Pisa-Fiasko Das Land der Dichter und Denker - abgehängt

Die Schüler schmollen, Lehrer grollen, die Bildungspolitiker raufen sich die Haare oder spielen Schwarzer Peter. Derweil wird Pisa zur harten Währung der internationalen Schulbildung - weil es in der Studie um Lebenstüchtigkeit, nicht um Bücherwissen geht.


Zur Pisa-Analyse, erster bis dritter Teil:
Warum die deutschen Schüler im internationalen Vergleich versagen - sie können schlecht lesen, unzureichend rechnen, Probleme lösen schon gar nicht

Lehrer: "Die Sprache verfällt"
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Lehrer: "Die Sprache verfällt"

Dass mit dem Deutschunterricht etwas nicht stimmt, ahnte bereits länger auch die Runde der deutschen Kultusminister. Im Auftrag der KMK gab der Hamburger Staatsrat und Pisa-Organisator Hermann Lange schon im vergangenen Jahr mehrere Expertisen über den Zustand der Philologie an deutschen Gymnasien in Auftrag. Das Ergebnis war so entmutigend, dass die Auftraggeber von einer Veröffentlichung absahen. Vernichtend das Urteil des Augsburger Germanistikprofessors Kaspar Spinner: Die Deutsch-Lehrpläne seien so überfüllt, das sinnvoller Unterricht gar nicht mehr möglich sei. "Die Inhalte werden nacheinander durchgenommen und abgehakt."Dem gymnasialen Unterricht in der Mittel- und Oberstufe mangle es an Methoden, "die auf Erkenntnissen zum Wissens- und Fähigkeitserwerb beruhen". "Leseförderung", merkte der Tübinger Kollege Thomas Kopfermann an, reduziere sich allzu oft "auf den gut gemeinten Rat, zum guten Buch zu greifen". Kleiner Griff zum Franzosen Jean Anouilh. Eine Szene aus seinem Stück "Léocadia" heißt "Amanda und die Herzogin" und handelt von der Liebe zwischen Amanda und - natürlich - einem Prinzen. Die Aufgabe für Pisa-Prüflinge: die Szene zu inszenieren. Stellt euch vor, ihr seid der Regisseur, der Bühnenbildner, der Beleuchter, der Sound-Mann: Was würdet ihr tun? Auf der Rückseite des Aufgabenblatts findet sich eine schematische Darstellung der Bühne. Die deutschen Prüflinge haben sich auch hier nicht besonders geschickt angestellt. Wie auch? So etwas steht in keinem deutschen Lehrplan. Sollte es aber. Annette Schavan fordert einen kreativeren Unterricht. Es könne nicht nur darum gehen, Erörterungen zu schreiben ("Die sind notwendig, aber langweilig"), sondern die Schüler sollten auch selbst Gedichte oder Geschichten zu Papier bringen. Wichtig sei, dass die Schulen mit Autoren, Theatern, Journalisten oder der Stiftung Lesen kooperierten, um den Schülern mehr Lust auf die deutsche Sprache zu machen. Weil die Schriftlichkeit zeitweise in Deutschland als etwas Elitäres galt, verzichteten viele fortschrittliche Lehrer gern darauf. Einen Bärendienst haben progressive Pädagogen ihren Schülern damit erwiesen, dass sie in Fächern, in denen es scheinbar nicht so darauf ankommt, eine anständige - das heißt: schriftliche - Ausdrucksweise für zweitrangig erklärten. "Die Eltern interessieren sich immer weniger dafür, was ihre Kinder in der Schule machen""Große Probleme bei der Rechtschreibung und Stilistik" sind nach Ansicht der Lehrerin Ulrike Kramme die Folgen. "Es wird zu wenig geschrieben im Unterricht", so die Pädagogin. Den Schülern falle es schwer, korrekte Satzgefüge zu konstruieren, Grammatikfehler seien die Regel.

Leistungen in Mathematik und Natur- wissenschaften
DER SPIEGEL

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Der Deutschunterricht ist für Ulrike Kramme eines der Schlüsselfächer an der Schule, nicht nur um "das Textverständnis, sondern um das Selbstverständnis der Schüler zu stärken". Dazu gehöre auch, nach den Terroranschlägen vom 11. September in der Klasse über Gewalt, Religion und Fanatismus zu diskutieren. Es gibt im Schavan-regierten Ländle schon seit einiger Zeit Versuche, Einsichten der Pisa-Experten umzusetzen. In Baden-Württemberg können Gymnasien im 12. Jahrgang Extra-Unterricht anbieten: drei Stunden pro Woche außerhalb des normalen Lehrplans, zusätzlich, aber freiwillig. Zwei Lehrer betreuen gemeinsam eine Schülergruppe. Die Themen sind fächerübergreifend, da geht es um die Manipulation durch die Werbung, die verschiedenen Lebenswege von Geschwistern oder um Rassismus.Die Arbeit liegt von Anfang an in den Händen der Schüler: ein Thema finden und eingrenzen, Arbeitsgruppen bilden, mit Hilfe von Büchern, des Internet oder von Interviews recherchieren, die Ergebnisse in einem Vortrag, möglichst mit Hilfe eines Papers oder eines Projektors, präsentieren. Die Pädagogen leiten die Schüler an, unterstützen sie, treten aber nicht als umfassend gebildete Lehrmeister auf.

"Manchmal wissen die Lehrer nicht mehr als wir", erzählt Florentine Schaub, 17, vom Scheffel-Gymnasium im badischen Lahr, und Stolz schwingt in ihrer Stimme mit. "Das bringt uns richtig viel", sagt Sven Hager, ebenfalls 17. Im normalen Deutschunterricht habe er mit einem mündlichen Referat zu den "Leiden des jungen Werther" von Goethe "richtig Eindruck gemacht". Eine gute Rhetorik, die optimale Körperhaltung, passende Präsentationstechnik - alles im Seminarkurs gelernt. Überstunden, völlig freiwilligObwohl die Schüler zu den drei Stunden in der Schule noch einmal die gleiche Zeit zu Hause investieren müssen, sind sie begeistert. "Das ist der optimale Unterricht", meint Susanne Füner, 17, "besser als all die anderen Stunden." Der Kurs sei wie eine Familie. Im Herbst sind sie gemeinsam zur Buchmesse nach Frankfurt gefahren. "Das reine Fachwissen tritt in den Seminarkursen in den Hintergrund", so die Deutschlehrerin Ulla Ewald-Spiller, 54. In den Stunden werden Arbeitstechniken, soziale Kompetenzen und auch die Leistungsbereitschaft trainiert.

Dabei ist der freiwillige Unterricht kein reines Vergnügen. Jeder Schüler muss seine Ergebnisse als schriftliche Arbeit abliefern und in einem Kolloquium an der Schule vorstellen. Und dafür gibt es dann eine Note. Einziger Vorteil: Die Zensur fließt nur dann in den Abiturschnitt ein, wenn sie ihn verbessert. Der Kurs fördert die Lust, auch in der Freizeit zu lesen. Sven hat privat gerade "Homo Faber" von Max Frisch und "Der Herr der Ringe" von Tolkien gelesen, Florentine "Die Pest" von Camus. "Zum Fernsehen fehlt mir oft einfach die Zeit", berichtet Sven. Und seine Mitschülerin Jana Trampert, 18, ebenfalls im Sonderkurs, erklärt: "Ich schalte nie sinnlos den Fernseher ein, einfach herumzappen, das macht mir keinen Spaß." Doch solche Versuche erreichen bisher nur eine kleine Minderheit. Erst eine Zusatzstudie des Pisa-Tests wird es erlauben, Schülerleistungen nach Schulen und Bundesländern zu differenzieren. Die Ergebnisse werden für das nächste Jahr erwartet. Dann wird sich zeigen, was solche Projekte wert sind. Was wird aus unseren Kindern? Auf die besorgte Frage vieler Eltern gibt die Pisa-Studie auf nationaler Ebene eine niederschmetternde Antwort: wahrscheinlich nicht besonders viel. Fast jedes vierte Kind in Deutschland, so lassen die Ergebnisse schließen, droht im Abseits zu landen. Das runde Viertel der 15-Jährigen, das entweder nur die niedrigste Kompetenzstufe auf der Literacy-Skala erreichte oder gar völlig unter dem Strich lag, das sind wahrscheinlich verlorene Kinder. Im fünften Teil:



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