Pisa für alle Jetzt sind die Erwachsenen dran

Bei der Pisa-Studie blamierten sich die 15-Jährigen nach Kräften, und die Eltern schämten sich für die Wissenslücken ihrer missratenen Kinder. Das Fiasko für Deutschland könnte eine Fortsetzung finden: Nach den Schülern will die OECD nun auch Erwachsene zum internationalen Wissenstest bitten.

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Protest gegen Bildungsnotstand: Dumme Sache
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Nach der Pisa-Untersuchung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in 32 Staaten war das Geschrei in Deutschland groß. Weit abgeschlagen von Bildungswunderländern wie Finnland, Kanada oder Südkorea landeten die deutschen 15-Jährigen auf Platz 21 und offenbarten verheerende Lücken beim Lesen, in Mathematik und den Naturwissenschaften.

Fortan ging ein kleiner Ruck durchs Land. Die Kultusminister, Arbeitgeber, Lehrerverbände und Elternvertreter überboten einander mit teils klugen, teils kruden Ideen für Auswege aus der Bildungsmisere - von mehr Leistungsdruck in der Grundschule über alltagsnähere Lehrinhalte bis zu flächendeckenden Ganztagsangeboten.

Pisa-Ergebnisse: Ziemlich blamabel für Deutschland
DER SPIEGEL

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Manche indes hatten es immer schon gewusst: Die Jugend von heute ist auch nicht mehr wie früher. Und schlicht dümmer als die Generationen der Eltern und Großeltern. Wirklich? Die Reaktionen auf Veröffentlichungen nach Pisa lassen Zweifel keimen.

Bei der internationalen Grundschul-Untersuchung Iglu etwa schnitten die deutschen Knirpse weit besser ab als die Neuntklässler bei Pisa. Etliche Leser wunderten sich über das beachtliche Niveau der Iglu-Leseaufgaben, die Viertklässler bewältigten. Und als SPIEGEL ONLINE ein Pisa-Paket mit Beispielaufgaben veröffentlichte, stauten sich binnen weniger Stunden die Leserzuschriften in den Mailboxen.

Viele User lösten dabei nicht etwa die Aufgaben spielend, sondern scheiterten grandios: Bei einer Mathe-Aufgabe beispielsweise konnten Hunderte von Lesern ein Drittel und 30 Prozent nicht auseinander halten oder hatten schlicht den Text nicht gründlich genug gelesen. Prompt nörgelten sie an der Aufgabenstellung herum, beschwerten sich empört über die vermeintlich falsche Lösung. Ganz wie damals in der Schule.

Lustig war's, keine Frage. Aber im Ernst: Können Erwachsene es wirklich besser als Kinder und Jugendliche? Die OECD möchte es genau wissen und plant eine Globalbefragung der Erwachsenen. Wie die "Zeit" in ihrer aktuellen Ausgabe berichtet, soll nach den Schülern nun die gesamte Bevölkerung der Mitgliedsstaaten ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen.

"Mr. Pisa" bleibt notorischer Optimist

Die Aufgaben sollen sich nach drei Altersgruppen unterscheiden: Bei den 20- bis 23-Jährigen will die OECD überprüfen, wie sich der Wissensstand der bereits getesteten Pisa-Teilnehmer einige Jahre später weiterentwickelt hat. Bei den 35- bis 50-Jährigen geht es stärker um jene Kompetenzen, die in der Arbeitswelt gefragt sind. Und bei den über 50-Jährigen steht das lebenslange Lernen im Mittelpunkt - welche Erfahrungen nützen ihnen in der Arbeitswelt noch?

Iglu: Die Knirpse konnten es besser
DER SPIEGEL

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"In Zukunft sind Wissen, Kultur und soziales Kapital die wichtigsten Ressourcen", sagte Andreas Schleicher gegenüber der Wochenzeitung. Schleicher leitet bei der OECD in Paris die Abteilung für Analysen und Bildungsindikatoren; bekannt wurde er als "Mr. Pisa" und für seine harsche Kritik an den Mängeln des deutschen Bildungssystems.

Die Vergleichsstudie bei Erwachsenen soll Erfolgsstrategien herausarbeiten, die über den Wohlstand eines Industrielandes entscheiden und im Übergang von der alten Industrie- zur Wissensgesellschaft zusehends wichtiger werden. Denn über solche Kompetenzen "fehlen uns fast jegliche Erkenntnisse", so Schleicher.

Die heftige Kritik an der Methodik der Pisa-Untersuchung, immerhin der größte Schul-Vergleichstest aller Zeiten, hat den OECD-Koordinator offenbar wenig beeindruckt. Im Gegenteil: Aus dem Erfolg, dass 32 Länder trotz aller Bedenken und Furcht vor peinlichen Resultaten überhaupt mitgemacht haben, nimmt er einen Schub an Optimismus mit.

Andreas Schleicher: "Mr. Pisa" ist immer für ein offenes Wort gut
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Und so basteln Schleicher und Kollegen unverdrossen an einer ersten weltweiten Untersuchung von Wissen und Kompetenzen der Erwachsenen. Noch allerdings befindet sich das Projekt im Vorstadium: Ein Strategiepapier soll nächste Woche erstmals von den Mitgliedsstaaten beraten, die aufwendige Studie möglicherweise erst 2010 durchgeführt werden.

Um verlässliche und repräsentative Ergebnisse zu bekommen, müssten pro Land etwa 5000 Erwachsene teilnehmen, erklärte Andreas Schleicher. Die Untersuchung sei komplex, man könne ja nicht einfach die Kriterien der Pisa-Studie für Schüler übernehmen.

Pisa-Test als Samstagabendshow

Unterdessen ist Pisa in Deutschland längst zum Synonym für den Bildungsnotstand, für alle Versäumnisse in der Schule und der Erziehung geworden. Auch in der Fernsehunterhaltung macht der Begriff Karriere: So startet die ARD am Samstag ihre Show "Pisa - der Ländertest" und dokumentiert somit ihr Bemühen, einen Hauch von Bildungsfernsehen in ein Programm zu tragen, das sonst inzwischen mehr durch heitere Volksmusik und anhaltendes Versenden drittklassiger Fußball-Pokalbegegnungen auffällt.

Jörg Pilawa: Moderiert alles, was nicht aus eigener Kraft flüchten kann
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Je 20 Kandidaten pro Bundesland treten bei der Pisa-Show gegeneinander an, unterstützt durch 16 prominente Paten. Moderieren wird die Sendung Jörg Pilawa, einst der Mann für alle Fälle bei Sat.1 und jetzt bei der ARD. Der bekennende Studienabbrecher (sechs "grottenlangweilige" Semester Medizin) sieht sich dabei als "Löwenbändiger", nicht als Oberlehrer.

"Nachdem wir nach der ersten Pisa-Studie gesehen haben, was Schüler wissen sollen, interessiert mich jetzt, was denn die Erwachsenen tatsächlich wissen", sagt Pilawa. Und ahnt schon, wo die Teilnehmer Wissenslücken offenbaren könnten: "Bei Geschichtsfragen, vor allem in der jüngeren deutschen Geschichte - viele haben wirklich null Ahnung, und dann tun sie auch noch so, als ob man es nicht wissen muss."




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