Pisa-Analyse Vom Schock zum Schöckchen

Welches Bundesland bildet die besten Schüler aus? Wo steht Deutschland im internationalen Vergleich? Und ist das alles überhaupt sozial gerecht? Morgen wird der neue Pisa-Ländervergleich veröffentlicht. SPIEGEL ONLINE nennt vorab die wichtigsten Ergebnisse.

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Ganz oben: Schüler in Bayern
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Ganz oben: Schüler in Bayern

Die Zunft der Schulforscher beutelt manchmal der Frust. Da werten die Wissenschaftler monatelang Datensätze aus, erstellen Mittelwerte und Perzentilbänder, und am Ende diskutiert die ganze Republik nur über eine einzige Rangliste: In welchem Bundesland schneiden die 15-jährigen Schüler am besten ab, wo schwächeln sie?

Bei der für Donnerstag angesetzten Verkündung des zweiten Pisa-Ländervergleichs soll das alles anders werden: Die Kultusminister veröffentlichten die brisante Länderliste vorab im Juli mit der Begründung, man wolle die Schulstudie aus dem Bundestagswahlkampf heraushalten. Seither steht fest: Bayern ist in allen vier Testkategorien Spitzenreiter, in Mathematik, Lesen, Naturwissenschaften und Problemlösen. Sachsen und Baden-Württemberg streiten sich um den zweiten Platz, der Stadtstaat Bremen hält die rote Laterne.

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Das Pisa-Quartett: Die 16 Bundesländer im Vergleichstest

Da die Platzierungs-Frage also geklärt ist, so hofften die Wissenschaftler, würden sich die Bildungspolitiker entspannt zurücklehnen und sich ganz der Autorität der Zahlen hingeben.

"Tendenziöse Interpretation"

Doch daraus wurde nichts. Wie üblich sickerten einzelne Ergebnisse schon in den letzten Tagen durch. So sahen sich die erfolgsverwöhnten Bayern mit dem Vorwurf konfrontiert, nirgendwo sei die Chancenungleichheit auf dem Weg zum Abitur größer. Der Kultusminister des Freistaates verwahrte sich gegen den Vorwurf, obwohl er sich gemeinsam mit seinen Amtskollegen eigentlich Schweigen auferlegt hatte.

Und alle anderen redeten auch: Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) forderte Förderprogramme für Kinder aus einkommensschwachen Haushalten und Migrantenfamilien, der Deutsche Philologenverband erklärte, die Chancengleichheit habe sich entgegen dieser "tendenziösen Interpretation" nicht verschlechtert. Für den Berufsverband der Lehrer an beruflichen Schulen steht dagegen fest: Unabhängig vom sozialen Hintergrund könne jeder in Deutschland Abitur machen, "man muss es eben nur wollen".

Viel Lärm also um wenige bekannte Daten. Doch was steht eigentlich in der neuen Studie? SPIEGEL ONLINE stellt zentrale Ergebnisse des 41 Seiten starken Konvoluts vorab vor.

  • Im Vergleich zu Pisa 2000, das seinerzeit einen regelrechten Schock unter Bildungspolitikern ausgelöst hatte, stellen die Autoren "bemerkenswerte Fortschritte" fest. Kein einziges Bundesland schneidet bei Pisa 2003 schlechter ab als bei der Vorgängerstudie. Spitzenreiter Bayern schafft den "Anschluss an die internationale Spitzengruppe in allen Kompetenzbereichen". Anderen vormals schlecht platzierten Bundesländer wie Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Bremen gelang ein deutlicher Sprung nach vorn.


  • Vergleicht man den Leistungsstand in den einzelnen Schulformen, fällt das den Forschern zufolge "beträchtliche" Leistungsgefälle zwischen den Bundesländern auf. Bremer Gymnasiasten schneiden beispielsweise im Fach Mathematik im Durchschnitt 51 Punkte schlechter ab als bayerische Schüler, das entspricht laut Studie einem Rückstand von bis zu einem Schuljahr.


  • Im Vergleich der Mathematikkompetenzen schneiden Schüler an Integrierten Gesamtschulen fast überall schlechter ab als Realschüler. In der Lesekompetenz ist der Rückstand der deutschen Schüler zur internationalen Spitzengruppe "weiterhin beträchtlich". Nur drei Länder, Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen, liegen über dem OECD-Durchschnitt.


  • Bayerns Schulen sind sozial besonders selektiv, gefolgt von Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Im Freistaat legen nur 21,6 Prozent eines Jahrgangs das Abitur ab, gegenüber 27 Prozent im Bundesschnitt. Kinder aus der Oberschicht haben in Bayern eine 6,65 Mal größere Chance, das Gymnasium zu besuchen und die Reifeprüfung abzulegen, als Schüler aus einem Facharbeiterhaushalt - bei gleichem Lernvermögen und Kenntnisstand in Schlüsseldisziplinen wie Mathematik und Lesen/Textverständnis. Im bundesweiten Schnitt sind die Bildungschancen von Oberschicht-Kindern viermal so hoch wie von Facharbeiter-Kindern.


  • Gleichzeitig ist eine hohe mathematische Kompetenz in Bayern, Sachsen und Thüringen nicht besonders stark an die soziale Herkunft gekoppelt. Sprich: Die Schüler bringen in dem Fach relativ gute Leistungen, egal aus welchem Elternhaus sie stammen.


  • Alle Ergebnisse bei Pisa-E 2003: Wie die Länder in den vier Kategorien abschnitten
    SPIEGEL ONLINE

    Alle Ergebnisse bei Pisa-E 2003: Wie die Länder in den vier Kategorien abschnitten

  • Die Pisa-Forscher betonen, "wie wichtig gute Kenntnisse der Unterrichtssprache für den Kompetenzerwerb von Jugendlichen mit Migrationshintergrund" sind. Die deutsche Sprache stelle sich nicht automatisch mit der Aufenthaltsdauer ein. So lägen die durchschnittlichen Kompetenzen von Jugendlichen türkischer Herkunft "in fast allen Ländern auf einem Niveau, welches ein erfolgreiches Weiterlernen in Ausbildung und Beruf gefährdet erscheinen lässt".


  • Entgegen gängigen Urteilen differieren die Leistungen von Jungen und Mädchen in naturwissenschaftlichen Fächern nicht besonders stark. Allerdings hätten Mädchen im Vergleich zu Jungen "ein relativ ungünstiges Muster an selbst- und fachbezogenen Einstellungen und Lernstrategien im Fach Mathematik".


  • Im Durchschnitt nutzen 21 Prozent der Schülerinnen und Schüler mehrmals pro Woche den Computer in der Schule. Hinter Bayern belegen in dieser Kategorie die ostdeutschen Länder Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen die vorderen Plätze. Staaten wie Dänemark (65 Prozent) und Australien (58 Prozent) erreichen aber weit höhere Quoten.


  • Problembeladene Schulen - mit fehlenden materiellen und personellen Ressourcen, Problemen mit den Schülern und wenig kooperationsfreudigen Kollegien - sind nicht gleichmäßig über die Bundesländer verteilt: Baden-Württemberg hat mit 45 Prozent den niedrigsten Anteil, Bremen mit 82 Prozent den höchsten.


  • Je mehr Sozialhilfeempfänger im Einzugsgebiet einer Schule leben, desto schlechter ist die durchschnittliche Leistung der Schüler dieser Schule.


  • Bereinigt man die Rangliste der Länder um soziale Faktoren, etwa den sozialen Status der Eltern oder den Ausländeranteil, ergeben sich keine wesentlichen Verschiebungen: Bayern, Sachsen und Baden-Württemberg liegen immer noch vorn, Bremen am Ende.

Pisa-Studie der OECD 2003
Bei Pisa 2000 erreichte Deutschland im Fach Mathematik Rang 20. Unter den damals vertretenen Ländern würde Deutschland heute Rang 16 belegen. Im Bereich Lesen damals Rang 21, heute Rang 18. In den Naturwissenschaften damals Rang 20, heute Rang 15.

Mathematik

Lesen

Naturwissenschaften

Klicken Sie auf die Grafiken, um zu den Ranglisten zu gelangen.




Die Zahlen beruhen sämtlich auf Erhebungen aus dem Jahr 2003. Für die Fortsetzung des "Programme for International Student Assesment" von 2001 wurden rund 45.000 Schüler getestet. Über 1500 Schulen beteiligten sich an der Erweiterungsstudie Pisa-E, die fast 2,4 Millionen Euro kostete - eine Art Fitnesstest der Bundesländer.

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Hürdenlauf, 13.04.2005
1.
richtig, an unserem Bildungssystem hapert es, aber ich bezweifle, dass ein Unterricht im Englischen ab Kindergartenalter an die Situation verbessert.... damit unsere Kinder "lernen" können, muss ihnen auch die Möglichkeit gegeben werden und dazu gehört das richtige Umfeld. unsere Kinder kommen in überfüllte Klassen, in denen pädagogisches Arbeiten kaum möglich ist.... das Sprachniveau sinkt, aber der Bereich "Sprachförderung" wird permanent zusammengestrichen.... unsere ausländischen Kinder kommen, wenn sie nach Deutschland kommen, ein Jahr in eine "Auffangklasse" und sollen nach diesem Jahr so gut deutsch sprechen, dass sie dem Unterricht problemlos folgen können... dies ist doch paradox und nahezu unmöglich... die Folge daraus ist, dass immer mehr Kinder auf Grund mangelnder Deutschkenntnisse versagen... es muss sich was ändern in Deutschland... richtig.... damit die Kinder lernen können brauchen wir kleinere Klassen, möglichst ... wie in Skandinavien... mehr als einen Lehrer in der Klasse... oder eben zumindest eine zweite person, die mithilft.... mehr Förderprogramme.... Unterstützung für die Familien... mehr Personal in den Beratungsstellen .... eine Abkehr vom "sturen" pauken... Lernen muss man "lernen", aber dazu fehlt die Möglichkeit.... diese muss man schaffen.... stattdessen werden Lehrmittel gekürzt und nun eine Eigenleistung der Eltern gefordert.... Lernen wird eine Finanzentscheidung für die Familien... die Gymnasien werden einen Schwund erleben... zumindest in der Oberstufe, da es sich viele Familien nicht "leisten" können, dass ihr Kind noch zur Schule geht und Geld für Schulbücher ausgibt, statt Geld zu verdienen und damit zum Unterhalt der Familie beizutragen.... die pädagogische Betreuung und Arbeit in Skandinavien basiert auf völlig anderen Grundlagen... diese müssen bei uns erst geschaffen werden, aber davon merkt man leider nichts in Deutschland... schade.... auch die Ausbildung der Pädagogen muss andere Schwerpunkte bekommen.... mehr Praxisarbeit während des Studiums wäre wünschenswert und käme dem Schüler zugute... naja... was solls.... Theorie und Praxis sind nun mal doch verschiedene Stiefel... zumindest in unserer Bildungspolitik :-(
schlobies, 19.04.2005
2.
Pisa11- Natürlich meinte ich nicht,daß man einen Vierjährigen zwingen sollte,sich für Quantenmechanik zu interessieren-oder Informatik.Ich bin aber absolut sicher,daß es da welche gibt,die sich interessieren.-- Die Grundlagen der Quantenmechanik sind nicht schwerer zu verstehen als andere Dinge auch.Gerade Kinder haben vorurteilslos weit mehr Interesse an seelenlosen Dingen-sie können bspw stundenlang mit Bauklötzchen spielen.- Aus der Reaktion Ulrich sehe ich das typische Vorurteil,daß die neuesten Erkenntnisse schwieriger sind als alte.Das ist ein großer Irrtum.Moderne Physik ist logisch-wenn auch nicht anschaulich.Alte Physik ist anschaulich-aber unlogisch.-Das nur nebenher.- Versuchen Sie mal die Schwerkraft zu erklären.Wie macht die Erde das,daß sie uns anzieht-durch einen Tisch -durch Geschoßdecken durch-und keine Gummifäden sind sichtbar.-Das ist in der klassischen Physik absolut unverständlich.--Kinder wollen wissen,wie macht die Schwerkraft das?-- Was ich meine ist,daß man den individuellen Neigungen weit mehr Chancen geben sollte.Und wenn einer besser über fleischfressende Pflanzen Bescheid weiß als sein Biolehrer,so soll das eine 6 in Erdkunde ausgleichen.- Es ist nachgewiesen-und hier nirgends widersprochen,daß unsere Gesellschaft eine furchtbare Genie-Vernichtungsmaschine ist.Warum haben wir denn heute keinen Goethe oder Schiller?Die Erbanlagen haben sich seither nicht verändert-die Zahl der Deutschen hat sich vervielfacht-warum nicht auch die Zahl der Genies? Christoph Schlobies Diplom-Physiker ,Kampfdenker www.schlobies.de mein Kulturtip: www.juane-delia-von-hemmer.de 1.Malerin des Transmorphismus
Reimer, 19.04.2005
3.
Ich habe im Jahr 2004 mein Abitur erhalten und bin daher noch ziemlich nah dran am Geschehen in der Schule und weiß zumindest von meiner Schule, wie das System funktioniert. Natürlich läßt sich nur schwer von einem Gymnasium auf eine Real- oder Hauptschule schließen, doch das Niveau auf einem deutschen Gymnasium muss nicht von Qualität sein. Im 11. Jahrgang war ich für sechs Monate in Namibia und bin zum zweiten Halbjahr in meinen alten Jahrgang zurück gekommen. Man könnte vermuten, dass eine Auszeit von sechs Monaten das Nachlernen von viel Stoff bedeutet, aber das ist leider nicht so. Schlussendlich habe ich einen Nachmittag in Mathematik den Stoff nachgeholt und mir einmal durchgelesen, welche Themen in Erdkunde behandelt wurden und damit hatte ich keinerlei Probleme in den bestehenden Unterricht mich wieder einzubringen. Aber darf es sein, dass man den Unterricht aus einem halben Jahr ignorieren kann? Meiner Meinung nach nicht, aber das System erlaubt es einem geschickten Schüler mit wenig Aufwand die Schulzeit zu durchleben. Mehr Druck halte ich jedoch auch für keine Lösung des Problems. Viel mehr sollte man den Schülern wieder den Spaß am Lernen vermitteln. Erinnere ich mich an die Grundschule, so war zumindest die ersten Jahre ein Genuß, da man jeden Tag neues Wissen erlange und etwas neues erleben konnte. Die Welt ergab jeden Tag mehr Sinn. Im Gymnasium änderte sich dieses Gefühl schnell. Es gab natürlich Lehrer, die ein Lichtblick am Horizont waren und dessen Unterricht wunderbar war, aber ein Großteil der Lehrer schienen Spaß am monotonen Unterricht zu besitzen und das so wurde der Unterricht für die Schüler ebenso trist. Meiner Meinung nach sollte das Ziel der Bildung sein, dass Schüler mit einem guten Gefühl in die Schule gehen. Es muss keine Freude sein, ab zumindest etwas positives wäre sinnvoll. Gruß Reimer
schlobies, 20.04.2005
4.
so ist es! schlobies
schlobies, 20.04.2005
5.
Pisa12- Was wir in Schule und Kultur brauchen, ist Begeisterung und nochmal Begeisterung.Kein stumpfsinniges Vokabeln lernen-oder Grammatik.Grammatische Regeln bildet das Gehirn übrigens intuitiv-so haben wir Deutsch gelernt. Wenn wir jeden Satz auf Grammatik überprüfen würden,könnte doch kein Deutscher Deutsch sprechen.- ------------------------ Zum Auswendig Lernen: Ich selbst wurde in Latein erst gut,als ich "Pyramus et Thisbe ,juvenum pulcherrimus alter, altera quas oriens habuit,praelata puella.- Contiguas tenuere domos,ubi dicitur altam coctilibus cinxisse Semiramis urbem.." (so ungefähr) auswendig gelernt hatte.Ich kann es -wie man sieht-tw noch heute-sehr zur Bewunderung meiner Geliebten.Das sollten sich die Jünglinge also durchaus zu Gemüte ziehen.- Also entgegen der Lehrmeinung:Im Sprachunterricht durchaus auswendig lernen,aber keine Vokabeln,keine grammatischen Reglen,sondern lebendige Texte.Schliemann hat so in wenigen Wochen Griechisch gelernt,indem er einfach die Ilias auswendig lernte.-- Jeder Lehrer,der as Auswendig-Lernen von Vokabeln fordert,sollte sofort verhaftet Und nach Sibirien verbracht werden.-Auspeitschen ist ja heute nicht mehr modern.- Noch etwas zu den Bauklötzchen. -Molekulare Genetik ist nicht viel anders. Es gibt keinen Grund ,diese einem 6-jährigem vorzuenthalten. Christoph Schlobies Diplom-Physiker ,Kampfdenker www.schlobies.de mein Kulturtip: www.juane-delia-von-hemmer.de 1.Malerin des Transmorphismus
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