Pisa-Fiasko Das Land der Dichter und Denker - abgehängt

Die Schüler schmollen, Lehrer grollen, die Bildungspolitiker raufen sich die Haare oder spielen Schwarzer Peter. Derweil wird Pisa zur harten Währung der internationalen Schulbildung - weil es in der Studie um Lebenstüchtigkeit, nicht um Bücherwissen geht.

Dass mit dem Deutschunterricht etwas nicht stimmt, ahnte bereits länger auch die Runde der deutschen Kultusminister. Im Auftrag der KMK gab der Hamburger Staatsrat und Pisa-Organisator Hermann Lange schon im vergangenen Jahr mehrere Expertisen über den Zustand der Philologie an deutschen Gymnasien in Auftrag. Das Ergebnis war so entmutigend, dass die Auftraggeber von einer Veröffentlichung absahen. Vernichtend das Urteil des Augsburger Germanistikprofessors Kaspar Spinner: Die Deutsch-Lehrpläne seien so überfüllt, das sinnvoller Unterricht gar nicht mehr möglich sei. "Die Inhalte werden nacheinander durchgenommen und abgehakt."Dem gymnasialen Unterricht in der Mittel- und Oberstufe mangle es an Methoden, "die auf Erkenntnissen zum Wissens- und Fähigkeitserwerb beruhen". "Leseförderung", merkte der Tübinger Kollege Thomas Kopfermann an, reduziere sich allzu oft "auf den gut gemeinten Rat, zum guten Buch zu greifen". Kleiner Griff zum Franzosen Jean Anouilh. Eine Szene aus seinem Stück "Léocadia" heißt "Amanda und die Herzogin" und handelt von der Liebe zwischen Amanda und - natürlich - einem Prinzen. Die Aufgabe für Pisa-Prüflinge: die Szene zu inszenieren. Stellt euch vor, ihr seid der Regisseur, der Bühnenbildner, der Beleuchter, der Sound-Mann: Was würdet ihr tun? Auf der Rückseite des Aufgabenblatts findet sich eine schematische Darstellung der Bühne. Die deutschen Prüflinge haben sich auch hier nicht besonders geschickt angestellt. Wie auch? So etwas steht in keinem deutschen Lehrplan. Sollte es aber. Annette Schavan fordert einen kreativeren Unterricht. Es könne nicht nur darum gehen, Erörterungen zu schreiben ("Die sind notwendig, aber langweilig"), sondern die Schüler sollten auch selbst Gedichte oder Geschichten zu Papier bringen. Wichtig sei, dass die Schulen mit Autoren, Theatern, Journalisten oder der Stiftung Lesen kooperierten, um den Schülern mehr Lust auf die deutsche Sprache zu machen. Weil die Schriftlichkeit zeitweise in Deutschland als etwas Elitäres galt, verzichteten viele fortschrittliche Lehrer gern darauf. Einen Bärendienst haben progressive Pädagogen ihren Schülern damit erwiesen, dass sie in Fächern, in denen es scheinbar nicht so darauf ankommt, eine anständige - das heißt: schriftliche - Ausdrucksweise für zweitrangig erklärten. "Die Eltern interessieren sich immer weniger dafür, was ihre Kinder in der Schule machen""Große Probleme bei der Rechtschreibung und Stilistik" sind nach Ansicht der Lehrerin Ulrike Kramme die Folgen. "Es wird zu wenig geschrieben im Unterricht", so die Pädagogin. Den Schülern falle es schwer, korrekte Satzgefüge zu konstruieren, Grammatikfehler seien die Regel.

Der Deutschunterricht ist für Ulrike Kramme eines der Schlüsselfächer an der Schule, nicht nur um "das Textverständnis, sondern um das Selbstverständnis der Schüler zu stärken". Dazu gehöre auch, nach den Terroranschlägen vom 11. September in der Klasse über Gewalt, Religion und Fanatismus zu diskutieren. Es gibt im Schavan-regierten Ländle schon seit einiger Zeit Versuche, Einsichten der Pisa-Experten umzusetzen. In Baden-Württemberg können Gymnasien im 12. Jahrgang Extra-Unterricht anbieten: drei Stunden pro Woche außerhalb des normalen Lehrplans, zusätzlich, aber freiwillig. Zwei Lehrer betreuen gemeinsam eine Schülergruppe. Die Themen sind fächerübergreifend, da geht es um die Manipulation durch die Werbung, die verschiedenen Lebenswege von Geschwistern oder um Rassismus.Die Arbeit liegt von Anfang an in den Händen der Schüler: ein Thema finden und eingrenzen, Arbeitsgruppen bilden, mit Hilfe von Büchern, des Internet oder von Interviews recherchieren, die Ergebnisse in einem Vortrag, möglichst mit Hilfe eines Papers oder eines Projektors, präsentieren. Die Pädagogen leiten die Schüler an, unterstützen sie, treten aber nicht als umfassend gebildete Lehrmeister auf.

"Manchmal wissen die Lehrer nicht mehr als wir", erzählt Florentine Schaub, 17, vom Scheffel-Gymnasium im badischen Lahr, und Stolz schwingt in ihrer Stimme mit. "Das bringt uns richtig viel", sagt Sven Hager, ebenfalls 17. Im normalen Deutschunterricht habe er mit einem mündlichen Referat zu den "Leiden des jungen Werther" von Goethe "richtig Eindruck gemacht". Eine gute Rhetorik, die optimale Körperhaltung, passende Präsentationstechnik - alles im Seminarkurs gelernt. Überstunden, völlig freiwilligObwohl die Schüler zu den drei Stunden in der Schule noch einmal die gleiche Zeit zu Hause investieren müssen, sind sie begeistert. "Das ist der optimale Unterricht", meint Susanne Füner, 17, "besser als all die anderen Stunden." Der Kurs sei wie eine Familie. Im Herbst sind sie gemeinsam zur Buchmesse nach Frankfurt gefahren. "Das reine Fachwissen tritt in den Seminarkursen in den Hintergrund", so die Deutschlehrerin Ulla Ewald-Spiller, 54. In den Stunden werden Arbeitstechniken, soziale Kompetenzen und auch die Leistungsbereitschaft trainiert.

Dabei ist der freiwillige Unterricht kein reines Vergnügen. Jeder Schüler muss seine Ergebnisse als schriftliche Arbeit abliefern und in einem Kolloquium an der Schule vorstellen. Und dafür gibt es dann eine Note. Einziger Vorteil: Die Zensur fließt nur dann in den Abiturschnitt ein, wenn sie ihn verbessert. Der Kurs fördert die Lust, auch in der Freizeit zu lesen. Sven hat privat gerade "Homo Faber" von Max Frisch und "Der Herr der Ringe" von Tolkien gelesen, Florentine "Die Pest" von Camus. "Zum Fernsehen fehlt mir oft einfach die Zeit", berichtet Sven. Und seine Mitschülerin Jana Trampert, 18, ebenfalls im Sonderkurs, erklärt: "Ich schalte nie sinnlos den Fernseher ein, einfach herumzappen, das macht mir keinen Spaß." Doch solche Versuche erreichen bisher nur eine kleine Minderheit. Erst eine Zusatzstudie des Pisa-Tests wird es erlauben, Schülerleistungen nach Schulen und Bundesländern zu differenzieren. Die Ergebnisse werden für das nächste Jahr erwartet. Dann wird sich zeigen, was solche Projekte wert sind. Was wird aus unseren Kindern? Auf die besorgte Frage vieler Eltern gibt die Pisa-Studie auf nationaler Ebene eine niederschmetternde Antwort: wahrscheinlich nicht besonders viel. Fast jedes vierte Kind in Deutschland, so lassen die Ergebnisse schließen, droht im Abseits zu landen. Das runde Viertel der 15-Jährigen, das entweder nur die niedrigste Kompetenzstufe auf der Literacy-Skala erreichte oder gar völlig unter dem Strich lag, das sind wahrscheinlich verlorene Kinder. Im fünften Teil:

Wie Schüler zu bluffen lernen

Genau dieser Bildungsbodensatz ist es, der den Forschern zu "Befürchtungen" Anlass gibt, "dass es einem großen Teil der Arbeitskräfte und Wähler von morgen an den nötigen Fähigkeiten fehlen wird, um die ihnen abverlangten fundierten Entscheidungen treffen zu können", so ein Mitarbeiter der Untersuchung.

"Wir gehen mit den Schwachen am miserabelsten um", so liest der Berliner Schulexperte Stryck den Pisa-Befund. Die Jahrzehnte sozialdemokratisch geprägter Schulreform, der Versuch, über staatliche Bildung sozialen Chancenausgleich herzustellen - gescheitert? "Sozialdemokratische Romantik" nennt das der Grüne Stryck. Tatsächlich enthüllt der durch Pisa mögliche internationale Vergleich den Deutschen ein soziales Dilemma ungeahnten Ausmaßes. Deutschland hat die größten Leistungsunterschiede unter seinen 15-jährigen Schülern aufzuweisen. Nirgendwo anders ist die Schere zwischen den Guten und den Schlechten weiter geöffnet. Zugleich ist Deutschland laut Pisa nach Mexiko das Land mit dem stärksten sozialen "Gradienten". Der soziale Gradient ist der Maßstab für die Abhängigkeit des Leistungserfolges von Herkunft und Umfeld der Schüler. In Deutschland herrschen ausweislich der Pisa-Studie Verhältnisse, die eines Hightech-Staates nicht würdig sind. "In keinem anderen Land der Welt", sagt Pisa-Chef Schleicher, "sind wir auf so unüberwindbare Bildungsschranken wie in Deutschland gestoßen - ich wollte es gar nicht glauben."

Die Korrelation zwischen schlechten Leistungen und gestörten Familienverhältnissen, die Pisa besonders an den deutschen Schulen ans Licht brachte, beobachten die Hauptschullehrer Tag für Tag. "Die Eltern interessieren sich immer weniger dafür, was ihre Kinder in der Schule machen", erzählt der Chemielehrer Ruschpler von der Hamburger Schule Holstenhof in Wandsbek: "Beim Elternabend kann ich eine Skatrunde aufmachen - mehr als zwei Leute kommen da nicht." Und weil in den Familien nicht mehr geredet werde, glaubt Ruschpler, "verfällt auch die Sprache". Wandsbek ist überall. Das Land, wie es sich in der Pisa-Studie darstellt, ist aufgeteilt in abgeschottete Bildungsdomänen. Es gibt die Überflieger, die typischerweise fast nur aus Top-Elternhäusern kommen. Es gibt andererseits die Kinder allein erziehender Mütter, die ausweislich aller Tests ein besonders hohes Versagensrisiko mit sich tragen. Fast jedes vierte Kind droht im Abseits zu landenIm intellektuellen Hinterhof, wo Mütter natürlich kein Abi haben, bleiben die Schüler, so Pisa, mit dreifacher Wahrscheinlichkeit im unteren Leistungsdrittel. Ein Großteil der Kinder ausländischer Eltern, selbst wenn sie hier geboren und aufgewachsen sind, wird es kaum je schaffen. Im Pisa-Test schneiden sie fast ebenso schlecht ab wie ihre eingewanderten, radebrechenden Mitschüler. Einmal Ausländer, immer Ausländer.

In einigen Staaten an der Spitze der Pisa-Untersuchung - etwa Finnland, Südkorea oder Japan - leben kaum Ausländer. Das erleichtert es den Schulen natürlich. Die Migranten in Deutschland taugen jedoch nicht als Entschuldigung für das schlechte Abschneiden der Bundesrepublik. Länder wie Österreich oder die Schweiz haben ebenso einen hohen Ausländeranteil, ihre Schulen erzielen aber bessere Ergebnisse als die deutschen Lehranstalten. Hier zu Lande herrschen an vielen Schulen Verhältnisse, vor denen selbst die Pisa-Prüfer kapitulieren müssen. "Wie soll jemand die Fragebögen über den Bildungsstand seines Vaters ausfüllen, wenn er seinen Erzeuger nicht mal kennt?", fragt Uwe Duske, Direktor der Pisa-geprüften Nikolaus-August-Otto-Hauptschule in Berlin. Die Schule liegt im Stadtteil Lichterfelde. Von den 200 Schülern sind 82 Prozent deutscher Herkunft - anders als in Berlin-Neukölln oder Kreuzberg. "Trotzdem", klagt der Rektor, "verstehen sie die einfachsten Sachen nicht." Das Wort "Ferkel" kennen viele der 12- bis 17-Jährigen nicht, weil es in ihrer Welt nicht vorkommt. Heißt es etwa in einer Mathe-Aufgabe: "Errichte eine Senkrechte ...", dann wissen die Jungen und Mädchen durch den Unterricht zwar, was eine Senkrechte ist, verstehen jedoch das Wort "errichte" nicht.

Bruchrechnen bei Mathelehrerin Eva Große-Lochtmann: "Stellt euch vor, ihr habt eine Torte und vier Leute sind eingeladen ..." Die Schüler starren die Lehrerin an. Sie wissen nicht, was sie machen sollen, bei ihnen zu Hause werden nicht vier Leute zur Torte eingeladen. Die Umwelterfahrung, stellen Duskes Lehrer bei ihren Schülern immer wieder fest, ist sehr gering. Sie kennen nicht einmal ihre eigene Stadt. "Wenn ich mit ihnen vor dem Charlottenburger Schloss stehe, fragen die ernsthaft: Sind wir jetzt im Ausland? Wollen wir in den Randbezirk Erkner ins Grüne fahren, fragen sie: Welche Sprache sprechen die da?" Die Eltern entdecken mit ihrem Nachwuchs nicht mehr die Welt. Sie lesen den Kindern nichts vor. Sie reden oft nicht einmal mehr mit ihrem Nachwuchs. "Die Kinder sind auf nichts neugierig, sie interessieren sich nicht für die Vorgänge in ihrer Umgebung.""Sie tricksen, das haben sie gelernt"Die Berliner Hauptschüler waren sechs Jahre mit allen anderen gemeinsam in der Grundschule. Dabei haben sie gelernt: Wer dumme Fragen stellt, der kriegt nur schlechte Noten. Deswegen sind sie als Negativauslese an der Hauptschule gelandet. Zu Hause werden ihre Fragen in der Regel ebenfalls abgeblockt. Duske: "Darum tun viele bei uns nur so, als hätten sie es verstanden. Sie tricksen, das haben sie gelernt. Sie lernen zu bluffen, um in unserer Gesellschaft überleben zu können."

Nach dem verlorenen Viertel, ganz ans untere Ende der Pisa-Leistungsskala, hat ohnehin schon lange kein deutscher Schulpolitiker geguckt. "Die Schulpolitik", sagt Duske, "kümmert sich am liebsten um die Besten, die Begabten, die Eliten, nicht um die, die es nicht schaffen. Unsere Schüler aber werden einfach abgehängt." Damit will sich Josef Hofstetter, Konrektor der Hauptschule im bayerischen Taufkirchen, nicht abfinden. Die Schule in der 8500-Seelen-Gemeinde nordöstlich von München wurde erst kürzlich von Bundespräsident Johannes Rau mit dem "Hauptschulpreis 2001" ausgezeichnet, den die Hertie-Stiftung zusammen mit dem Arbeitgeber- und Lehrerverband auslobt. Das Kollegium ist stolz auf die Anerkennung, denn der Preis ist auch ein Etappensieg in einem Kampf, der vor zehn Jahren begann und aus der Hauptschule am Rande des Erdinger Mooses eine pädagogische Musteranstalt machte. Damals bekam die Idylle in Taufkirchen Risse, die scheinbar heile Welt der rund 350 fast ausschließlich deutschen Schulkinder bröckelte. Drogen wurden an der Hauptschule entdeckt. Was nahezu Alltag ist in Berlin, Hamburg oder München, war für die kleine Gemeinde ein Schock. "Da standen wir vor der Frage, machen wir's nur mit der Polizei, oder gehen wir das positiv an?", sagt Hofstetter. Im sechsten und letzten Teil:

Konzepte gegen den Bildungs-Notstand

Die Schule entschied sich für harte Arbeit. Die Lehrer schufen das Projekt "Suchtlos glücklich", bald gab es Streitschlichter, das Projekt "Soziales Lernen", einen Schülertreff, den Mittagstisch, das Pausenradio. Die Lehrer förderten Mitbestimmung auf allen Ebenen. Vor allem aber holten sie die Stillen aus ihren Ecken, die unsicheren Schüler, die in der Pause oft die Prügel abkriegen. Die Angst haben vor dem Versagen.

Bei der Aktion "Keiner glaubt, dass ich das kann!" etwa konnten die unauffälligen Klassenkameraden ihre Hobbys vorstellen und endlich mal die Besten sein, im Jonglieren, Basteln, Torwandschießen. Fraglich, ob so etwas an einer Ghetto-Hauptschule in einer Großstadt verfangen würde - doch in dem bayerischen Dorf funktionierte es: Der Ton wurde freundlicher, die Stimmung entspannter, die Noten wurden besser. Hofstetter glaubt, dass die Leistungen seiner Schüler vom Selbstvertrauen abhängen. "Wer einen Erfolg bestätigt kriegt, bei dem kommt Freude auf." Nur ganz wenige unterlägen in Taufkirchen noch dem "Null-Bock-Syndrom", drei bis vier Schüler pro Jahrgang, schätzt der Konrektor, die Durchfallquote sinkt. Auch dieses Mal scheinen alle in der Neunten den Abschluss zu schaffen, die meisten haben schon eine Lehrstelle. "Manche Bücher sind ja auch ganz cool"Sie werden Bäcker, Kaminkehrer, IT-Techniker, Arzthelferin und Bürokaufmann. Oder sie gehen auf weiterführende Schulen, wo sie sich, sagt Deutschlehrerin Renate Holzinger, "jederzeit sehen lassen können". Rechtschreibung ist auch für die 9b in Taufkirchen zwar gelegentlich eine harte Nuss, aber die Leistung steigt allmählich. In der Schülerbibliothek kümmern sich die 14-Jährigen selbst um ausreichend Jugendliteratur. Das verleitet zum Lesen, und manche Bücher, sagt ein Schüler, seien ja auch "ganz cool".

Insgesamt sind fast immer die Jungs die Versager, Mädchen haben durchweg bessere Ergebnisse. So signifikant schlägt sich die Geschlechterdifferenz in den deutschen Pisa-Leistungen nieder, dass Experten schon darüber nachdenken, ob Jungs in Deutschland als benachteiligt angesehen werden müssen. Solche Unterschiede gibt es überall auf der Welt. Aber in Deutschland treten sie massiv auf. Die Nation Kants und Humboldts ragt nicht nur weltweit mit ihren Bildungsbarrieren hervor, sie muss sich auch vorwerfen lassen, diese durch ihr staatliches Schulsystem noch zu erhöhen. Der Einfluss der öffentlichen Schulen auf die Leistungsunterschiede der Schüler ist in Deutschland im Weltvergleich übermächtig. Bildungsforscher Schleicher präsentiert eine Gleichung von bedrohlicher Schlichtheit: "Wenn man in Deutschland weiß, auf welche Schule einer geht, dann ist klar, was er leisten wird." Schultyp als BildungsbarriereDass die Differenzierung nach Schulen maßgebend für den Lernerfolg der Kinder ist, sagen die Pisa-Forscher, sei eine altbekannte Weisheit. "Verblüffend" sei jedoch gewesen, mit welcher Wucht dieser Effekt sich in den deutschen Zahlen niedergeschlagen habe. Die Lehre aus dem weltweiten Vergleich: Länder wie Finnland, Südkorea oder Japan, deren Schulkinder zur Spitzengruppe gehören, weisen nicht nur weitaus geringere Leistungsdifferenzen auf, der soziale Gradient, die Leistungsabhängigkeit von der Herkunft, ist viel geringer. In Japan entscheidet eher die Bildung über den sozialen Aufstieg, in Deutschland die soziale Stellung über die Bildungschancen. Viele der Länder mit erfolgreichen Pisa-Pennälern haben integrierte Schulsysteme. Bildungsbarrieren werden da jedenfalls nicht wie in Deutschland durch die Wahl des Schultyps errichtet.

Ist die Gesamtschulwelt also doch die bessere Welt? Dagegen sprechen die Testergebnisse aus den deutschen Gesamtschulen: Deren Schüler schneiden nicht besser ab als andere. Zwar werden, so zeigten Untersuchungen in Nordrhein-Westfalen, die Schulnoten besser - aber nicht die Leistungen. Der Grund für das Scheitern der deutschen Gesamtschul-Experimente: Solange die Gesamtschulen in Konkurrenz zu gegliederten Schulen stehen, verlieren sie. Die Gesamtschulen werden zum Hinterhof der Bildung. Kleinstaaterei in der BildungDoch das staatliche Schulsystem in eine einzige große Gesamtschule umzuwandeln ist nach den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte in Deutschland politisch nicht durchsetzbar - schon gar nicht 16-mal, Bundesland für Bundesland. Der Münchner Max-Planck-Forscher und Bildungspsychologe Franz Weinert warnte vor zwei Jahren vor den Folgen einer neuen "Egalisierungsideologie": Die Unterschiede zwischen den besseren und den schlechteren Schülern würden nicht geringer, sondern größer. Integrierte Schulsysteme sind darum auch typischerweise in solchen Ländern erfolgreich, in denen die Egalisierung mit einer Individualisierung der Förderung einhergeht. Schon plant der Hamburger Senat "Sprachüberprüfungen" bei Kindern mit ausländischen Eltern, damit bereits vor der Schulzeit individuelle Deutschförderung möglich ist. "Sprachstandsmessungen" kündigte auch der Berliner Senat an, um die gerade bei türkischen Kindern überaus häufigen Deutschdefizite rechtzeitig aufzufüllen. Die individuelle Förderung von Schülern, sagt Schleicher, finde sich typischerweise in den Ländern, "die begriffen haben, dass Ausgaben für Bildung eine Investition mit hohem volkswirtschaftlichem Effekt" sind.

Was müssen Deutschlands Politiker und Pädagogen - die dramatischen Pisa-Ergebnisse vor Augen - tun, um das Bildungswesen vor weiterem Niedergang zu bewahren? Was sollten Lehrer im alltäglichen Unterricht ändern, um möglichst vielen Kindern einen Erfolg versprechenden Start in das Leben zu ermöglichen? Welche alten erzieherischen Zöpfe gehören abgeschnitten, welche pädagogischen Neuerungen eingeführt? Helfen kann nur ein Bündel von Maßnahmen:

  • Die Weichen für Bildungs- und damit Lebenschancen werden in den ersten Lebensjahren gestellt. Deshalb müssen die Kleinen schon in Kindergärten und -tagesstätten altersgerecht lernen - und früher eingeschult werden. In wenigen Ländern sind Mädchen und Jungen so alt, wenn sie das erste Mal in einem Klassenzimmer sitzen. Nach Ansicht von Experten kann ein Sprachtest für Erstklässler sinnvoll sein. Nur wer ausreichend gut Deutsch spricht, bekommt eine Schultüte. Die anderen besuchen erst noch Hilfskurse.
  • Die einzelnen Schüler müssen in Zukunft individueller gefördert werden. Insbesondere Kinder ausländischer und sozial schwacher Familien bedürfen der besonderen Aufmerksamkeit. Nur mit speziellen Angeboten wie Nachhilfe oder zweisprachigem Unterricht lässt sich das weitere Anwachsen eines Bildungsproletariats ohne berufliche Perspektive verhindern.
  • Vor allem in sozialen Brennpunkten sind dringend mehr Ganztagsschulen nötig. Dort, wo intakte Familien die Ausnahme darstellen, wo Erziehung nur heißt "Geh auf dein Zimmer!", muss die Schule auch erzieherische Aufgaben übernehmen und den Jugendlichen Freizeitangebote machen.
  • Bessere Lehrer braucht das Land. Das Studium der Pädagogen muss sich viel stärker als bisher an der Schulpraxis orientieren, nicht nur wissenschaftliches Detailwissen über Heinrich von Kleist oder den Zitronensäurezyklus ist gefragt, sondern vor allem auch alltagstaugliche Erfahrungen. Die Aus- und Weiterbildung der Lehrer ist zu verbessern und verbindlich vorzuschreiben.
  • Die Lehranstalten brauchen mehr Freiheit. Jede Schule sollte selbst entscheiden können: Welche Lehrer wollen wir einstellen? Für was geben wir unser Geld aus, ist eine neue Aula oder ein Computerraum wichtiger? Unterrichten wir im 45-Minuten-Takt oder nicht? Nur die Schulleitung und die Lehrer können entscheiden, was vor Ort am sinnvollsten ist, nicht die Schulaufsicht, nicht das Ministerium.
  • Doch Freiheit bedarf auch der Kontrolle. Jede Schule sollte verpflichtet sein, regelmäßig Rechenschaft abzulegen, gegenüber den Eltern, der Kommune, der Schulbehörde: Was sind unsere Ziele? Was haben wir erreicht, was nicht? Wie erfolgreich sind unsere Schüler?
  • Um junge Menschen auf das Leben vorzubereiten, darf die Schule kein isolierter Schonraum sein. Stattdessen muss sie mit Nachbarn, Sportvereinen, der Stadtbibliothek, Unternehmen, den Kirchen oder auch Künstlern zusammenarbeiten.

Die individuelle Förderung der Schüler kostet aber Geld. In Deutschland ist man da noch nicht so weit. Die meisten erfolgreichen Pisa-Länder haben in den vergangenen Jahren in die Bildung große Summen investiert - Deutschland hat seinen Etat in den letzten Jahren dagegen kaum erhöht. Die Wurzel des Bildungsübels liegt aus der Sicht des OECD-Manns Schleicher im Umgang mit dem Geld. "Der deutsche Staatshaushalt spricht von Investition, wenn es um Autobahnen geht. Bildungsausgaben sind keine Investitionen - das sind Kosten." THOMAS DARNSTÄDT, JULIA KOCH, JOACHIM MOHR, CONNY NEUMANN, PETER WENSIERSKI

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