Pisa II Die Schlacht um die Deutungshoheit hat begonnen

Bei der zweiten weltweiten Pisa-Studie haben sich deutsche Schüler sachte verbessert, finden aber keinen Anschluss an die Spitze. Was muss geschehen? Wie lassen sich schwache Schüler besser fördern, braucht Deutschland Gesamtschulen oder gar die Einschulung von Vierjährigen? Politiker und Bildungsexperten fahnden nach Antworten.

Bei Pisa II haben Deutschlands Schüler, immerhin, einen Platz im Mittelfeld der insgesamt 41 Nationen erreicht. Sie liegen nicht mehr ganz so weit im Hintertreffen wie bei der ersten Vergleichsstudie, die im Dezember 2001 veröffentlicht wurde.

Etwas Licht, immer noch viel Schatten lautet das Pisa-Gesamtergebnis für Deutschland. Lichte Momente hatten die deutschen Teilnehmer vor allem beim Problemlösen und schnitten auch in Mathematik und Naturwissenschaften etwas besser ab als zuvor.

Aber der Abstand zur internationalen Spitzengruppe bleibt groß. Und besonders düster sieht es bei der Förderung von Kinder und Jugendlichen aus bildungsfernen Schichten und Migrantenfamilien aus - das Problem der Chancengerechtigkeit hat Deutschland bisher nicht in den Griff bekommen.

Foto: DER SPIEGEL
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Die neue Pisa-Studie der OECD
Bei Pisa 2000 erreichte Deutschland im Fach Mathematik Rang 20. Unter den damals vertretenen Ländern würde Deutschland heute Rang 16 belegen. Im Fach Lesen damals Rang 21, heute Rang 18. In den Naturwissenschaften damals Rang 20, heute Rang 15.

Mathematik

Lesen

Naturwissenschaften

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Alle Bildungsexperten warnen vor zu hohen Erwartungen und betonen, dass sich Bildungsreformen erst auf längere Sicht auswirken können und ein Pisa-Aufstieg 10 bis 15 Jahre dauern kann. Wie kommt es dann aber, dass Deutschland drei Jahren nach der ersten Untersuchung in Mathematik und Naturwissenschaften zwar nicht großartig, aber doch signifikant besser abschneidet?

Der deutsche Pisa-Leiter Manfred Prenzel führt die neuen Mathematik-Ergebnisse vor allem auf ein aufwendiges Programm zurück, das Bund und Länder gemeinsam 1999 gestartet hatten, um den Mathe-Unterricht zu verbessern. Denn bereits bei der Vorgängerstudie TIMSS hatte Deutschland miserabel abgeschnitten.

Andere Reformen indes können sich noch nicht auswirken, wie das Vier-Milliarden-Programm der Bundesregierung für Ganztagsschulen. Ein anderer Erklärungsansatz für die leichten Verbesserungen ist viel simpler: Bei Pisa I nahmen Schüler die Tests kaum ernst, viele Lehrer lehnten sie ab oder riefen sogar zum Boykott auf. Hamburg und Berlin mussten sogar aus der Wertung genommen werden, weil es nicht genügend Teilnehmer gab.

War es nur der Trainingseffekt?

Nach dem Pisa-Schock 2001 waren die 220 deutschen Schulen, die im vergangenen Jahr mitmachten, besser präpariert. Sie erfuhren bereits sechs bis acht Wochen vorher vom Test, zogen sich zum Teil Aufgaben der ersten Untersuchungswelle aus dem Internet und ließen die Schüler kräftig büffeln. Das war in einigen Bundesländern sogar schon Monate vor dem Pisa-Test angeordnet worden. Es sei ein offenes Geheimnis, dass an Gymnasien "für Pisa trainiert wurde", sagte Marianne Demmer von der Lehrergewerkschaft GEW.

Im Saarland etwa musste jede Schule einen "Pisa-Beauftragten" benennen, der den Erfolg der Übungen überwachte. Den Bundesländern ging es dabei nicht allein um den internationalen Vergleich - sie fürchten vor allem eine Blamage in der Rangliste der Bundesländer. Die nächste soll erst im Herbst 2005 veröffentlicht werden.

Nach Bekanntwerden der Pisa-Ergebnisse unterstreichen Politiker und Bildungseperten unisono, dass die leicht verbesserten deutschen Noten kein Anlass zur Entwarnung sein können - und dass ein Platz in der Mitte der OECD-Staaten nicht reicht. Vor allem die Vernachlässigung schwächerer Schüler sei "ein Armutszeugnis", sagte Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn und bot den Ländern Unterstützung vom Bund an.

Armutszeugnis für Deutschland?

Die deutschen Schulen müssten umdenken, "wir dürfen nicht länger Kinder aussortieren und den schlechten Schülern keine Chance geben", so Bulmahn. Es könne nicht sein, dass "wir uns Jahr für Jahr von Pisa bestätigen lassen, dass wir bei der Bildung im Mittelfeld stehen", sagte auch Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD), "wir müssen wieder auf einem der ersten drei Plätze in der Welt sein."

Der Weg ist weit. Beim gegenwärtigen Reformtempo rechnet die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mit 20 Jahren, bis die Bundesrepublik Anschluss an die Pisa-Spitzengruppe findet. Die neuen Ergebnisse seien "die Quittung für eine Politik der Hektik und richtungsloser Werkelei", sagte Vorstandmitglied Marianne Demmer und wies auf die Sparpolitik in den Bundesländern hin. So seien die Klassen größer und die Lehrerarbeitszeit erhöht worden.

Die frühe Aufteilung der 10-Jährigen auf Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien führe geradewegs "ins Elend", so Demmer. Die Kultusminister sollten sich über ein längeres gemeinsames Lernen verständigen, wie dies in allen Pisa-Siegerstaaten üblich sei. Die schleswig-holsteinische Kultusministerin Ute Ersiek-Rave (SPD) warb für eine Gemeinschaftsschule für Kinder bis zum 10. Schuljahr. Auch Grünen-Chef Reinhard Bütikofer hält die Sortierung nach der vierten Klasse für "den Fehler im System". Kinder müssten bis zur Jugend gemeinsam lernen und dabei individuell gefördert.

Der Bayerische Elternverband forderte ebenfalls eine Diskussion über "eine Schule für alle" ohne ideologische Scheuklappen. Längst sei erwiesen, dass "gerade die leistungsstarken Kinder vom Unterricht in heterogenen Gruppen profitieren", so die Vorsitzende Ursula Walther. Jugendliche aus bildungsfernen Schichten hätten weit schlechtere Chancen als Akademikerkinder, "das ist eine Zeitbombe", warnte Walther.

Damit läuft die bildungspolitische Debatte auf zwei für Unionspolitiker unangenehme Punkte hinaus: das dreigliedrige Schulsystem und die Kompetenzaufteilung zwischen Bund und Ländern. Zum einen nämlich könnte es zu einer Neuauflage des ideologisch aufgeheizten Dauerstreits über Gesamtschulen kommen, für CDU-Bildungspolitiker ein absolutes Reizthema. Zum anderen kommen die Pisa-Ergebnisse just zum Höhepunkt des Föderalismusstreits auf den Tisch. Die Unionsländer pochen auf ein Ländermonopol für die Bildung, Bundesministerin Bulmahn wehrt sich energisch und warnt vor Kleinstaaterei. Und der Zustand deutscher Schulen ist ein nicht gerade überzeugendes Argument, den Bundesländern weitere Kompetenzen in der Bildungspolitik zu übertragen.

Zum dreigliedrigen deutschen Schulsystem hat der internationale Pisa-Koordinator Andreas Schleicher eine klare Meinung: "Anreize werden dort so gesetzt, dass die Verantwortung für Erfolg allein auf die Lernenden geschoben wird." Wer nicht mithalte, müsse ein Jahr wiederholen oder werde in niedrigere Bildungsgänge abgeschoben. Das gebe es in erfolgreicheren Bildungsnationen nicht, und damit werde man "das Problem der Chancengerechtigkeit nicht lösen".

Werden Knirpse zu spät eingeschult?

In Deutschland vermisst Schleicher individuelles Fordern und Fördern statt starrer Selektion. Seit Jahrhunderten sei Deutschland "Exportweltmeister in Pädagogik und Didaktik - aber wir müssen uns doch fragen, warum diese deutschen Konzepte in Ländern wie Finnland, Japan oder Kanada verwirklicht werden, aber in Deutschland allenfalls an Einzelschulen zum Tragen kommen", sagte der streitbare "Mr. Pisa".

Unterdessen ortet FDP-Politikerin Ulrike Flach die späte Einschulung in Deutschland als Grund für das mäßige Pisa-Ergebnis. Im Alter von vier Jahren solle ein Test erfolgen, mit fünf Jahren dann die Einschulung. Kinder mit Defiziten müssten eine kostenlose und verbindliche Sprachförderung erhalten. Dieter Lenzen, Präsident der FU Berlin, plädierte sogar für eine Unterrichtspflicht für Vierjährige. "Im besten Fall wäre das eine neue Primarschule vom vierten bis zum zehnten Lebensjahr", so der Professor; auch ein viel enger verzahntes System aus Kindergarten, Vorschule und Grundschule würde weiterhelfen. Wichtig sei, dass "Grundschullehrer auch schon bei der Betreuung von Vierjährigen mit eingebunden werden".

Nach dem Ende der neuen Primarstufe soll es laut Lenzen nur noch zwei weiterführende Schulen geben: das Gymnasium und eine Sekundarschule. Deutschland müsse künftig erheblich mehr für die Bildung ausgeben: "Es besteht extremer Handlungsbedarf, das ist die Zukunftsfrage schlechthin." Allein für eine neue Primarschule rechnet Lenzen bundesweit mit zusätzlichen Ausgaben von 12,9 Milliarden Euro jährlich.

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