Pisa-Nachbeben Die Kultusminister planen radikale Schulreformen

Nach dem Pisa-Fiasko können selbst die Kultusminister der Bundesländer nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Bei ihrer Tagung in Eisenach scheint ein Reformpaket jetzt möglich: Die SPD will einen ständigen Schulvergleich, die Union setzt sich für gemeinsame "Bildungsstandards" ein.

Eisenach - Die Kultusministerkonferenz gilt als eine entsetzlich träge und verschnarchte Veranstaltung. Wenn die Bildungspolitiker aus 16 Bundesländern unter Einigungsdruck stehen, vertagen sie fast jedes heikle Thema erst einmal auf ihre nächste oder übernächste Sitzung oder gründen ein paar Kommissionen - bis sich niemand mehr dafür interessiert. Die FDP möchte die KMK am liebsten spornstreichs abschaffen, Ex-Bildungsminister Jürgen Möllemann attestierte ihr gar einmal das "Reformtempo einer griechischen Landschildkröte".

Der Pisa-Schock allerdings hat die Kultusminister durchgerüttelt und wachgeschüttelt. Bald nachdem die verheerenden Ergebnisse der deutschen Schüler vor einem halben Jahr verkündet worden waren, übertrumpften sie einander mit Reformvorschlägen. Inzwischen scheinen sie sich weitgehend einig: Am Donnerstag legten nach den Ministern der SPD-regierten Länder auch die Schulminister von CDU und CSU überraschend ein umfassendes Maßnahmenpaket für besseren Unterricht vor.

Das Papier sieht Abschlussprüfungen in allen Schularten und zuvor regelmäßige Orientierungsarbeiten und bundesweite Tests vor. Die Grundlage dafür bilden einheitliche "Bildungsstandards" in den Kernfächern Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen und Naturwissenschaften. Auf die Inhalte hätten sich die unionsgeführten Länder intern in einjähriger Arbeit bereits verständigt, hieß es in einer Erklärung.

Bayerns Schulministerin Monika Hohlmeier (CSU) sagte, mit diesen Standards seien "unverzichtbare Kompetenzen" und ein "klar festgelegtes Grundwissen" beschrieben, die Schüler am Ende eines Bildungsabschnitts beherrschen müssten.

Beim Unionskonzept geht es um Standards für die Abschlussklassen der Grundschule, der Hauptschule, der Realschule und der jeweiligen Übergangsklasse in die gymnasiale Oberstufe. Die CDU-Kultusminister sehen darin einen "Meilenstein in der föderativen Bildungspolitik". Sie forderten die SPD-Länder auf, an diesem Verfahren mitzuarbeiten und "sich den Vergleichs- und Abschlussarbeiten anzuschließen".

Die SPD-Länder hatten am Vortag angekündigt, die Qualität der Schulen regelmäßig und länderübergreifend durch Vergleichsarbeiten überprüfen zu lassen. Diese Arbeiten sollen die Schüler mindestens ein Mal in der Grundschule und zwei Mal in den Schuljahren vor der Mittleren Reife schreiben. Die Schulen wie auch der Schüler selbst sollten so eine "Rückkopplung" und eine Diagnose über ihren Leistungsstand erhalten.

Thüringens Wissenschaftsministerin Dagmar Schipanski (CDU), derzeit Präsidentin der Kultusministerkonferenz, zeigte sich zu Beginn der Eisenacher Sitzung zuversichtlich, dass sich die 16 Länder über einheitliche Standards in Mathematik, Englisch und Deutsch verständigen werden. Sie rechnete nicht mit einer Neuauflage der alten schulpolitischen Grabenkämpfe zwischen den Parteien.

Mehrere DGB-Gewerkschaften kritisierten anlässlich des Treffens die Lage in den Berufsschulen als "katastrophal". Massenhafter Unterrichtsausfall sei an der Tagesordnung, sagte IG-Metall-Vorstandsmitglied Erwin Vitt vor Journalisten. Die Ausstattung der Schulen entspreche oft nicht mehr dem Stand der Technik: "Kommt man in Berufsschulen, fühlt man sich oft wie im Museum der Arbeit." Verglichen mit Ländern wie Frankreich oder den USA investiere Deutschland zu wenig in sein Bildungssystem.

Am Rande der Sitzung demonstrierten Schüler und Jugendgruppen der Gewerkschaften. Einen ursprünglich größer geplanten Protestzug zum Tagungsort der Kultusminister auf der Wartburg hatte die KMK-Präsidentin unter Hinweis auf ein zeitgleich stattfindendes Treffen der Burschenschaften untersagt. Schipanski will am Donnerstagabend mit einer Delegation der Jugendlichen reden.

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