Pisa-Studie Lob für die Lehrer

Die neuen Pisa-Ergebnisse sind verwirrend: Sie zeigen zwar einen leichten Rückgang der Schülerleistungen - belegen aber gleichzeitig eine positive Gesamtentwicklung der deutschen Schulen. Wie kann das sein?
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Die gute Nachricht zuerst: Es gibt keinen Pisa-Schock 2.0, die Katastrophe bleibt aus. In allen drei Leistungsbereichen Lesen, Mathematik und in den Naturwissenschaften liegen Deutschlands Schülerinnen und Schüler in der neuen Pisa-Studie signifikant über dem Durchschnitt der OECD-Länder.

Die Wissenschaftler um die Mathematikerin Kristina Reiss, die an der Technischen Universität München forscht und den deutschen Teil der Pisa-Testungen koordiniert, bezeichnen die gemessenen Kompetenzen als "durchaus akzeptabel". Deutschland hat die dramatischen Ergebnisse der ersten Pisa-Tests aus dem Jahr 2000 endgültig hinter sich gelassen. "Es gibt nur wenige Staaten, denen eine solche positive Gesamtentwicklung gelungen ist", sagt Reiss.

Trotzdem fällt der Jubel verhalten aus. Denn Deutschland schneidet gleichzeitig durchweg schlechter ab als bei der letzten Auflage von Pisa im Jahr 2015. Während die Unterschiede im Lesen und in den Naturwissenschaften nicht allzu drastisch sind, sprechen die Wissenschaftler in der Mathematik von einem "signifikanten Rückgang" der Kompetenz.

Die Pisa-Studie

Wie gut lesen Schüler digital?

Seit 2015 testet die OECD ausschließlich am Computer. 2018 wurde zum ersten Mal untersucht, wie sicher sich Schülerinnen und Schüler in einer typischen Internetumgebung bewegen. Dazu mussten sie unter anderem Informationen auf einer simulierten Homepage zusammentragen oder einen Chat mit mehreren Teilnehmern analysieren.

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"Damit hat sich Pisa an die Lebensgewohnheiten heutiger 15-Jähriger angepasst", sagt Bildungsforscherin Reiss. Die Ergebnisse dieses neuen Aufgabentyps fließen in die Lesebewertung ein. "Die basale Lesekompetenz ist eine notwendige Fähigkeit, um sich in der digitalen Welt zurechtzufinden."

Details zu den Ergebnissen beim Studienschwerpunkt Lesen

Neben der Lesekompetenz fragt die aktuelle Pisa-Studie auch ab, wie - und vor allem wie gern - Jugendliche lesen. "In fast allen Ländern zeigt sich eine wachsende Leseunlust", sagt Bildungsforscherin Kristina Reiss. "Viele Jugendliche lesen heute nicht mehr zum Vergnügen. Sie lesen vor allem, wenn sie Informationen benötigen."

Überraschend ist, dass deutsche Schüler im Vergleich über das höchste Lesestrategiewissen verfügen - sie wissen also sehr gut über Lesetechniken Bescheid. In den Leseleistungen schlägt sich dieser Vorsprung aber nicht unbedingt nieder: Gutes theoretisches Wissen führt nicht unbedingt dazu, es auch anwenden zu können.

Erfolgreiche Integration

Auch 2018 hängt der Bildungserfolg in Deutschland auffällig stark vom Elternhaus ab - durchgängig in allen Leistungsbereichen. "Es bleibt eine zentrale Aufgabe, die schwächeren Schülerinnen und Schüler besonders zu fördern", sagt Kristina Reiss. "In allen drei Leistungsbereichen ist der Anteil schwacher Jugendlicher fraglos zu hoch."

Bei Pisa 2018 wurden erstmals auch Jugendliche getestet, die seit 2015 nach Deutschland eingewandert sind - allerdings nur diejenigen, die schon mindestens ein Jahr lang an einer deutschen Schule gelernt haben. Der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund ist im Vergleich zum letzten Pisa-Test 2015 um zehn Prozentpunkte gestiegen.

Seit jeher schneiden Kinder und Jugendliche mit Zuwanderungsgeschichte in Leistungstests schlechter ab als ihre deutschen Mitschüler, das gilt für Pisa genauso wie für den IQB-Ländervergleich oder die Vera-Vergleichsarbeiten. "Dass die Ergebnisse vor allem im Lesen dennoch so zufriedenstellend ausfallen, wo Sprache in diesem Bereich eine besonders große Rolle spielt, haben wir vor allem den Lehrkräften zu verdanken", sagt Kristina Reiss. "Sie leisten Großes in der Integration."