Pisa-Konsequenzen Klagen, Vorwürfe und Reformen

Nach Veröffentlichung der innerdeutschen Pisa-Ergebnisse ist ein scharfer Streit um die Bildungspolitik entbrannt. Die Union findet sich hervorragend und geißelt das "Versagen" der SPD-Länder. Die SPD meint, gar nicht so schlecht zu sein und wirft der Union Schwarz-Weiß-Malerei vor.


Bayerische Kultusministerin Hohlmeier: "Bildungsniveau wie in Mexiko"
AP

Bayerische Kultusministerin Hohlmeier: "Bildungsniveau wie in Mexiko"

Berlin/München - Bereits am Wochenende hatte der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber ordentlich vorgelegt: Eine "unsägliche Bildungspolitik" herrsche in den sozialdemokratisch regierten Ländern; die Schüler hätten im Vergleich zu Bayern und Baden-Württemberg gravierende Nachteile.

Am Montag setzte Stoibers Schulministerin Monika Hohlmeier noch einen drauf. "Die SPD hat mit ihrer Schulpolitik die Schülerinnen und Schüler eindeutig benachteiligt", sagte die CSU-Politikerin. Sie sei entsetzt über die große Bildungskluft in Deutschland. Die schlechten Ergebnisse sozialdemokratischer Länder seien eindeutig inhaltlich begründet, betonte Hohlmeier. "Schüler in Bremen haben fast das Bildungsniveau wie in Mexiko und bei der Lesekompetenz liegt Niedersachsen nur kurz vor Griechenland", sagte die Ministerin.

Überholter Geist der siebziger Jahre

Auch in Problembereichen wie der Integration ausländischer Schüler habe Bayern am besten abgeschnitten. Bayern sei "das Land mit den höchsten Anforderungs- und Qualitätsniveau", betonte Hohlmeier. Dennoch erreiche der Freistaat sowohl die höchste gemessene Elternzufriedenheit und verzeichne die kleinste Gruppe schwacher Schüler. Hohlmeier forderte die von der SPD regierten Bundesländer auf, zentrale Abschlussprüfungen und Qualitätsstandards auf bayerischem Niveau einzuführen.

Bundesbildungs- ministerin Bulmahn: "Bessere Leistung für mehr"
DDP

Bundesbildungs- ministerin Bulmahn: "Bessere Leistung für mehr"

Harte Kritik übte die CSU-Politikerin an Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn. Die Ministerin, sei "krampfhaft bemüht, die bayerischen Ergebnisse schlecht zu reden", sagte Hohlmeier. Die von Bulmahn gestellten Forderungen nach mehr Ganztagsschulen und einem nationalen Bildungsrat seien verfehlt und entsprächen dem überholten Geist der siebziger Jahre. Auch Ganztagsschulen anderer Bundesländer kämen nicht an die guten Werte Bayerns heran: "Wenn die Qualität im Unterricht nicht stimmt, können Sie so lange unterrichten, wie Sie wollen", betonte die CSU-Politikerin.

Keiner kann sich auf die Schulter klopfen

Die SPD, nicht ganz so komfortabel mit Munition ausgestattet, bemüht sich dagegen um ein differenziertes Bild. Die nordrhein-westfälische Bildungsministerin Gabriele Behler sagte, Bayern sei für ihr Land "kein Vorbild". Im Übrigen seien die Ergebnisse für Nordrhein-Westfalen angesichts des Strukturwandels gar nicht so schlecht. Allerdings gebe es Probleme mit der Förderung von bildungsfernen Schichten und Migrantenkindern, sagte Behler dem "Kölner Stadt-Anzeiger".

Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn hat angesichts der gegenseitigen Vorwürfe zur Zurückhaltung geraten. "Kein Land kann sich auf die Schulter klopfen", sagte Bulmahn am Montag in Berlin. Die Ergebnisse seien "sehr, sehr differenziert" und ließen keine Schwarz-Weiß-Malerei zu. Den unionsgeführten Ländern riet die SPD-Politikerin, für den Vergleich nicht nur einen Bereich herauszunehmen, sondern die gesamte Studie zu sehen. Ihr Ziel sei zwar "bessere Leistung, aber bessere Leistung für mehr."

In Bayern haben Kinder aus der obersten sozialen Schicht eine 10,5 mal höhere Chance, ein Gymnasium zu besuchen als ein Kind aus einer Facharbeiterfamilie. Die geringsten sozial bedingten Unterschiede beim Besuch höherer Schulen gibt es in den neuen Bundesländern. Aber auch andere Flächenländer tun sich bei der Förderung dieser Kinder schwer.

Zu wenige machen in Bayern Abitur

Deutschland müsse endlich seinen "Weltmeistertitel in Sachen sozialer Selektion" abgeben, forderte Bulmahn. Das Land brauche dringend mehr Abiturienten und mehr qualifizierte junge Menschen mit Mittlerer Reife. Es gebe keinen Grund, das "Begabungspotenzial" von Ausländerkindern oder Kindern aus einkommensschwachen Familien nicht zu nutzen. Dies sei nicht nur ein soziales Gebot der Chancengleichheit, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen für die Bundesrepublik insgesamt nicht länger hinnehmbar. Die Ganztagsschule könne dabei wesentlich helfen, sagte Bulmahn.

Auch der bayerische Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Schorsch Wiesmaier, warnte vor "Jubelstürmen" angesichts der Ergebnisse. Bei Schulabgängern mit Hochschulreife liege Bayern an letzter Stelle mit einer Quote von 28,7 Prozent, wovon 19,7 auf das allgemeine Gymnasialabitur und neun Prozent auf die eingeschränkte Fachhochschulreife entfielen. Zudem erreichten im Freistaat 23 Prozent aller nicht-deutschen Schüler nicht einmal den Hauptschulabschluss. Er empfahl, sich stärker an erfolgreichen Pisa-Ländern wie Finnland und Irland zu orientieren, die Hochschulzugangsquoten von 80 Prozent anstrebten.

Gescheiterter Bildungsföderalismus

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht in den dramatisch unterschiedlichen Länderergebnissen ein "Scheitern des Bildungsföderalismus in Deutschland". Wenn zwischen einzelnen Bundesländern sowohl beim Leistungsniveau als auch bei der Finanzausstattung der Schulen und der Zahl der Unterrichtsstunden eine Differenz klaffe wie etwa zwischen Deutschland und Mexiko, dann könne von gleichen Bildungs- und Lebenschancen in der Bundesrepublik "keine Rede mehr sein", sagte die GEW-Vorsitzende Eva-Maria Stange.

Der Bundeselternrat kündigte zudem an, vor dem Bundesverfassungsgericht zu klagen, weil die Grundgesetz-Garantie gleicher Lebensverhältnisse in den 16 Ländern nicht mehr erfüllt sei.

Der Chef der internationalen Pisa-Studie, Andreas Schleicher, warnte die Bundesländer davor, sich nur an innerdeutschen Maßstäben zu messen. Eine so bedeutende Industrienation wie Deutschland müsse sich an Pisa-Spitzenreitern wie Finnland, Kanada oder Korea messen.



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