Lehren aus Pisa "Die Lust am Lesen wird Schülern ausgetrieben"

Jeder fünfte Neuntklässler kann nicht richtig lesen. Die Professorin für Literaturdidaktik Christine Garbe erklärt, warum das aus ihrer Sicht auch am "bornierten, konservativen Schulsystem" in Deutschland liegt.
"Die Idee 'One size fits all' funktioniert nicht. Wir müssen Kindern ein großes Angebot an unterschiedlichen Büchern anbieten, damit sie sich selbst eins aussuchen können"

"Die Idee 'One size fits all' funktioniert nicht. Wir müssen Kindern ein großes Angebot an unterschiedlichen Büchern anbieten, damit sie sich selbst eins aussuchen können"

Foto: StockPlanets/ Getty Images

SPIEGEL: Jeder fünfte Schüler hat große Mühe, Texte zu lesen und zu verstehen. An Schulen, die keine Gymnasien sind, ist es sogar fast jeder Dritte. Tendenz steigend. Das ist das Ergebnis der jüngsten Pisa-Studie. Wie schlimm ist das?

Garbe: Ich halte es in Zeiten von Fake News und Populismus für eine große Gefahr, wenn Kinder nicht mindestens über grundlegende Lesekompetenzen verfügen, wenn sie sich nicht eigenständig Informationen aneignen und zum Beispiel nicht zwischen Tatsachen und Meinungen unterscheiden können. Wir riskieren unsere Demokratie.

Zur Person
Foto: privat

Christine Garbe, Jahrgang 1952, war Professorin für Deutsche Literatur und ihre Didaktik mit Schwerpunkt Lese- und Mediensozialisation. Sie hat an Universitäten in Berlin, Köln und Lüneburg gelehrt. Seit 2018 ist sie im Ruhestand. Sie hat mehrere große EU-Projekte zur Leseförderung geleitet, darunter das European Literacy Policy Network ELINET.

SPIEGEL: Alle Fachleute sind sich einig, dass Vorlesen extrem wichtig ist, um die Lesekompetenz zu steigern. Warum ist das so entscheidend?

Garbe: Beim Hören werden Worte in Vorstellungen umgesetzt: das berühmte Kino im Kopf. Die Kinder identifizieren sich mit einer literarischen Figur und fiebern mit deren Schicksal mit. Dieses hohe emotionale Engagement entsteht, lange bevor die Kinder selbst lesen können. Es ist die Basis aller späteren Leselust. Kinder aus schriftfernen Familien haben diese lustvolle Erfahrung selten gemacht.

SPIEGEL: Können Schulen nachholen, was im Elternhaus nicht geschieht?

Garbe: Ja, bevor man Schüler mit komplexeren Texten traktiert, muss man ihnen einen Zugang zu Geschichten und Büchern überhaupt öffnen und so etwas wie eine Lesekultur schaffen. Lesen lernen ist eine der komplexesten kognitiven Aufgaben überhaupt. Ohne zu wissen, warum sich Lesen überhaupt lohnen könnte, ist sie schwer zu bewältigen.

SPIEGEL: Lehrer sollten Erstklässlern also erst mal vorlesen?

Garbe: Es gibt Lehrerinnen und Lehrer, die von sich aus ihren Grundschülern jeden Tag vorlesen. Schon dreimal in der Woche 15 bis 20 Minuten über die gesamte Grundschulzeit haben sich als unglaublich erfolgreich für die Leseförderung erwiesen. Das gilt übrigens auch noch für die Sekundarstufe. Dann stehen die Schüler nicht unter Leistungsdruck, sondern können einfach genießen.

SPIEGEL: Und dann läuft das Lesenlernen wie von allein?

Garbe: Nein, das wäre schön! Die Menschheit hat Jahrtausende gebraucht, um die Schriftsprache zu entwickeln. Und wir erwarten, dass ein Kind das in zwei Jahren lernt? Davon müssen wir uns verabschieden. Das ist der große Irrtum im konservativen deutschen Schulsystem. Da müssen die Schulen radikal umdenken. Lesen lernen ist eine konstante Anforderung, die nicht nach zwei Jahren abgeschlossen ist.

SPIEGEL: Das müssen Sie erklären.

Garbe: Lesekompetenz gehört nicht nur in den Deutschunterricht. Die Schüler müssen auch in Mathe und Physik lesen und schreiben. Der Fachbegriff heißt sprachsensibler Fachunterricht. Dieses Konzept lässt sich aber nur umsetzen, wenn wir die Lehrkräfte fortbilden. Denn der Mathelehrer oder die Physiklehrerin sagen zu Recht: Sie haben das Fach studiert, aber nicht die Vermittlung von Lese- und Schreibkompetenz. In den USA gehört die Ausbildung schon seit Jahren in jedem Lehramtsstudium dazu, in Europa aber nicht.

SPIEGEL: Was könnten deutsche Lehrer von anderen Ländern lernen?

Garbe: Ich habe in den letzten Jahren ein bildungspolitisches Netzwerk mit Mitgliedern aus beinahe allen EU-Ländern geleitet. Wir haben über hundert Beispiele guter Praxis  gesammelt. Die nimmt in Deutschland nur leider kaum jemand zur Kenntnis, auch ein Problem unserer bornierten Bildungspolitik. Dabei machen andere Länder vor, wie sich flüssiges Lesen ganz einfach fördern lässt.

SPIEGEL: Doch an deutschen Schulen wird die Leseflüssigkeit weder getestet noch gefördert. Was müsste noch passieren?

Garbe: Der Übergang von Vorlesen zum Selbstlesen muss gut gefördert werden, zum Beispiel mit attraktiven Leseangeboten wie Bilderbüchern, Comics oder Graphic Novels. Darin sind Bild-Schrift-Kombinationen enthalten, die das Textverstehen erst mal erleichtern.

SPIEGEL: Im Deutschunterricht hierzulande kommen aber doch auch Bücher zum Einsatz.

Garbe: Ja, aber das ist wieder eine Komponente unseres konservativen Schulsystems: Die Idee "One size fits all" funktioniert nicht. Die Klasse liest im Deutschunterricht ein Buch gemeinsam. Meist eins, das nur wenige Kinder interessiert. Die Lust am Lesen wird den Schülern in der Schule so eher ausgetrieben als vermittelt. Bei der Pisa-Studie kam heraus, dass rund die Hälfte der 15-Jährigen in Deutschland nicht gern lesen. Das ist bestürzend.

SPIEGEL: Was müsste sich ändern?

Garbe: Lesevorlieben entwickeln sich individuell. Das bedeutet, dass wir den Kindern ein großes Angebot an unterschiedlichen Büchern zugänglich machen müssen, damit sie sich selbst eins aussuchen können. Wir brauchen dazu auch kompetente Lehrkräfte, die nicht nur wissen, wie man Gedichte analysiert, sondern Schüler bei der Auswahl von Büchern beraten können.

SPIEGEL: Wenn jeder was anderes liest, kann man hinterher aber nicht gut gemeinsam darüber sprechen.

Garbe: Das heißt ja nicht, dass Lehrer mit ihren Schülern kein Buch mehr gemeinsam analysieren und daran literarisches Verstehen üben dürfen. Dagegen ist nichts zu sagen. Wir brauchen im Lehrplan aber auch sogenannte Vielleseprogramme. Das bekannteste ist die Leseolympiade, empfohlen für die Klassen fünf bis sieben.

SPIEGEL: Wie funktioniert das?

Garbe: Jeder Schüler liest über ein paar Monate jede Woche ein Buch. Er sucht sich die Bücher selbst aus und darf sie auch wieder weglegen, wenn er nach zehn Seiten feststellt, dass ihm ein Buch nicht gefällt. Wer am Ende am meisten gelesen hat, gewinnt. Es gibt inzwischen auch sogenannte unterstützte Stilllesezeiten im Unterricht. Die Schüler dürfen dann einfach eine halbe Stunde lesen, werden dabei aber von den Lehrern begleitet und teilweise auch überprüft.

SPIEGEL: Das klingt nach viel zeitlichem Luxus angesichts meist eng getakteter Lehrpläne. Vielen Lehrern dürfte für so etwas wie das Vorlesen die Zeit fehlen.

Garbe: Wir müssen dafür Zeit schaffen und die Schulen von vielem befreien, was sowieso nicht nachhaltig ist. Das meiste, was die Heranwachsenden in der Schule lernen, haben sie hinterher wieder vergessen. Darum sollten die Schulen lieber auf ein bisschen Biologie, Erdkunde oder anderen Fachunterricht verzichten und dafür Lesemotivation und Lesekompetenz durch ein systematisches Lesecurriculum in der gesamten Schulzeit verlässlich bei allen Schülern sicherstellen. Es ist absurd - so ähnlich wie mit der Klimapolitik: Man weiß eigentlich, was man braucht, aber die Realität entwickelt sich in eine andere Richtung.

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