Pisa-Nachwehen Haben Schüler Angst vor guten Noten?

Von einem Chemnitzer Sozialforscher kommt jetzt die etwas andere Erklärung für das Pisa-Debakel. Seine These: Deutsche Schüler schreiben oft nur deshalb schlechte Klassenarbeiten, weil sie Angst haben, als Streber zu gelten.


Deutsche Schüler: Wollen sie lieber nicht zu gut sein?
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Deutsche Schüler: Wollen sie lieber nicht zu gut sein?

In deutschen Klassenzimmern herrscht die Angst. Aber nicht die Angst vor schlechten Noten - sondern vor guten. Denn wer gut ist, ist ein potenzieller Streber. Und Strebern droht die Ausgrenzung. Die Furcht davor führe dazu, "dass Schüler und insbesondere leistungsstarke Mädchen ihr vorhandenes Leistungspotenzial nicht ausschöpfen und auf Dauer leistungsschwächer werden". Das sagt Klaus Boehnke, Professor für Sozialisationsforschung und Empirische Sozialforschung an der Technischen Universität Chemnitz.

Der Chemnitzer Sozialforscher glaubt, dass sich damit möglicherweise zum Teil auch erklären lasse, warum Deutschland in der Pisa-Studie so schlecht abgeschnitten habe. Bei der internationalen Untersuchung zum Thema Schulbildung war unter anderem herausgekommen, dass fast jeder vierte 15-Jährige in Deutschland kaum lesen kann und nicht besser rechnet als ein Grundschüler.

Seine Theorie untersucht Boehnke derzeit in einer internationalen Vergleichsstudie mit dem Titel "Streber versus Nerd". In der bis zum kommenden Frühjahr dauernden Studie werden 650 deutsche, 500 kanadische und 400 israelische Schüler befragt. Sie soll Aufschluss geben, warum der Streber-Vorwurf gerade in Deutschland so verbreitet ist.

"Anders als in Nordamerika, wo gute Schulleistungen die Anerkennung in der Klasse erhöhen, werden gute Schulleistungen in deutschen Klassen eher vermieden, um die Anerkennung der Klasse zu erhalten", sagt Boehnke.

"Klugscheißer" will keiner genannt werden

Im Sommer 2000 hatte der Wissenschaftler bereits zwei Pilotstudien zu dem Thema geführt. Ergebnis: Herausragende Leistungen im Mathematikunterricht werden vor allem von begabten Mädchen eher vermieden, um nicht als "Streber" oder "Schleimer" zu gelten.

In der ersten Studie wurden 196 Chemnitzer Achtklässler aufgefordert, ein so genanntes Ranking der am häufigsten verwendeten, gehörten und besonders gefürchteten Bezeichnungen für Klassenkameraden zu erstellen. Dabei kam heraus, dass jedes dritte der benutzten Stereotype in direktem Zusammenhang mit den Leistungen im Matheunterricht steht. "Streber", "Klugscheißer" und "vorlaut" wurden besonders häufig genannt.

Wie die Untersuchung zeigte, leiden besonders leistungsstarke Mädchen unter dem Streber-Vorwurf. Im Notenvergleich hatten Mädchen und Jungen zwar annähernd gleiche Mathe-Zensuren. Wenn aber die Angst, als Streber zu gelten, nicht da wäre und die Mädchen zudem mehr Vertrauen in die eigenen Mathematikleistungen hätten, wären ihre Zensuren wesentlich besser als die der Jungen, sagte Boehnke.

In der zweiten Pilotstudie wurden weitere 194 Schüler der achten Klasse aufgefordert, Aussagen über Streber nach eigenem Empfinden in die richtige Reihenfolge zu bringen. Ganz oben landeten bei Jungen und Mädchen die Aussagen "Streber haben es viel schwerer, Freunde zu finden", "Streber wollen etwas Besseres sein als ihre Mitschüler" und "Mit Strebern will ich nichts zu tun haben".

Bei UniSPIEGEL ONLINE: Alle Beiträge zur Pisa-Studie und zu weiteren Schulthemen



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