Bildungsstudie der OECD Deutschland beim neuen Pisa-Test im oberen Mittelfeld

Besser als der internationale Durchschnitt, aber nicht richtig gut: Beim neuen Pisa-Test kommen die Schüler in Deutschland beim Länder-Ranking weit nach oben - trotzdem gibt es einige alarmierende Befunde.
OECD-Vergleich: Beim Lesen sind Deutschlands Schüler vielen anderen überlegen

OECD-Vergleich: Beim Lesen sind Deutschlands Schüler vielen anderen überlegen

Foto: Florian Gaertner/ Getty Images

"Durchaus akzeptabel." So fällt das Urteil über die Ergebnisse der deutschen Schülerinnen und Schüler bei den neuen Pisa-Tests aus. In allen drei Bereichen - Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften - liegen sie über dem OECD-Durchschnitt". Das schreibt Kristina Reiss, Pisa-Koordinatorin für Deutschland, in einem Fazit der größten internationalen Bildungsstudie, die an diesem Dienstag vorgestellt wird. 

Deutschland schafft es jedoch nicht in die Spitzengruppe. In allen Themenfeldern schneiden die Jugendlichen im Schnitt schlechter ab als in Estland, Finnland, Hongkong, Irland, Polen oder Singapur. Außerdem sind die Unterschiede in den Leistungen hierzulande teils immens und werden sogar größer, auch abhängig von der Schulform. Der Schulerfolg hängt zudem weiterhin stärker von der sozialen Herkunft ab als im OECD-Schnitt.

Alle drei Jahre werden bei Pisa die Leistungen der Jugendlichen zum Ende ihrer Pflichtschulzeit erfasst. In der aktuellen Studie ging es zum dritten Mal schwerpunktmäßig um die Lesekompetenz. Die Jugendlichen in Deutschland erzielten dabei 498 Punkte - und kommen damit im OECD-Länder-Ranking auf Platz 15 von 37. Insgesamt belegen sie Rang 20 von 79.

Nachdem sich die deutschen Jugendlichen beim Lesen zwischenzeitlich verbessert hatten, liegen die Leistungen nun wieder ungefähr auf dem Niveau von 2009, sind aber nicht so schlecht wie vor zwanzig Jahren. Dass sich Deutschland aktuell im oberen Mittelfeld bewegt, könnte auch daran liegen, dass aus der Spitzengruppe Länder wie Finnland abgerutscht sind - und den Schnitt nach unten gezogen haben.

Zur Jahrtausendwende hatte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) den Leistungsvergleich von 15-Jährigen das erste Mal angestellt. Die Ergebnisse lösten in Deutschland den "Pisa-Schock" aus, weil sie allenfalls mittelmäßig ausfielen. Zudem kam heraus, dass der Schulerfolg deutlich stärker vom Elternhaus abhängt als in anderen Industrienationen.

Der Studie folgten mehrere bildungspolitische Reformen, die teilweise umstritten sind - ebenso wie die Untersuchung selbst. Kritiker zweifeln zum Beispiel, ob ein Leistungsvergleich von Jugendlichen aus völlig verschiedenen Bildungssystemen Sinn ergibt und stellen die Aufgaben infrage. (Beispielaufgaben können Sie hier nachlesen.) 

"Noch Luft nach oben"

Die aktuellen Ergebnisse seien zwar kein Drama, sagt Alexander Lorz, Präsident der Kultusministerkonferenz und CDU-Kultusminister in Hessen, aber sie entsprächen auch nicht den Erwartungen, die Politik, Lehrer und Eltern an das deutsche Bildungssystem haben. "Da ist noch Luft nach oben", sagt Lorz.

Auch Pisa-Koordinatorin Reiss sagt: "Unser Anspruch muss größer sein, als ein bisschen über dem OECD-Durchschnitt zu liegen." Im Vergleich zu früheren Pisa-Resultaten seien die aktuellen Ergebnisse für Deutschland jedoch ein wichtiger Erfolg. Es gebe nur wenige Staaten, denen "eine solche positive Gesamtentwicklung vergleichbar gelungen" sei. Aber: Die Ergebnisse zeigen auch, dass Handlungsbedarf besteht. So gilt etwa der Anteil leistungsschwacher Jugendlicher in allen drei Bereichen als "fraglos zu hoch".

Die Pisa-Studie

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

Lesekompetenz: Estland auf Platz 1

Die 15-Jährigen aus Estland, Kanada, Finnland und Polen schneiden beim Lesen im OECD-Vergleich am besten ab. Einige Regionen Chinas und Singapur sind noch besser, Länder wie Georgien, Indonesien und Kosovo liegen dagegen ganz unten im Ranking.

Auffällig ist in Deutschland, dass es gewaltige Leistungsunterschiede gibt. Die sogenannte Streuung, wie es im Statistiker-Deutsch heißt, liegt über dem OECD-Schnitt und ist zudem gestiegen.

Die Gruppe der besonders leseschwachen Schülerinnen und Schüler sei im Vergleich zu anderen lesestarken Ländern verhältnismäßig groß, heißt es in der Studie. Gleichzeitig gebe es aber auch besonders viele lesestarke 15-Jährige.

Mathematik: Japan Spitzenreiter

Mit 527 Punkten bei den Pisa-Tests führen die Schülerinnen und Schüler aus Japan das OECD-Länder-Ranking in Mathematik an. Die deutschen Jugendlichen kommen im Schnitt auf 500 Punkte - und landen damit vor Ländern wie Frankreich, Island oder Australien. Aber: Im Vergleich zu Pisa 2012 sind die Leistungen abgerutscht.

Zudem gibt es in Deutschland inzwischen deutlich mehr 15-Jährige, die von den Bildungsforschern als besonders leistungsschwach beschrieben werden: Mehr als ein Fünftel der Schülerinnen und Schüler verfügt der Studie zufolge "lediglich über rudimentäre mathematische Kenntnisse". Bei Jugendlichen, die nicht aufs Gymnasium gehen, ist der Anteil noch größer.

Naturwissenschaften: Deutschland unter den Top 12

Estland, Japan und Finnland belegen im OECD-Vergleich in Naturwissenschaften Spitzenplätze, Deutschland schafft es knapp unter die besten Zwölf. Die deutschen Schülerinnen und Schüler haben sich aber auch hier verschlechtert. Bei den aktuellen Leistungen gibt es zudem große Unterschiede.

Ein Fünftel der Jugendlichen erreiche nicht die Mindestanforderungen an eine naturwissenschaftliche Grundbildung, schreiben die Pisa-Forscher. An nicht gymnasialen Schularten sei der Anteil dieser Jugendlichen besonders hoch und habe zugenommen.

Fazit: "Die Förderung schwächerer Schülerinnen und Schüler, und die breite Förderung von allen Jugendlichen ist immer noch eine zentrale Aufgabe, die gezielt Aufmerksamkeit erfordert", schreibt Pisa-Koordinatorin Reiss.

Was die Lesekompetenz betrifft, habe Deutschland sein gutes Niveau halten können, das sei nicht selbstverständlich, sagte Reiss, aber "die schlechte Nachricht ist, dass ein Fünftel der 15-Jährigen kaum in der Lage ist, den Sinn von Texten zu erfassen und zu reflektieren. Aus diesem Ergebnis sollten Konsequenzen gezogen werden."

Die Forscher sehen auch Handlungsbedarf, weil die kulturelle und soziale Herkunft großen Einfluss auf die Lesekompetenz hat. In diesem Bereich hatte die Pisa-Studie dieses Mal verschiedene Aspekte untersucht. Die Forscher stellten unter anderem größere Unterschiede zwischen den Schulformen fest.

Details zu den Ergebnissen beim Studienschwerpunkt Lesen

Schere geht auseinander: Ein relativ hoher Anteil der Jugendlichen auf dem Gymnasium ist hochkompetent im Lesen. Dagegen gibt es unter den Nicht-Gymnasiasten einen hohen Anteil leseschwacher Jugendlicher. Beide Gruppen sind zuletzt größer geworden. Jugendliche, die nicht aufs Gymnasium gehen, lesen im Schnitt zudem schlechter als in früheren Pisa-Studien. Sie erreichten bei den aktuellen Tests einen Mittelwert von 458 Punkten - an Gymnasien lag er bei 578 Punkten.

Hoher Anteil an leseschwachen Jungen: In allen Staaten, die an der Pisa-Studie teilnahmen, zeigen Mädchen im Schnitt eine höhere Lesekompetenz als Jungen. Im Vergleich zu früheren Pisa-Studien ist diese Differenz kleiner geworden, auch in Deutschland.

Fast unverändert seit zehn Jahren ist hierzulande aber der Anteil der besonders leseschwachen Jungen: 24 Prozent. Auf den untersten Kompetenzstufen habe sich der Anteil der Jungen sogar erhöht, schreiben die Pisa-Autoren, auf den obersten Kompetenzstufen allerdings auch. Die Leistung geht also weiter auseinander.

Elternhaus hat starken Einfluss: Wie gut Schülerinnen und Schüler lesen können, hängt in Deutschland beträchtlich vom Elternhaus ab. Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Lesekompetenz ist im OECD-Vergleich überdurchschnittlich ausgeprägt, schreiben die Pisa-Autoren.

Das privilegierteste Viertel der deutschen Schüler hat gegenüber Gleichaltrigen, die am stärksten benachteiligt sind, beim Lesen einen Leistungsvorsprung von 113 Punkten, etwas mehr als noch vor zehn Jahren. Im OECD-Schnitt liegt der Abstand bei 89 Punkten. Die geringsten Unterschiede gibt es in Japan, Korea und Kanada.

Die Chancenungleichheit setzt sich den Ergebnissen zufolge in Deutschland fort, wenn es darum geht, welche Schule Jugendliche besuchen: 70 Prozent der Schulen, die als sozioökonomisch benachteiligt gelten, leiden nach Angaben ihrer Schulleitungen darunter, dass sich Lehrermangel bei ihnen negativ auswirkt. An Schulen, die bessergestellt sind, beklagen dies 34 Prozent.

Zuwanderung macht sich bemerkbar: Einen großen Einfluss auf die Leseleistungen hat der Studie zufolge in fast allen europäischen Staaten die Frage, ob Jugendliche einen Migrationshintergrund haben. In Deutschland kommen 15-Jährige aus zugewanderten Familien bei Lesetests auf 472 Punkte - Jugendliche ohne ausländische Wurzeln erreichen 524.

Deutschland top in Lesestrategien: Die deutschen Schülerinnen und Schüler sind im internationalen Vergleich Spitzenreiter, wenn es um Lesestrategien geht. Sie wissen besser als andere, wie sie Texte erschließen können, wenden dieses Wissen aber nicht unbedingt an. "Das ist eine große Herausforderung - hier ist die Didaktik gefragt", sagt KMK-Präsident Alexander Lorz.

••Die Hälfte liest nicht zum Vergnügen: Was das Lesen aus Freude und die Lesemenge betrifft, hat beides im Vergleich zu vor zehn Jahren deutlich abgenommen. Fast alle Jugendlichen lesen aber mehr Chats und mehr Nachrichten im Netz als früher.

Die Freude am Lesen fällt in Deutschland unterdurchschnittlich aus. Rund die Hälfte der 15-Jährigen gibt an, dass sie nicht zum Vergnügen lesen: Im OECD-Schnitt sind es 42 Prozent. In fast allen Staaten sei dieser Anteil recht hoch, heißt es in der Studie. Ausnahmen: Mexiko, Griechenland, Kolumbien und die Türkei. Hier ist die Gruppe der 15-Jährigen, die gern lesen, größer. Ausgerechnet diese Länder gehören bei der Lesekompetenz aber zu den Schlusslichtern.