Pisa-Gruppenfahrt mit Dame Traumland im Norden

Gruppenausflug mit Dame: Sechs SPD-Kultusminister und Bundesbildungsministerin Bulmahn fahndeten in Finnland nach dem richtigen Schulsystem. Die wissensdurstige Reisetruppe zeigte sich beeindruckt - und zog hastig ihre Schlüsse.


Schüler in Helsinki: Von den Finnen lernen
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Schüler in Helsinki: Von den Finnen lernen

Für die Kinder der Meri-Rastila-Gesamtschule in Helsinki war es eine Begegnung der besonderen Art. Zu besichtigen gab es: 30 Deutsche, wissbegierig, ernst und auch ein bisschen rücksichtslos.

Da polterten sechs Kultusminister aus SPD-regierten Ländern und eine Ressortchefin der Bundesregierung samt Delegationsmitgliedern mit knarrenden Schuhen über den blitzeblanken blauen Kunststoffboden des Schulflurs. Kollektiv verharrte die Truppe schließlich in einem Klassenzimmer ­ mit dem Rücken zu den Schülern.

Rektor Jukka Ahonen beantwortete den Erwachsenen ihre Fragen. Die Kleinen beguckten sich die merkwürdigen Deutschen, erst von hinten, dann von der Seite. Mit Grimassen versuchten sie, Bewegung in die Gesichter zu zaubern ­ ohne Erfolg.

. Im Lesen liegen Finnen vorn
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Im Lesen liegen Finnen vorn

Die deutsche Delegation, angeführt von Bildungsministerin Edelgard Bulmahn, schien wie weggetreten. Die Experten aus dem Lande Goethes und Schillers waren für vier Tage in den hohen Norden gereist, um von den Finnen zu lernen, wie gute Schulbildung organisiert wird.

"Uns hat die schmerzliche Erkenntnis hergetrieben", gestand die Ministerin, "dass wir in Deutschland im Bildungssystem erhebliche Mängel haben." Und das sei nicht gut so.

Die Schülerleistung in 32 Staaten hatte die Pisa-Studie verglichen. Die Finnen landeten in puncto Lesekompetenz auf dem ersten Platz. Abgeschlagen im letzten Drittel rangieren die Deutschen. Also beschlossen die SPD-Bildungsexperten kurzerhand: ab nach Helsinki.

Im finnischen Zentralamt für Unterrichtswesen erklärte der Präsident Jukka Sarjala die Vorteile seines Systems ­ mit dem Zeigestock in der Hand: "Wir sind nur fünf Millionen Einwohner; dass wir ein Kind nicht fördern, können wir uns gar nicht leisten."

Für sechsjährige Finnen wird ein freiwilliger Vorschulunterricht angeboten, ab sieben müssen alle in eine Gesamtschule gehen. Eine Klasse umfasst maximal 25 Kinder, in den ersten sechs Jahren unterrichtet der Klassenlehrer gewöhnlich alle Fächer.

Wer Schwierigkeiten hat, erhält in einer kleinen Gruppe zusätzlich Unterricht von einem Förderlehrer, über 17 Prozent der Schüler genießen diese Unterstützung. Nach neun Jahren schließt sich für rund 60 Prozent der Mädchen und Jungen eine gymnasiale Oberstufe an, die von zwei Dritteln erfolgreich mit dem Abitur abgeschlossen wird.

Die Deutschen nickten stumm und ein bisschen verlegen. Der finnische Amtspräsident registrierte amüsiert die Andacht und hatte zur Belohnung eine Note parat. "Vielen Dank", sprach er: "Für Ihre Aufmerksamkeit gibt es eine Zehn, unsere beste Zensur."

Edelgard Bulmahn: Schmerzliche Erkenntnisse
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Edelgard Bulmahn: Schmerzliche Erkenntnisse

Weiter ging es zur Deutschen Schule in Helsinki. Dort sitzen Schüler, die sowohl das finnische als auch das deutsche Bildungssystem kennen. Meri Mäkinen, 18, zum Beispiel lebte mit ihren Eltern vier Jahre in Bonn und wurde nun zum Forschungsobjekt der wissensdurstigen Reisetruppe. Unangenehme Wahrheiten kamen ans Licht: "Die deutschen Lehrer wollen immer alles streng durchziehen, was im Lehrplan steht", hat Meri beobachtet. "In Finnland fragen die Lehrer uns, was wir lernen wollen." Und ein Fazit ihres persönlichen Ländervergleichs hatte sie auch zu bieten: Finnland vorn. "Das Lernen macht viel mehr Spaß."

Die Kultusminister zeigten sich beeindruckt ­ und zogen hastig ihre Schlüsse. Berlins Senator Klaus Böger klopfte sich als Erster auf die Schulter: "Die Eigenständigkeit von Schulen fördern wir in Berlin ja schon lang. Im Prinzip sind wir auf dem richtigen Weg."

Dass in Deutschland die zukunftsweisenden Initiativen längst gestartet wurden, dieser Erkenntnisgewinn war auch bei den übrigen Ministern wie auf Knopfdruck zu haben. Wenn nur die anderen nicht wären ­ die Gewerkschaft, die Parteien, die Eltern, die Bürokraten. Deutschland läge ganz weit vorn, wenn beispielsweise Männer wie der Bremer Willi Lemke, einst Fußball-Manager, sich zackiger hätten durchsetzen können.

"Als Bildungssenator fühle ich mich wie der Kapitän eines riesigen Tankers, der das schwere Schiff nur furchtbar langsam umsteuern kann", so Lemke. Mehr Eigenständigkeit von Schulen würden zum Beispiel Personalräte und Gewerkschaften blockieren ­ aus Angst vor Machtverlust.

Lesen: Deutsche Schüler schwach
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Lesen: Deutsche Schüler schwach

Brandenburgs Bildungsminister Steffen Reiche erläuterte spätabends im Restaurant, wie es auch jetzt schon vorwärts gehen kann: "Ich reise oft durchs Land und lese den Schülern vor. Die müssen mir dann versprechen, das Buch zu Hause zu Ende zu lesen. Was meinen Sie, wie gut das ankommt."

Die ebenfalls mitgereiste Bundesschülervertreterin Anna Weber staunte nicht schlecht über die gesammelte Kreativität der Minister. Aufgeregt zog sie Edelgard Bulmahn zur Seite: "Können wir uns nicht alle zusammensetzen, unsere Erkenntnisse zusammentragen, Maßnahmen beschließen und dann festlegen, was jeder jetzt ganz konkret als Nächstes macht." Denn sie habe Angst, dass auch nach der Reise an den Schulen alles beim Alten bleiben könnte.

Politprofi Bulmahn lächelte milde: "Dafür", erklärte sie der 18-jährigen Anna, "haben wir leider keine Zeit." So hatte auch die Schülerin wieder was gelernt.

ANNETT CONRAD



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