Pisa-Schattenboxen Alle wetten auf Bayern als Klassenprimus

Wenn Donnerstag das Pisa-Ranking der Bundesländer kommt, wird es Triumphgeheul wie auch lange Gesichter geben. Wird Bayern am "P-Day" wieder Meister? Können Baden-Württembergs Schüler alles außer Hochdeutsch? Und was ist mit den Schluffis aus Bremen? Die Lehrerverbände zanken sich schon mal warm.

Es war der Sommer vor drei Jahren, als die Kultusminister zum großen Showdown antraten. Im Dezember 2001 hatte die OECD die Ergebnisse des internationalen Pisa-Vergleichs veröffentlicht - eine glatte Blamage für Deutschlands Schulen und Schüler. Ein halbes Jahr später wollten die Minister den ersten Pisa-Vergleich der 16 Bundesländer präsentieren und hatten sich den 27. Juni ausgeguckt, einen Donnerstag. Doch schon lang vorher sickerte das Ländergeheimnis durch: Bei der Ergänzungsstudie "Pisa-E" brillierte Bayern, auch Baden-Württemberg, Sachsen und Rheinland-Pfalz flochten sich kleine Lorbeerkränze für die Plätze zwei bis vier.

"Same procedure" heißt es dieses Jahr: Pisa II ließ im letzten Dezember die Bildungspolitik beben; Deutschland ging ein wenig verbessert auf einem mauen Mittelplatz durchs Ziel. Abermals wappnen sich die Kultusminister nun für den "P-Day", wieder ist es ein Donnerstag, nämlich der kommende. Nur halten die beteiligten Wissenschaftler und die Kultusbürokraten diesmal dicht - bisher jedenfalls. Teilergebnisse werden sie vorzeigen, vor allem die heikle Rangliste der Länder. Den Rest gibt es erst im Herbst.

Die Wettbüros melden die ewigen Favoriten

Auf der Favoritenliste stehen die üblichen Verdächtigen. Denn die Bundesländer blieben zwar nach dem Pisa-I-Fiasko keineswegs untätig und warfen den Reformmotor an, von gemeinsamen Bildungsstandards über Ganztagsschulen bis zu neuen Förderkonzepten. Aber die Zeit bis zum zweiten Testtermin im Frühsommer 2003 war knapp. So wäre am Donnerstag alles andere als jubelnde Bayern eine dicke Überraschung. Die 15-jährigen Südstaatler waren dem Pisa-Verliererland Bremen um nahezu zwei Schuljahre voraus. Allenfalls die Schüler aus Baden-Württemberg, wo man bekanntlich alles kann außer Hochdeutsch, könnten das Zeug haben, dem Titelverteidiger Paroli zu bieten.

Foto: DER SPIEGEL
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Pisa-Studie der OECD 2003
Bei Pisa 2000 erreichte Deutschland im Fach Mathematik Rang 20. Unter den damals vertretenen Ländern würde Deutschland heute Rang 16 belegen. Im Bereich Lesen damals Rang 21, heute Rang 18. In den Naturwissenschaften damals Rang 20, heute Rang 15.

Mathematik

Lesen

Naturwissenschaften

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Unterdessen sind die Lehrerorganisationen nicht faul und kurbeln die Pisa-Debatte wieder an. So rechnet der Deutsche Philologenverband beim Pisa-E-Ranking mit einem nochmals verstärkten Bildungsgefälle zwischen Süd- und Norddeutschland. Das bereite ihm Sorge, sagte der Bundesvorsitzende Hans-Peter Meidinger am Freitag in Berlin. Er wandte sich gegen "Strukturreformen" wie eine Verlängerung der Grundschulzeit und plädierte stattdessen für zentrale Abschlussprüfungen, Jahrgangsstufentests und intensivere Lehrerfortbildung.

Josef Kraus, dem Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes, gehen die "Pisa-Schauermärchen" ohnehin "auf den Geist". Sein neues Buch taufte er, pünktlich zum Ranking, "Der Pisa-Schwindel - unsere Kinder sind besser als ihr Ruf". Und tritt an zu einer polemischen Generalabrechnung mit sozialdemokratischen Bildungspolitikern, der Gesamtschule sowie den "Deutungskartellen" in Politik, Gewerkschaften und Medien - weil doch die bösen Journalisten immerzu nach schlechten Nachrichten für Deutschland gieren (für diese Einschätzung reicht ihm ein schneller Rundflug über seine Pisa-Schlagzeilensammlung).

Die Kraus-Rezepte lauten: freie Fahrt für den Föderalismus; her mit den Zentralprüfungen; das Leistungsprinzip stärken; Schluss mit der Nörgelei an den Lehrern. Und obendrein eine Hinwendung zum guten, alten Lateinunterricht. Der Gymnasiallehrer ist ein strikter Verfechter der traditionellen Dreigliedrigkeit der deutschen Schulen. Den Preis der frühen Selektion zwischen guten und schlechten Schülern hält er für nicht zu hoch - die "taz" nannte ihn darum uncharmant den "Oberseparatisten der deutschen Schule".


Pisa II-Aufgaben: Was die 15-Jährigen wissen mussten

Den konservativen Kollegen wollte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) auf keinen Fall das Feld überlassen und trommelte am Donnerstag erst zum Angriff auf das Sitzenbleiben, am Freitag dann für das Seminar "Pisa verstehen". Die wichtigsten Gäste: die Essener Bildungsforscher Klaus Klemm und Rainer Block sowie der stets streitbare internationale Pisa-Leiter Andreas Schleicher aus dem Pariser OECD-Büro.

Im Gepäck hatten Klemm und Block ihre neue Studie  "Gleichwertige Lebensverhältnisse im Bundesgebiet?". Ihre Botschaft: Die Schere zwischen armen und reichen Bundesländern öffne sich immer weiter - "nicht nur in der Ost-West-, sondern auch in der Nord-Süd-Dimension". Das habe entscheidenden Einfluss auf die Rahmenbedingungen für das schulische Lernen.

Die Essener Wissenschaftler untersuchten unter anderem die Zuwanderer- und die Arbeitslosenquoten, die Wirtschaftsdaten und Schulausgaben der Länder, die Kindergartenplätze, Klassengrößen und Unterrichtsstunden. Demnach bieten Hessen, Bayern, Baden-Württemberg und mit Abstrichen Rheinland-Pfalz die günstigsten Lernbedingungen.

Im Schnitt deutlich schlechter sieht es in Ostdeutschland aus, wobei sich "Sachsen und Thüringen deutlich von den anderen Ländern dieser Gruppe abzusetzen beginnen". Bei den Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg zeichneten die Forscher ein widersprüchliches Bild. Enorme Unterschiede ermittelte sie etwa bei der Zuwanderung: So wurde bei 40 Prozent der Kinder in Bremen und Hamburg mindestens ein Elternteil nicht in Deutschland geboren; in sämtlichen ostdeutschen Ländern dagegen waren es unter sechs Prozent.

Free Willi: Die Sorgen des Senators

Für die Schülerleistungen hat das enorme Folgen. Beide Pisa-Studien zeigten eindringlich, dass es Deutschland bemerkenswert schlecht gelingt, Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund zu integrieren. Auch deshalb warnte die GEW am Freitag gemeinsam mit dem Verband Bildung und Erziehung (VBE) vor einer Pisa-"Instrumentalisierung" im Wahlkampf. Zur Bewertung von Schulen gehöre auch eine gründliche Analyse der Förderung und sozialen Herkunft der Schüler.

Willi Lemke wird das nur zu gern vernommen haben. Als einstiger Werder-Fußballmanager hat er Erfahrung mit Schwererziehbaren und braucht nunmehr als Bremens Bildungssenator selbst viel Lob, Trost und Zuspruch. Der SPD-Mann ist gebeutelt: Beim ersten Pisa-E 2002 nahmen die Bremer Schüler die rote Laterne in allen drei Kategorien (Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften) mit - eine "Katastrophe", "wie eine 0:8-Niederlage", barmte Lemke. Und weil großes Unheil meist kleine Geschwister hat, erlebten auch Bremens Grundschüler vor eineinhalb Jahren beim Iglu-Test eine Totalpleite. Da dachte der Senator gar laut über seinen Rücktritt nach.

Aber: Nach den Flops hat sich Bremen nicht versteckt und vor allem die Sprachprobleme an Grundschulen ins Visier genommen, mit Sprachtests und Vorschulkursen. Auf die Pisa-Ergebnisse kann sich die Förderung für Migrantenkinder erst in einigen Jahren auswirken, weil ja 15-Jährige getestet werden. Und so muss Willi Lemke wieder ganz tapfer sein - auch am Donnerstag dürfte er kaum fröhlich blicken.

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