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01. August 2008, 09:31 Uhr

Pikrin-Lagerung in Schulen

Kracher im Chemiesaal

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Chemie ist, wenn es stinkt und kracht. Gewaltig krachen könnte es an Berliner Schulen, die Pikrinsäure falsch lagern - ein hochexplosiver Stoff, gefährlich wie TNT. Wegen des Sprengstoff-Schlendrians mussten bereits Experten anrücken.

Den Start in die großen Ferien hatten sie sich anders vorgestellt: 200 Schüler des Berliner Diesterweg-Gymnasiums hatten eigentlich noch ihr Schulfußballturnier ausspielen wollen. Doch mit dem Kicken war es jäh vorbei, als Polizei, Feuerwehr und Experten des Landeskriminalamts anrückten und das Gelände räumten. Der Grund: eine 0,2-Liter-Flasche im Chemieraum der Schule, gefüllt mit kristalliner Pikrinsäure.

Der Stoff ist in vielen Chemikaliensammlungen zu finden. "Damit kann man zum Beispiel Farbnachweise für bestimmte Stoffe bei biologischen Experimenten machen", sagt der Bonner Chemieprofessor Siegfried Waldvogel, "man braucht das zwar in der Schule nicht unbedingt, aber diese Farb-Experimente sind schon recht eindrucksvoll." Noch eindrucksvoller indes dürfte es werden, wenn die Pikrinsäure falsch gelagert wird - dann verwandelt sich der Stoff in eine hochexplosive Chemikalie.

Vergessene sensible Substanz

Denn Pikrinsäure müsse "wasserfeucht" verwahrt werden, sagt Siegfried Waldvogel, der auf Sprengstoffanalysen spezialisiert ist, "auf öffentlichen Straßen darf man sie zum Beispiel nur mit 50 Prozent Wasseranteil transportieren". Trockne die Chemikalie, werde sie stoß- und reibungsempfindlich und "so explosiv wie TNT". Dann reicht schon die Reibung beim Öffnen eines Schraubverschlusses, um eine Detonation herbeizuführen. "Richtig gefährlich wird es, wenn noch Metallsalze dazukommen, etwa von einem angerosteten Löffel", warnt Waldvogel.

An bisher mehr als zehn Berliner Schulen war das Wasser-Nachgießen in den vergangenen Wochen und Monaten aber offenbar vergessen worden und die Pikrinsäure eingetrocknet. Immer wieder mussten in den vergangenen Tagen deshalb Feuerwehr und Polizei ausrücken und rigide Schutzmaßnahmen ergreifen: Gebäudeevakuierungen und Straßensperrungen, der Abtransport in Spezialbehältern, schließlich die Sprengung durch Experten des Landeskriminalamts.

Spezialisten im Dauereinsatz

"Fast im Stundentakt liefen an manchen Tagen bei uns neue Meldungen ein", sagt der Berliner Polizeisprecher Bernhard Schodrowski. "Wir hatten regelrechte Pikrin-Wochen in Berlin."

So mussten allein am 17. Juli fünf Schulen geräumt werden: um zehn Uhr der erste Einsatz an der Ernst-Abbe-Oberschule in Neukölln, um 11.25 Uhr die Rheingau-Oberschule in Schöneberg, 14 Uhr wieder Neukölln mit dem Hermann-von-Helmholtz-Gymnasium, kurz vor drei das Immanuel-Kant-Gymnasium in Lichtenberg, um halb vier schließlich die Manfred-von-Ardenne-Schule ein paar Straßen weiter. Und kaum gab es Berichte über neue Funde, meldeten sich schon die nächsten Chemielehrer, die an ihrer Schule ebenfalls auf verdächtige Substanzen gestoßen waren.

Im Ersten Weltkrieg war Pikrinsäure noch als Sprengstoff in Granaten verwendet worden. Wie gefährlich die Chemikalie ist, zeigte sich am 6. Dezember 1917: Im kanadischen Halifax kollidierte ein französisches Munitionsschiff mit 2300 Tonnen Pikrinsäure und 200 Tonnen TNT an Bord mit einem anderen Schiff. Die folgende gewaltige Explosion forderte fast 2000 Todesopfer, die Flut- und Druckwelle der Explosion verwüstete weite Teile der Stadt völlig. Im Umkreis von 70 Kilometern sollen damals Scheiben zu Bruch gegangen sein.

Wie eine Handgranate

Natürlich haben die Chemie-Funde an den Berliner Schulen eine viel kleinere Dimension. "Aber wenn Sie überlegen, dass eine typische Handgranate etwa 50 Gramm Sprengstoff enthält, dann sind 200 Gramm Pikrinsäure schon ein Grund zur Vorsicht", sagt Siegfried Waldvogel - "hoffentlich wissen das auch diejenigen Lehrer, die in Biologie und Chemie fachfremd unterrichten und deshalb vielleicht nicht alle Stoffe in der Chemikaliensammlung so genau kennen".

Andererseits müsse man auch bedenken, "dass zehn übereinander gestapelte Laptop-Akkus mehr Energie enthalten als ein Kilo Pikrinsäure", so der Chemiker - "und die können auch in die Luft fliegen." Dass beim kleinsten Fund von kristalliner, also getrockneter Pikrinsäure sofort Sprengstoffexperten anrücken und ganze Straßenzüge absperren, hält er für "Aktionismus".

Der Berliner Schulsenat will aber kein Risiko eingehen und hat die Schulen per Rundschreiben aufgefordert, bis zum Ferienende noch einmal die Chemikaliensammlungen zu überprüfen. Nicht ausgeschlossen, dass weitere überlagerte Pikrinsäure auftaucht. Andere Bundesländer dagegen wollen erst einmal abwarten: "Die Gefahrstoffbeauftragten an unseren Schulen werden regelmäßig geschult, auf deren Fachkenntnis verlassen wir uns", sagte etwa eine Sprecherin des nordrhein-westfälischen Schulministeriums SPIEGEL ONLINE.

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