Pisa-Studie Lesetest für Oberschlaumeier

Deutschlands Schüler haben beim jüngsten Pisa-Test im Lesen ordentlich abgeschnitten, aber nur ganz wenige knackten die richtig schwierigen Aufgaben. Dazu zählten Fragen zu einem Theaterstück eines ungarischen Dramatikers. Hätten Sie's geschafft, sind Sie "Expertenleser"?

dpa

Von


Bei den Pisa-Tests ist es wie immer in der Schule. Es gibt die Versager, die gar nichts können, und die Streber, die alles wissen. 4979 Schüler aus Deutschland haben diesmal beim Pisa-Test mitgemacht, und weil die Schlechten weniger geworden sind, hat sich die Bundesrepublik im Durchschnitt verbessert. Auch im Lesen reicht es jetzt im internationalen Vergleich für einen Platz im Mittelfeld. Ein sicheres "befriedigend" - deutlich schlechter als die besten Länder, aber deutlich besser als noch vor knapp einem Jahrzehnt und allein deshalb ein Erfolg.

Wie aber steht es um die Klassenbesten? Als die OECD den aktuellen Test entworfen hat, führte sie eine neue Notenstufe ein. "Es wurde eine neue oberste Kategorie gebildet, die die Kompetenzen von exzellenten Leserinnen und Lesern beschreibt", heißt es im deutschen Pisa-Bericht. Eine Kategorie für 15-jährige Oberschlaumeier, so etwas wie "eins plus mit Sternchen", erreichbar nur für die wenigsten.

0,6 Prozent der Teilnehmer landeten beim Lesetest in diesem Kompetenzrang, das entspricht ungefähr einem von 167 Schülern. Aus den tausenden deutschen Teilnehmern könnte man genau eine einzige größere Schulklasse solcher Bestleser bilden.

Die "Expertenleser" sind eine kleine Gruppe

Die entsprechenden Test-Fragen müssen also unglaublich schwer gewesen sein - oder? SPIEGEL ONLINE dokumentiert eine der Aufgaben, die es zu knacken galt. Sie bezieht sich auf ein Theaterstück des ungarischen Dramatikers Ferenc Molnár. Das Werk heißt "Das Schauspiel sei das Werkzeug", im Pisa-Test war der Anfang abgedruckt. Die knifflige Frage dazu stammt aus dem Testbereich "Informationen suchen und extrahieren". Wer wissen will, ob er es in die Pisa-Spitzengruppe geschafft hätte, kann sich die Aufgabe hier anschauen.

Nicht wenige werden sich vermutlich auf eine falsche Fährte locken lassen. Ihnen bietet sich eine zweite Chance. Zum selben Theaterstück wurde im Pisa-Test eine weitere Aufgabe gestellt, die ungleich leichter als die erste zu lösen ist. Sie hat nicht den höchsten Schwierigkeitsgrad (Stufe 6), sondern einen vergleichsweise niedrigen (Stufe 2). Diese zweite Aufgabe findet sich hier.

Die Pisa-Kompetenzstufen im Lesen
DPA
Wozu die Schülerinnen und Schüler im Allgemeinen in der Lage sind - so werden die Kompetenzstufen im Lesen definiert (Quelle: Deutscher Pisa-Bericht)
Stufe VI - die "Expertenleser"
Jugendliche auf dieser Stufe können Schlussfolgerungen, Vergleiche und Gegenüberstellungen detailgenau und präzise anstellen. Dabei entwickeln sie ein volles und detailliertes Verständnis eines oder mehrerer Texte und verbinden dabei unter Umständen gedanklich Informationen aus mehreren Texten miteinander. Hierbei kann auch die Auseinandersetzung mit ungewohnten Ideen gefordert sein, genauso wie der kompetente Umgang mit konkurrierenden Informationen und abstrakten Interpretationskategorien sowie hohe Präzision im Umgang mit zum Teil unauffälligen Textdetails.
Stufe V - erwarte das Unerwartete
Jugendliche auf dieser Stufe können sowohl mehrere tief eingebettete Informationen finden, ordnen und herausfinden, welche davon jeweils relevant sind, als auch ausgehend von Fachwissen eine kritische Beurteilung oder Hypothese anstellen. Die Aufgaben dieser Stufe setzen in der Regel ein volles und detailliertes Verständnis von Texten voraus, deren Inhalt oder Form ungewohnt ist. Zudem muss mit Konzepten umgegangen werden können, die im Gegensatz zum Erwarteten stehen.
Stufe IV - suche die verborgene Information
Aufgaben dieser Kompetenzstufe erfordern vom Leser/von der Leserin, linguistischen oder thematischen Verknüpfungen in einem Text über mehrere Abschnitte zu folgen, oftmals ohne Verfügbarkeit eindeutiger Kennzeichen im Text, um eingebettete Informationen zu finden, zu interpretieren und zu bewerten oder um psychologische oder philosophische Bedeutungen zu erschließen. Insgesamt muss ein genaues Verständnis langer oder komplexer Texte, deren Inhalt oder Form ungewohnt sein kann, unter Beweis gestellt werden.
Stufe III - Zusammenhänge begreifen
Aufgaben dieser Kompetenzstufe erfordern vom Leser/von der Leserin, vorhandenes Wissen über die Organisation und den Aufbau von Texten zu nutzen, implizite oder explizite logische Relationen (z.B. Ursache­Wirkungs­Beziehungen) über mehrere Sätze oder Textabschnitte zu erkennen, mit dem Ziel, Informationen im Text zu lokalisieren, zu interpretieren und zu bewerten. Einige Aufgaben verlangen vom Leser/von der Leserin, einen Zusammenhang zu begreifen oder die Bedeutung eines Wortes oder Satzes zu analysieren. Häufig sind die benötigten Informationen dabei nicht leicht sichtbar oder Passagen des Textes laufen eigenen Erwartungen zuwider.
Stufe II - Vergleiche anstellen
Jugendliche auf dieser Stufe können innerhalb eines Textabschnitts logischen und linguistischen Verknüpfungen folgen, mit dem Ziel, Informationen im Text zu lokalisieren oder zu interpretieren; im Text oder über Textabschnitte verteilte Informationen aufeinander beziehen, um die Absicht des Autors zu erschließen. Bei Aufgaben dieser Stufe müssen unter Umständen auf der Grundlage eines einzigen Textbestandteils Vergleiche und Gegenüberstellungen vorgenommen werden oder es müssen, ausgehend von eigenen Erfahrungen oder Standpunkten, Vergleiche angestellt oder Zusammenhänge zwischen dem Text und nicht im Text enthaltenen Informationen erkannt werden.
Stufe Ia - simple Zusammenhänge erkennen
Aufgaben dieser Kompetenzstufe erfordern vom Leser/von der Leserin, in einem Text zu einem vertrauten Thema eine oder mehrere unabhängige, explizit ausgedrückte Informationen zu lokalisieren, das Hauptthema oder die Absicht des Autors zu erkennen oder einen einfachen Zusammenhang zwischen den im Text enthaltenen Informationen und allgemeinem Alltagswissen herzustellen. Die erforderlichen Informationen sind in der Regel leicht sichtbar, und es sind nur wenige beziehungsweise keine konkurrierenden Informationen vorhanden. Der Leser wird explizit auf die entscheidenden Elemente in der Aufgabe und im Text hingewiesen.
Stufe Ib - leicht sichtbare Information in einfachem Text entdecken
Jugendliche auf dieser Stufe können in einem kurzen, syntaktisch einfachen Text aus einem gewohnten Kontext, dessen Form vertraut ist (z.B. in einer einfachen Liste oder Erzählung), eine einzige, explizit ausgedrückte Information lokalisieren, die leicht sichtbar ist. Der Text enthält in der Regel Hilfestellungen für den Leser, wie Wiederholungen, Bilder oder bekannte Symbole. Es gibt kaum konkurrierende Informationen. Bei anderen Aufgaben müssen einfache Zusammenhänge zwischen benachbarten Informationsteilen hergestellt werden.
Die beiden Aufgaben verdeutlichen damit die Bandbreite, die im Pisa-Test abgefragt wird. Wer es auf eine der beiden höchsten Kompetenzstufen schafft, darf sich im deutschen Pisa-Bericht als "Expertenleser" rühmen lassen. Dazu zählen vor allem Mädchen, der Abstand zu den Jungen ist ganz schön groß; rund zweieinhalb mal mehr Mädchen als Jungen finden sich in der Expertengruppe. Insgesamt gehören 7,6 Prozent der Schülerinnen und Schüler in Deutschland dazu, das entspricht dem OECD-Durchschnitt. Fast alle von ihnen gehen zum Gymnasium, das auch in den Durchschnittsleistungen deutlich vor allen anderen Schulformen liegt.

Gymnasiasten sind nicht automatisch besser

Nichtsdestoweniger machen die neuesten Pisa-Daten deutlich, dass keineswegs alle Gymnasiasten gut oder auch nur besser als andere Schüler sind. Wie schon in früheren Studien gibt es vielmehr "eine deutliche Überlappung der Verteilungen zwischen den Bildungsgängen", berichten die deutschen Pisa-Forscher. Das oberste Viertel derjenigen, die einen Realschulabschluss anstreben, könne besser lesen als das schlechteste Viertel der Gymnasiasten. Sogar zehn Prozent der Schüler, die einen Hauptschulabschluss anstreben, lägen mindestens auf dem Niveau der unteren zehn Prozent am Gymnasium.

In ihrer Bilanz der Entwicklung seit der ersten Pisa-Studie 2000 fällen die bekannten Forscher Eckhard Klieme, Manfred Prenzel und Jürgen Baumert gemeinsam mit ihrer Kollegin Nina Jude ein zwiespältiges Urteil über die Gymnasien: Diese "nehmen zwar mehr Schülerinnen und Schüler auf", doch "die Anteile der Schülerinnen und Schüler, die die höchsten Kompetenzstufen erreichen, stagnieren sowohl im Lesen als auch in der Mathematik".

Dass Deutschland in der jüngsten Pisa-Studie im Lesen deutlich besser als vor neun Jahren abschneidet, liegt an den sehr schwachen Schülern: Deren Anteil hat sich stark verringert.

insgesamt 1222 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
pi-news.net, 07.12.2010
1. Kindergeld nach Noten?
Deutschland hat ein kostenloses Schulsystem und jeder kann mit Anstrengung einen guten Schulabschluß erreichen. Dafür muß man sich auf den Hosenboden setzen und lernen, auch wenns "uncool" ist. Und vorher müssen Eltern aufhören ihre Kinder zu misshandeln und ihnen den Sinn von Schule erläutern. D. ist nicht wegen der bürgerlichen Schichten schlecht bei PISA, es sind Leute die alle möglichen Ausreden haben, was sie vom schulischen Erfolg abhält. Vielleicht sollte man das Kindergeld nach Noten in der Schule vergeben. Das würde einen Hype auslösen!
micheldeutsch 07.12.2010
2. Deutschlands Schüler immer noch Mittelmaß
Zitat von sysopDie neue Pisa-Studie liegt vor, Lesen ist der Schwerpunkt - und die Ergebnisse sind für Deutschlands Schüler durchwachsen. Sie haben ihre Position leicht verbessert, sind aber von den Spitzenländern noch weit entfernt. Was muss für die Ausbildung getan werden?
Warum sollten die Schüler besser sein als der Rest Deutschlands? Helmut Schmidt hat recht. http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/europa-fehlen-die-europaeer/3591352.html
forumgehts? 07.12.2010
3.
Zitat von sysopDie neue Pisa-Studie liegt vor, Lesen ist der Schwerpunkt - und die Ergebnisse sind für Deutschlands Schüler durchwachsen. Sie haben ihre Position leicht verbessert, sind aber von den Spitzenländern noch weit entfernt. Was muss für die Ausbildung getan werden?
Da man hier 10 Jahre so gut wie nichts getan hat, kann man nur schliessen, dass die anderen eben schlechter geworden sind. International will es auch vermutlich kein Staat mit der Bildung übertreiben, denn wer legt denn schon Wert auf kluge und informierte Staatsbürger?
baloo55 07.12.2010
4. Adressaten
Bestätigt wurde in der Untersuchung, was schon frühere Studien zeigten: Kleinere Klassen führen nicht automatisch zu besseren Leistungen. Zwischen beiden Faktoren gibt es keinen bedeutsamen Zusammenhang. Soviel zum Geschrei der Lehrerschaft nach immer kleineren Klassen. Bewiesen ist dagegen erneut der Effekt von vorschulischer Bildung. Länder, die hier überdurchschnittlich investieren, schafften in der neuen Pisa-Studie bessere Ergebnisse als die anderen. Wenn heute bereits diskutiert wird, eine KiTa-Pflicht einzuführen, sollte man das den Eltern hinter den Spiegel stecken. Und den Politikern, die das zu Hause bleiben der Kinder auch noch finanziell fördern.
A.D.H. 07.12.2010
5. Deutschland hatte einst das beste Bildungssystem der Welt,
aber unter Einfluss der OECD und EU wird es systematisch gegen die Wand gefahren, um die Leistungsunterschiede Unterschiede innerhalb der EU zu nivellieren (ähnlich, wie in der Wirtschaft). Zudem ist die Studie und deren Methoden höchst kritikwürdig, und es sind nicht die Deutschen selbst, die schlechte Leistungen liefern: Der Chef des Deutschen Philologenverbandes (DPhV), Heinz-Peter Meidinger, sagte dazu: "Der relativ hohe Migranten-Anteil an unseren Schulen ist mitverantwortlich für das schlechte Ergebnis der Deutschen bei der Pisa-Studie". Für den Bildungs-Experten sind vor allem "ihre Sprachdefizite das Problem". http://www.bild.de/BILD/politik/2010/12/06/pisa-studie-philologen-chef-meidinger-migranten-ziehen/pisa-ergebnisse-bei-der-lesekompetenz-nach-unten.html http://www.pisa-kritik.de/ Viele Länder lassen auch nur ihre besten Schüler an der Studie teilnehmen, während Deutschland mal wieder den Musterschüler spielt, und sich damit selbst ins Knie schießt. Die Grünen haben jedenfalls keine Konzepte, außer die Anforderungen und das Niveau der Schulen immer weiter zu senken. Anti-Grüne wollen zur Wahl antreten Sie rechnen mit zehn Prozent und wollen mit der SPD koalieren. Die Hamburger Bürgerinitiative "Wir wollen lernen" protestierte gegen die Schulreform. Nun will sie Partei werden. http://www.zeit.de/politik/deutschland/2010-12/hamburg-wahl-wir-wollen-lernen Auch die SPD täte gut daran, mit der Schulpolitik der Grünen zu brechen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.