät Jugendlichen, sich in so einem Fall an die Stadtverwaltung zu wenden. Niedersachsens Sozialministerium sieht das ähnlich. "es ist der absolut falsche Weg, mit Störsendern Jugendliche vertreiben zu wollen". so Ministeriums-Sprecher Thomas Spieker.

In Großbritannien ist seit Februar 2008 übrigens eine Diskussion über die "Mosquitos" entbrannt: Der Kinderschutzbeauftragte der Regierung Sir Albert Aynsley-Green will, dass die Pieper verschwinden. der Zeitung "The Times" sagte er: "Diese Geräte diskriminieren alle junge Leute, auch Kleinkinder, egal ob sie sich daneben benehmen oder nicht."

Für Shami Chakrabarti von der Menschenrechtsgruppe Liberty sind die "Mosquitos" sogar "Schallwaffen". Sie sagte der "Times": "Welche Art von Gesellschaft benutzt Schallwaffen gegen ihre eigenen Kinder?"

maf/dpa



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