Pisa-Studie Lob für die Lehrer

Die neuen Pisa-Ergebnisse sind verwirrend: Sie zeigen zwar einen leichten Rückgang der Schülerleistungen - belegen aber gleichzeitig eine positive Gesamtentwicklung der deutschen Schulen. Wie kann das sein?

Florian Gaertner/ Getty Images

Eine Analyse von


Die gute Nachricht zuerst: Es gibt keinen Pisa-Schock 2.0, die Katastrophe bleibt aus. In allen drei Leistungsbereichen Lesen, Mathematik und in den Naturwissenschaften liegen Deutschlands Schülerinnen und Schüler in der neuen Pisa-Studie signifikant über dem Durchschnitt der OECD-Länder.

Die Wissenschaftler um die Mathematikerin Kristina Reiss, die an der Technischen Universität München forscht und den deutschen Teil der Pisa-Testungen koordiniert, bezeichnen die gemessenen Kompetenzen als "durchaus akzeptabel". Deutschland hat die dramatischen Ergebnisse der ersten Pisa-Tests aus dem Jahr 2000 endgültig hinter sich gelassen. "Es gibt nur wenige Staaten, denen eine solche positive Gesamtentwicklung gelungen ist", sagt Reiss.

Trotzdem fällt der Jubel verhalten aus. Denn Deutschland schneidet gleichzeitig durchweg schlechter ab als bei der letzten Auflage von Pisa im Jahr 2015. Während die Unterschiede im Lesen und in den Naturwissenschaften nicht allzu drastisch sind, sprechen die Wissenschaftler in der Mathematik von einem "signifikanten Rückgang" der Kompetenz.

Die Pisa-Studie
Wer wurde getestet?
Bei der siebten Studie des „Programme for International Student Assessment (PISA)“ wurden im Frühjahr 2018 in Deutschland die Kompetenzen von 5451 Schülerinnen und Schülern im Alter von 15 Jahren an rund 220 Schulen aller Schularten getestet. Befragt wurden außerdem Lehrkräfte und Eltern. Weltweit nahmen rund 600.000 15-Jährige in 79 Ländern teil, darunter die 37 Mitgliedsstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).
Was wurde getestet?
Die Pisa-Studie untersucht alle drei Jahre, wie gut Jugendliche zum Ende ihrer Pflichtschulzeit grundlegende Kompetenzen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften in alltäglichen Situationen anwenden können. Dieses Mal lag der Schwerpunkt auf der Lesekompetenz. Sie umfasst die Fähigkeit, Texte zu verstehen, zu nutzen, zu bewerten und über sie zu reflektieren.
Wo wurde getestet?
An der Pisa-Erhebung 2018 nahmen insgesamt 79 Länder und Wirtschaftsregionen teil. Auftraggeber ist die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), es können aber auch Nicht-OECD-Staaten teilnehmen. Erstmals dabei waren Schülerinnen und Schüler aus Bosnien und Herzegowina, Brunei Darussalam, den Philippinen, Saudi-Arabien, der Ukraine und Weißrussland.
Wie wurde getestet?
Alle Schüler müssen am Computer Pisa-Aufgaben lösten. Zum Teil sind das Multiple-Choice-Aufgaben, zum Teil Aufgaben, bei denen eigene Antworten formuliert werden müssen. Das Studien-Setting zur Lesekompetenz war dieses Mal etwas anders angelegt als in früheren Jahren: Erstmals wurde berücksichtigt, dass Jugendliche nicht mehr vorrangig bedrucktes Papier, sondern zunehmend digitale Inhalte lesen. Die Schülerinnen und Schüler mussten dabei mit verschiedenen, teils sich widersprechenden Quellen umgehen.
Wer steht hinter der Studie?
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) koordiniert die Studie. Deutschland beteiligt sich auf Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) und des Bundesbildungsministeriums an der Pisa-Studie. Auf nationaler Seite wurde die Untersuchung von der Pisa-Arbeitsgruppe unter der Leitung von Kristina Reiss an der Technischen Universität München durchgeführt.

Wie gut lesen Schüler digital?

Seit 2015 testet die OECD ausschließlich am Computer. 2018 wurde zum ersten Mal untersucht, wie sicher sich Schülerinnen und Schüler in einer typischen Internetumgebung bewegen. Dazu mussten sie unter anderem Informationen auf einer simulierten Homepage zusammentragen oder einen Chat mit mehreren Teilnehmern analysieren.

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"Damit hat sich Pisa an die Lebensgewohnheiten heutiger 15-Jähriger angepasst", sagt Bildungsforscherin Reiss. Die Ergebnisse dieses neuen Aufgabentyps fließen in die Lesebewertung ein. "Die basale Lesekompetenz ist eine notwendige Fähigkeit, um sich in der digitalen Welt zurechtzufinden."

Details zu den Ergebnissen beim Studienschwerpunkt Lesen
Die Schere geht auseinander
Ein relativ hoher Anteil der Jugendlichen auf dem Gymnasium ist den Pisa-Ergebnissen zufolge hochkompetent im Lesen. Diese Gruppe ist in den vergangenen zehn Jahren sogar größer geworden. Dagegen gibt es unter den Nicht-Gymnasiasten einen hohen Anteil leseschwacher Jugendlicher - und auch der ist im Vergleich zu 2009 und 2015 ebenfalls bedeutsam angestiegen. Bei Jugendlichen, die nicht aufs Gymnasium gehen, hat sich die Lesekompetenz im Durchschnitt außerdem verringert. Diese 15-Jährigen erreichten bei den aktuellen Pisa-Tests einen Mittelwert von 458 Punkten - an Gymnasien lag er bei 578 Punkten.
Hoher Anteil an leseschwachen Jungen
In allen Staaten, die an der Pisa-Studie teilnahmen, zeigen Mädchen im Schnitt eine höhere Lesekompetenz als Jungen - der Unterschied liegt bei 30 Punkten. Im Vergleich zu früheren Pisa-Studien ist diese Differenz allerdings kleiner geworden. Das gilt sowohl im OECD-Schnitt als auch in Deutschland. Fast unverändert seit zehn Jahren ist hierzulande der Anteil der besonders leseschwachen Jungen: 24 Prozent. "Es gibt weiterhin einen relativ hohen Anteil an Jungen, die nur über äußerst eingeschränkte Lesekompetenz verfügen", schreiben die Pisa-Autoren. Auf den untersten Kompetenzstufen habe sich der Anteil der Jungen sogar erhöht - auf den obersten Kompetenzstufen allerdings auch. Die Schere geht also weiter auseinander.
Deutschland top in Lesestrategien
Die deutschen Schülerinnen und Schüler sind im internationalen Vergleich Spitzenreiter, wenn es um Lesestrategien geht. Sie wissen besser als andere, wie sie Texte erschließen können - wenden dieses Wissen aber nicht unbedingt an. "Das ist eine große Herausforderung - hier ist die Didaktik gefragt", sagt KMK-Präsident Alexander Lorz. Was das Lesen aus Freude und die Lesemenge betrifft, hat beides im Vergleich zu vor zehn Jahren deutlich abgenommen. Fast alle Jugendlichen lesen aber mehr Chats. Auch Nachrichten werden von Jugendlichen mehr online gelesen als noch 2009.
Elternhaus hat massiven Einfluss
Wie gut Schülerinnen und Schüler das Lesen beherrschen hängt in Deutschland stärker als im OECD-Schnitt vom Elternhaus ab. Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Lesekompetenz ist überdurchschnittlich ausgeprägt. Den geringsten Zusammenhang gibt es dagegen in Japan, Korea und Kanada. Einen großen Einfluss auf die Leseleistungen hat der Studie zufolge in fast allen europäischen Staaten auch die Frage, ob Jugendliche einen Migrationshintergrund haben oder nicht. In Deutschland kommen 15-Jährige aus zugewanderten Familien bei Lese-Tests nur auf 472 Punkte - Jugendliche ohne ausländische Wurzeln erreichen 524 Punkte. Stärker als in anderen Staaten ist der Zuwanderungshintergrund der Studie zufolge mit dem sozialen Status verknüpft.
Hälfte der deutschen 15-Jährigen liest nicht zum Vergnügen
Die Freude am Lesen fällt in Deutschland unterdurchschnittlich aus. Fünf Prozent der Jugendlichen lesen mehr als zwei Stunden täglich, weil ihnen das Spaß macht. Rund die Hälfte der 15-Jährigen gibt an, dass sie nicht zum Vergnügen lesen: Im OECD-Schnitt sind es 42 Prozent. In fast allen Staaten sei dieser Anteil recht hoch, heißt es in der Studie. Ausnahmen: Mexiko, Griechenland, Kolumbien und die Türkei. Hier ist die Gruppe der 15-Jährigen, die gerne lesen, größer. Ausgerechnet diese Länder gehören bei der Lesekompetenz aber zu den Schlusslichtern.

Neben der Lesekompetenz fragt die aktuelle Pisa-Studie auch ab, wie - und vor allem wie gern - Jugendliche lesen. "In fast allen Ländern zeigt sich eine wachsende Leseunlust", sagt Bildungsforscherin Kristina Reiss. "Viele Jugendliche lesen heute nicht mehr zum Vergnügen. Sie lesen vor allem, wenn sie Informationen benötigen."

Überraschend ist, dass deutsche Schüler im Vergleich über das höchste Lesestrategiewissen verfügen - sie wissen also sehr gut über Lesetechniken Bescheid. In den Leseleistungen schlägt sich dieser Vorsprung aber nicht unbedingt nieder: Gutes theoretisches Wissen führt nicht unbedingt dazu, es auch anwenden zu können.

Erfolgreiche Integration

Auch 2018 hängt der Bildungserfolg in Deutschland auffällig stark vom Elternhaus ab - durchgängig in allen Leistungsbereichen. "Es bleibt eine zentrale Aufgabe, die schwächeren Schülerinnen und Schüler besonders zu fördern", sagt Kristina Reiss. "In allen drei Leistungsbereichen ist der Anteil schwacher Jugendlicher fraglos zu hoch."

Bei Pisa 2018 wurden erstmals auch Jugendliche getestet, die seit 2015 nach Deutschland eingewandert sind - allerdings nur diejenigen, die schon mindestens ein Jahr lang an einer deutschen Schule gelernt haben. Der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund ist im Vergleich zum letzten Pisa-Test 2015 um zehn Prozentpunkte gestiegen.

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Seit jeher schneiden Kinder und Jugendliche mit Zuwanderungsgeschichte in Leistungstests schlechter ab als ihre deutschen Mitschüler, das gilt für Pisa genauso wie für den IQB-Ländervergleich oder die Vera-Vergleichsarbeiten. "Dass die Ergebnisse vor allem im Lesen dennoch so zufriedenstellend ausfallen, wo Sprache in diesem Bereich eine besonders große Rolle spielt, haben wir vor allem den Lehrkräften zu verdanken", sagt Kristina Reiss. "Sie leisten Großes in der Integration."

insgesamt 87 Beiträge
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Seite 1
rosenblum 03.12.2019
1. Total verdient
Schön, dass mal jemand eine Lanze für die Lehrer bricht. Das deckt sich zu hundert Prozent mit meinen Erfahrungen. Man kann nicht immer auf die Idealisten hoffen, ganz im Gegenteil schaden die oft, weil sie hoch starten und tief fallen. Man muss endlich einsehen, dass Lehrer ein ganz normaler Beruf ist, den man erlernen kann - und ja, auch viel besser bezahlen sollte. Lehrer brauchen - wie jeder andere Beruf - Rüstzeug, auf das sie sich immer verlassen können. Genau diese Erfahrung haben wir mit unseren Kindern vor allem in der Grundschule und in der Unterstufe des Gymnasiums gemacht. Engagierte und hochprofessionelle Lehrer, die ihren Beruf gelernt haben und Entscheidungen nach objektiven Kriterien treffen. In meiner Schulzeit hatte man entweder absolute Idealisten oder ausgebrannte Leute, die einfach den falschen Beruf gewählt hatten. Ein Hoch auf die neue Lehrergeneration.
Niob41 03.12.2019
2. Lehrerleistung vs. Elternleistung
Da der Bildungserfolg in Deutschland maßgeblich vom Elternhaus abhängt, muss man die Leistung, die das Elternhaus in Form von Hausaufgabenbetreuung, Nacharbeiten von Lerninhalten, uvm. erbringt,herausrechnen, wenn man die Leistung des Bildungssystems beurteilen will. Zieht man also diejenigen Schüler aus der Studie heraus, deren Bildungserfolg durch die Bildung der Eltern zustande kommt, bin ich überzeugt, Deutschland schließt in OECD-Vergleich weit unterdurchschnittlich ab. Nur so macht die Studie Sinn. Sie soll die Qualität des Bildungssystems beurteilen und nicht die Arbeit der Eltern. Es geht nicht, dass die Lehrer sich mit Lernerfolgen brüsten, die im elterlichen Wohnzimmer in harten Stunden am Abend und an Wochenenden erarbeitet wurden.
ford_mustang 03.12.2019
3. Signifikant?
Nun ja, kann man so sehen. Wer sich die Statistiken ansieht sollte sich jetzt nicht zurücklehnen, sondern mal fragen, was die Esten so viel besser machen? Tauchen immer ganz oben mit auf.
foamberg 03.12.2019
4.
der punkt ist, das bildungsniveau von schülern ist immer noch viel zu hoch im vergleich zu solchen dumpfbacken wie akk, lindner, spahn, altmaier und co...!!!;-)
Schartin Mulz 03.12.2019
5. Als
Ruhri freue ich mich vor allem über den letzten Absatz. Denn was hier, gerade in den Grundschulen geleistet wird, z.T. in Klassen mit 100 % Einwandererkindern, das kann gar nicht hoch genug bewertet werden. In den Vergleichstests schneiden diese Schulen logischerweise immer schlecht ab. Wunder wirken können die Pädagogen (hauptsächlich Pädagoginnen) auch nicht. Aber wie viele dieser Kinder, die oft ohne Deutschkenntnisse eingeschult werden, am Ende mit einem Abschluss die Schule verlassen, das ist eine tolle Leistung. Deshalb ärgere ich mich immer, wenn dann über die Schulen in NRW so hämisch berichtet wird. Wenn die besseren Ergebnisse z.B. in Sachsen, wo der Ausländeranteil dank rechter Umtriebe ja ziemlich marginal ist, dagegengesetzt werden. Oder das selektive Schulsystem in Bayern. "Wir lassen kein Kind zurück" war mal ein Schlagwort von NRW-MP Kraft. Blieb, was die Politik angeht, nur ein Slogan. Aber vor Ort wird das umgesetzt.
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