Pisa-Reaktionen Bayern wähnt sich in der Champions League

Quer durch alle Bundesländer haben sich deutsche 15-Jährige im Schulvergleich leicht verbessert - nicht nur in Bayern. Das gibt den erleichterten Kultusministern Anlass zu ausdauerndem Schulterklopfen. Selbst Schlusslicht Bremen steckt den Pisa-Frust weg und verspricht eine "Aufholjagd".

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Pisa-Studie: Länder sehen sich auf dem richtigen Weg
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Pisa-Studie: Länder sehen sich auf dem richtigen Weg

In Bayern ist die Genugtuung groß: Spiel, Satz und Sieg heißt es beim innerdeutschen Schulvergleich für den Freistaat. Die bayerischen Schüler wurden in allen vier Testkategorien Spitzenreiter, in Mathematik, Lesen, Naturwissenschaften und Problemlösen - mit deutlichem Abstand vor den 15 Rivalen.

Da lobt der Bildungspolitiker gern andere und sich selbst. Kultusminister Siegfried Schneider (CSU) gratulierte den Schüler und Lehrern - sie hätten sich erneut als deutscher Meister erwiesen, der nun "in der Champions League" mitspiele. Die Bildungspolitik seiner Partei sei vorbildlich: "Wir haben viele Unterrichtsstunden, landesweit einheitliche Prüfungen, die das Niveau vorgeben, und engagierte Lehrer", sagte Schneider der "Süddeutschen Zeitung". "Die Mitarbeit der Eltern ist gut. Auch haben wir die Disziplin nicht so vernachlässigt wie in anderen Ländern." In einem "Zeit"-Interview pries Schneider zudem die Sekundärtugenden wie Fleiß, Ordnung, Disziplin, Pünktlichkeit und Verlässlichkeit - in Bayern sei man nämlich nie dem Zeitgeist der 68er hinterher gejagt.

Nicht alle sind von der CSU so begeistert wie die CSU. "Keinen Anlass zu Jubelfeiern" sieht etwa Albin Dannhäuser, Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV). 50.000 Schüler pro Schuljahr erreichten in Bayern nicht das Klassenziel. Dass jedes fünfte Kind aus Migrantenfamilien ohne Schulabschluss bleibe, nannte Dannhäuser "eine schulpolitische und gesellschaftliche Katastrophe".

Auch Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes und Autor des Buches "Der Pisa-Schwindel", kritisierte die Schulpolitik des Bundeslandes. Im Bayrischen Rundfunk nannte er die schnelle Einführung des "G8", der verkürzten Schulzeit bis zum Abitur, eine "überstürzte Reform". Er sei besorgt, ob Bayern damit seinen Platz bei künftigen Pisa-Studien halten könne. "Ausgerechnet am Flaggschiff des bayrischen und deutschen Schulsystems, dem Gymnasium, hat man herumgeschnipselt", sagte Kraus.

Bremen: "Unsere Aufholjagd geht weiter"

Obwohl Baden-Württemberg von Sachsen überspurtet wurde, glänzt der Süden weiter. Bei den Nordlichtern dagegen gibt es viel Schatten: Bremen rangiert wieder ganz am Ende. Aufstecken will Bildungssenator Willi Lemke (SPD) nicht und gab sich "voller Zuversicht, weil wir überdurchschnittlich bei den Schülerleistungen aufgeholt haben". Der erneut letzte Tabellenplatz "darf uns nicht total enttäuschen", so Lemke, "wir haben unsere Hausaufgaben gemacht, ansonsten hätten wir auch nicht so hohe Zuwachswerte."

Alle Ergebnisse bei Pisa-E 2003: Wie die Länder in den vier Kategorien abschnitten
SPIEGEL ONLINE

Alle Ergebnisse bei Pisa-E 2003: Wie die Länder in den vier Kategorien abschnitten

Lemke verwies auf die schwierige Situation in Bremen mit hohen Arbeitslosen- und Sozialhilfeempfängerquoten. Auch habe Bremen unter den 15-Jährigen 40 Prozent Migrantenkinder zu unterrichten; in Bayern seien das nur halb so viel. Und die Zeit zwischen der ersten Pisa-E-Veröffentlichung im Sommer 2002 und dem neuen Testtermin im Frühjahr 2003 sei zu knapp gewesen. "Unsere Aufholjagd geht weiter", kündigte Lemke unverdrossen an.

Insgesamt zeigte sich die Kultusministerkonferenz (KMK) zufrieden mit dem gestiegenen Leistungsniveau der Schüler. "Wir sind auf dem richtigen Weg", sagte die KMK-Präsidentin Johanna Wanka (CDU) aus Brandenburg am Donnerstag bei der Vorstellung der Studie. Es gebe auch kein "Auseinanderdriften der Länder". "Das System ist in Bewegung gekommen. Wir haben das Gefühl, dass sich unsere Anstrengungen lohnen", betonte auch die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD).

"Schluss mit dem Bund-Länder-Kleinkrieg"

Ihre baden-württembergische Kollegin Annette Schavan (CDU) als Sprecherin der unionsgeführten Länder nannte es eine "erfreuliche Nachricht", dass sich die Spitzengruppe verdoppelt habe und ihr nun zwei Ost- und zwei Westländer angehörten. Dies zeige, dass die "Ost-West-Schere" nicht weiter auseinander gehe. Der eigentliche Sieger sei aber Sachsen-Anhalt, das einen enormen Zuwachs verzeichnen konnte.

Mathematikum (in Gießen): Schüler vor allem beim Rechnen verbessert
DDP

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Für die SPD-regierten Länder sprach der rheinland-pfälzische Wissenschaftsminister Jürgen Zöllner von "eindeutigen Fortschritten" gegenüber der Pisa-Studie 2000. In den "eigentlich entscheidenden Punkten" sei aber noch vieles zu tun. Als Beispiele nannte Zöllner die frühkindliche Erziehung im Kindergarten und die Reform der Lehrerausbildung.

Auch der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm sieht die deutschen Schulen insgesamt auf einem guten Weg. "Was man bundesweit beobachten kann, ist eine veränderte Form der Einschulung, eine frühere Überprüfung der Sprachkenntnisse, frühere Sprachförderung und ein Leistungsvergleich zwischen den Schulen und Ländern", sagte er.

Klemm ist Mitglied des wissenschaftlichen Pisa-Beirats und hatte letzte Woche gemeinsam mit seinem Kollegen Rainer Block die Untersuchung "Gleichwertige Lebensverhältnisse im Bundesgebiet?" vorgelegt. Demnach öffnet sich die Schere zwischen armen und reichen Bundesländern immer weiter - "nicht nur in der Ost-West-, sondern auch in der Nord-Süd-Dimension".

Pisa-Studie der OECD 2003
Bei Pisa 2000 erreichte Deutschland im Fach Mathematik Rang 20. Unter den damals vertretenen Ländern würde Deutschland heute Rang 16 belegen. Im Bereich Lesen damals Rang 21, heute Rang 18. In den Naturwissenschaften damals Rang 20, heute Rang 15.

Mathematik

Lesen

Naturwissenschaften

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Zu den Pisa-E-Resultaten sagte Klemm im ARD-"Morgenmagazin", Schulen müssten die Kinder annehmen, die zu ihnen kommen, und sie optimal fördern. Das gelte vor allem für Regionen mit vielen Migranten. "Wenn die Schulen hingehen und sagen, wir hätten lieber Schüler aus gut situierten Wohngegenden, dann laufen sie in die Sackgasse", so Klemm.

Der Bundeselternrat fordert ein Ende der schier endlosen Föderalismus-Querelen in der Bildungspolitik. "Dieser Kleinkrieg zwischen Bund und Ländern müsste endlich beendet werden", sagte der Vorsitzende Wilfried Steinert am Donnerstag und schlug ein Rahmengesetz für Bildung vor. Es dürfe nicht mehr vom Land abhängen, was Kinder lernen. Kinder in Brandenburg etwa seien nicht dümmer als die in Bayern, "aber sie haben eben andere Chancen". Nach Steinerts Ansicht haben die Länder ihre Hausaufgaben noch nicht erledigt: "Es ist einfach nicht zu verantworten, wenn bundesweit im Durchschnitt etwa ein Viertel der Kinder nicht das unterste Niveau erreicht. Das sind die künftigen Sozialhilfeempfänger."

Die Bertelsmann-Stiftung forderte ebenfalls, der Bund dürfe sich nicht aus der Bildung zurückziehen und die Qualität der Schulen in den einzelnen Bundesländern sich nicht zu weit auseinander entwickeln.

Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) sagte, Bildung habe an Wertschätzung gewonnen. Gleichwohl sei der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg in Deutschland "dramatischer und höher als in jedem vergleichbaren Land". Für die Sicherung gleicher Zukunftschancen trage der Bund eine besondere Verantwortung, etwa durch den Ausbau von Ganztagsschulen.

Was daraus allerdings nach den nächsten Bundestagswahlen wird, ist völlig offen. Die rot-grüne Bundesregierung will Ganztagsschulen mit vier Milliarden Euro fördern, die Union liebäugelt damit, es im Falle ihres Wahlsiegs zu stoppen und einen Rückzug des Bundes aus der Bildungspolitik zu starten.



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Hürdenlauf, 13.04.2005
1.
richtig, an unserem Bildungssystem hapert es, aber ich bezweifle, dass ein Unterricht im Englischen ab Kindergartenalter an die Situation verbessert.... damit unsere Kinder "lernen" können, muss ihnen auch die Möglichkeit gegeben werden und dazu gehört das richtige Umfeld. unsere Kinder kommen in überfüllte Klassen, in denen pädagogisches Arbeiten kaum möglich ist.... das Sprachniveau sinkt, aber der Bereich "Sprachförderung" wird permanent zusammengestrichen.... unsere ausländischen Kinder kommen, wenn sie nach Deutschland kommen, ein Jahr in eine "Auffangklasse" und sollen nach diesem Jahr so gut deutsch sprechen, dass sie dem Unterricht problemlos folgen können... dies ist doch paradox und nahezu unmöglich... die Folge daraus ist, dass immer mehr Kinder auf Grund mangelnder Deutschkenntnisse versagen... es muss sich was ändern in Deutschland... richtig.... damit die Kinder lernen können brauchen wir kleinere Klassen, möglichst ... wie in Skandinavien... mehr als einen Lehrer in der Klasse... oder eben zumindest eine zweite person, die mithilft.... mehr Förderprogramme.... Unterstützung für die Familien... mehr Personal in den Beratungsstellen .... eine Abkehr vom "sturen" pauken... Lernen muss man "lernen", aber dazu fehlt die Möglichkeit.... diese muss man schaffen.... stattdessen werden Lehrmittel gekürzt und nun eine Eigenleistung der Eltern gefordert.... Lernen wird eine Finanzentscheidung für die Familien... die Gymnasien werden einen Schwund erleben... zumindest in der Oberstufe, da es sich viele Familien nicht "leisten" können, dass ihr Kind noch zur Schule geht und Geld für Schulbücher ausgibt, statt Geld zu verdienen und damit zum Unterhalt der Familie beizutragen.... die pädagogische Betreuung und Arbeit in Skandinavien basiert auf völlig anderen Grundlagen... diese müssen bei uns erst geschaffen werden, aber davon merkt man leider nichts in Deutschland... schade.... auch die Ausbildung der Pädagogen muss andere Schwerpunkte bekommen.... mehr Praxisarbeit während des Studiums wäre wünschenswert und käme dem Schüler zugute... naja... was solls.... Theorie und Praxis sind nun mal doch verschiedene Stiefel... zumindest in unserer Bildungspolitik :-(
schlobies, 19.04.2005
2.
Pisa11- Natürlich meinte ich nicht,daß man einen Vierjährigen zwingen sollte,sich für Quantenmechanik zu interessieren-oder Informatik.Ich bin aber absolut sicher,daß es da welche gibt,die sich interessieren.-- Die Grundlagen der Quantenmechanik sind nicht schwerer zu verstehen als andere Dinge auch.Gerade Kinder haben vorurteilslos weit mehr Interesse an seelenlosen Dingen-sie können bspw stundenlang mit Bauklötzchen spielen.- Aus der Reaktion Ulrich sehe ich das typische Vorurteil,daß die neuesten Erkenntnisse schwieriger sind als alte.Das ist ein großer Irrtum.Moderne Physik ist logisch-wenn auch nicht anschaulich.Alte Physik ist anschaulich-aber unlogisch.-Das nur nebenher.- Versuchen Sie mal die Schwerkraft zu erklären.Wie macht die Erde das,daß sie uns anzieht-durch einen Tisch -durch Geschoßdecken durch-und keine Gummifäden sind sichtbar.-Das ist in der klassischen Physik absolut unverständlich.--Kinder wollen wissen,wie macht die Schwerkraft das?-- Was ich meine ist,daß man den individuellen Neigungen weit mehr Chancen geben sollte.Und wenn einer besser über fleischfressende Pflanzen Bescheid weiß als sein Biolehrer,so soll das eine 6 in Erdkunde ausgleichen.- Es ist nachgewiesen-und hier nirgends widersprochen,daß unsere Gesellschaft eine furchtbare Genie-Vernichtungsmaschine ist.Warum haben wir denn heute keinen Goethe oder Schiller?Die Erbanlagen haben sich seither nicht verändert-die Zahl der Deutschen hat sich vervielfacht-warum nicht auch die Zahl der Genies? Christoph Schlobies Diplom-Physiker ,Kampfdenker www.schlobies.de mein Kulturtip: www.juane-delia-von-hemmer.de 1.Malerin des Transmorphismus
Reimer, 19.04.2005
3.
Ich habe im Jahr 2004 mein Abitur erhalten und bin daher noch ziemlich nah dran am Geschehen in der Schule und weiß zumindest von meiner Schule, wie das System funktioniert. Natürlich läßt sich nur schwer von einem Gymnasium auf eine Real- oder Hauptschule schließen, doch das Niveau auf einem deutschen Gymnasium muss nicht von Qualität sein. Im 11. Jahrgang war ich für sechs Monate in Namibia und bin zum zweiten Halbjahr in meinen alten Jahrgang zurück gekommen. Man könnte vermuten, dass eine Auszeit von sechs Monaten das Nachlernen von viel Stoff bedeutet, aber das ist leider nicht so. Schlussendlich habe ich einen Nachmittag in Mathematik den Stoff nachgeholt und mir einmal durchgelesen, welche Themen in Erdkunde behandelt wurden und damit hatte ich keinerlei Probleme in den bestehenden Unterricht mich wieder einzubringen. Aber darf es sein, dass man den Unterricht aus einem halben Jahr ignorieren kann? Meiner Meinung nach nicht, aber das System erlaubt es einem geschickten Schüler mit wenig Aufwand die Schulzeit zu durchleben. Mehr Druck halte ich jedoch auch für keine Lösung des Problems. Viel mehr sollte man den Schülern wieder den Spaß am Lernen vermitteln. Erinnere ich mich an die Grundschule, so war zumindest die ersten Jahre ein Genuß, da man jeden Tag neues Wissen erlange und etwas neues erleben konnte. Die Welt ergab jeden Tag mehr Sinn. Im Gymnasium änderte sich dieses Gefühl schnell. Es gab natürlich Lehrer, die ein Lichtblick am Horizont waren und dessen Unterricht wunderbar war, aber ein Großteil der Lehrer schienen Spaß am monotonen Unterricht zu besitzen und das so wurde der Unterricht für die Schüler ebenso trist. Meiner Meinung nach sollte das Ziel der Bildung sein, dass Schüler mit einem guten Gefühl in die Schule gehen. Es muss keine Freude sein, ab zumindest etwas positives wäre sinnvoll. Gruß Reimer
schlobies, 20.04.2005
4.
so ist es! schlobies
schlobies, 20.04.2005
5.
Pisa12- Was wir in Schule und Kultur brauchen, ist Begeisterung und nochmal Begeisterung.Kein stumpfsinniges Vokabeln lernen-oder Grammatik.Grammatische Regeln bildet das Gehirn übrigens intuitiv-so haben wir Deutsch gelernt. Wenn wir jeden Satz auf Grammatik überprüfen würden,könnte doch kein Deutscher Deutsch sprechen.- ------------------------ Zum Auswendig Lernen: Ich selbst wurde in Latein erst gut,als ich "Pyramus et Thisbe ,juvenum pulcherrimus alter, altera quas oriens habuit,praelata puella.- Contiguas tenuere domos,ubi dicitur altam coctilibus cinxisse Semiramis urbem.." (so ungefähr) auswendig gelernt hatte.Ich kann es -wie man sieht-tw noch heute-sehr zur Bewunderung meiner Geliebten.Das sollten sich die Jünglinge also durchaus zu Gemüte ziehen.- Also entgegen der Lehrmeinung:Im Sprachunterricht durchaus auswendig lernen,aber keine Vokabeln,keine grammatischen Reglen,sondern lebendige Texte.Schliemann hat so in wenigen Wochen Griechisch gelernt,indem er einfach die Ilias auswendig lernte.-- Jeder Lehrer,der as Auswendig-Lernen von Vokabeln fordert,sollte sofort verhaftet Und nach Sibirien verbracht werden.-Auspeitschen ist ja heute nicht mehr modern.- Noch etwas zu den Bauklötzchen. -Molekulare Genetik ist nicht viel anders. Es gibt keinen Grund ,diese einem 6-jährigem vorzuenthalten. Christoph Schlobies Diplom-Physiker ,Kampfdenker www.schlobies.de mein Kulturtip: www.juane-delia-von-hemmer.de 1.Malerin des Transmorphismus
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