Pisa-Donnergrollen O'zapft is

Heute mittag kommen die Pisa-Ergebnisse des Ländervergleichs. Bayerns Kultusminister weiß: Sein Freistaat ist eh der beste - dank Sekundärtugenden wie Fleiß und Ordnung. Die Kritiker indes finden die bajuwarische Bildungspolitik allzu krachledern, aus Paris stänkert "Mr. Pisa".

Von und Julia Maria Bönisch


Grundschüler (in München): Räumt Bayern wieder ab?
DPA

Grundschüler (in München): Räumt Bayern wieder ab?

Der neue bayerische Kultusminister Siegfried Schneider ist noch keine 100 Tage im Amt, da gerät er schon mächtig in Feierlaune: Bayern, dafür sprechen alle Indizien, dürfte beim innerdeutschen Pisa-Vergleich abermals Klassenprimus werden.

Offiziell verkünden die Kultusminister die Ergebnisse der 16 rivalisierenden Länder zwar erst Donnerstagmittag, aber Schneider weiß natürlich schon Bescheid. Und so schwärmt der CSU-Mann in der aktuellen "Zeit"-Ausgabe enthemmt von den Schulen des Freistaats: "Wir haben immer auf Qualität gesetzt", etwa bei den zentralen Abschlussprüfungen - "so konnte kein Lehrer und keine Schule das Niveau senken". Vor allem aber sei man in Bayern nie dem Zeitgeist hinterhergejagt. Damit nimmt Schneider die 68er aufs Korn: "In unseren Schulen gab es keine Debatte über die Sinnhaftigkeit der Sekundärtugenden wie Fleiß, Ordnung, Pünktlichkeit oder Verlässlichkeit."

Als Ziel hat Ministerpräsident Edmund Stoiber für die nächsten Jahre ausgegeben, "aus unserer sehr guten nationalen Position unter die ersten fünf im internationalen Vergleich zu kommen". So viel Selbstgewissheit ist Andreas Schleicher vom OECD-Büro in Paris bei weitem zu viel. Der Leiter der internationalen Pisa-Studie widerspricht energisch: Kein Bundesland sei international konkurrenzfähig. Auch seine Kollegin Ramona Hering, Sprecherin des OECD-Zentrums in Berlin, mahnte die national erfolgreichen Bundesländer zur Zurückhaltung. Fakt sei, dass Deutschland insgesamt nicht ausreichend abschneide. "Wenn dann Bayern einen Spitzenplatz belegt, heißt das nicht, dass es international mithalten könnte", betonte Hering.

Andreas Schleicher, der streitbare "Mr. Pisa" der OECD, hat Deutschlands Schulpolitik schon häufig gerüffelt und sich damit den bleibenden Zorn etlicher Kultusminister zugezogen. Kurz vor Veröffentlichung des Pisa-Ländervergleichs, bei dem 45.000 deutsche Schüler knifflige Aufgaben lösen mussten, lud er nun nach: Die Deutschen seien bei der Einführung verbindlicher Standards über das Ziel hinausgeschossen. Den Schulen fehle es an Freiraum, die Notenvergabe sei überholt.

"Schlechte Schüler nach unten durchgereicht"

Dreieinhalb Jahre nach der ersten Pisa-Testwelle kritisierte Schleicher in einem Interview der "Wirtschaftswoche", in Deutschland seien die Bildungsstandards "riesige Wälzer". Im Vorzeigeland Finnland, das bei der letzten Untersuchung zur Spitzengruppe zählte, umfassten sie lediglich 35 Seiten. Bei den deutschen Bildungsreformen dagegen seien meist "nur neue Normierungssysteme für Schülerleistungen und Lehrpläne in neuem Gewand herausgekommen".

OECD-Experte Schleicher: "Konsequent Verantwortung abgewälzt"
AP / Fritz Reiss

OECD-Experte Schleicher: "Konsequent Verantwortung abgewälzt"

Der OECD-Experte forderte größere Freiräume der Schulen bei der Festlegung pädagogischer Inhalte sowie bei Budget und Personal. Weder das dreigliedrige Schulsystem noch Gesamtschulen seien geeignet, Schülern individuell gerecht zu werden. "Die Dreigliedrigkeit ist Ausdruck eines Systems, das konsequent Verantwortung abwälzt", kritisierte Schleicher. Schlechte Schüler würden nicht gefördert, sondern "nach unten durchgereicht".

Einen Lichtblick sieht Schleicher allein in den deutschen Kindergärten, die zunehmend als integraler Bestandteil des Bildungssystems betrachtet würden: "Hier hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden."

Die Bajuwaren ficht das alles nicht an. Kultusminister Schneider ist davon überzeugt, dass durch das Fordern von Leistung nicht nur den starken, sondern auch den schwachen Schülern geholfen werde. Beim ersten Bundesländervergleich 2002 hatten Bayerns 15-jährige Schüler einen Lernfortschritt von bis zu zwei Schuljahren gegenüber den Schlusslichtern aus Bremen gezeigt.

"Soziale Schere klafft auseinander"

Dennoch sieht der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Albin Dannhäuser, "keinen Anlass für Jubelfeiern". So erreichten 50.000 Schüler pro Schuljahr in Bayern nicht das Klassenziel. Zudem sei der Schulerfolg in keinem anderen Bundesland derart abhängig von der sozialen Herkunft. Jedes fünfte Kind aus Migrantenfamilien bliebe ohne Schulabschluss. "Das ist eine schulpolitische und gesellschaftliche Katastrophe", so Dannhäuser.

Auch die bayerische Opposition warnte die Regierung vor Überheblichkeit. "Die soziale Schere beim Zugang zu Bildung klafft immer weiter auseinander", sagte Margarete Bause, Vorsitzende der Landtags-Grünen. "Für diejenigen mit schlechten Startmöglichkeiten hat sich die Situation teilweise weiter verschärft." Besonders Kinder von Migranten seien benachteiligt.

Die Grünen-Bildungsexpertin Simone Tolle verwies dazu auf eine von ihrer Fraktion in Auftrag gegebene Studie aus dem vergangenen Jahr. Demnach erreichen acht bis zehn Prozent der bayerischen Schüler keinen Schulabschluss, 15 bis 20 Prozent haben keinen Berufsabschluss. Besonders betroffen sind der Untersuchung zufolge junge Leute, deren Eltern ebenfalls keine Ausbildung abgeschlossen haben.



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