Pisa-Ergebnisse Wieder nichts gelernt

Nur Mittelmaß. Bei der Pisa-Studie bleiben die Schülerleistungen hierzulande hinter Deutschlands Ansprüchen zurück. Die Versager sitzen aber nicht in der Schule.

Schülerinnen und Schüler in Recklinghausen (Nordrhein-Westfalen)
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Schülerinnen und Schüler in Recklinghausen (Nordrhein-Westfalen)

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Deutschland, ein Dreier-Kandidat: Bei der neuen Pisa-Studie fällt das Zeugnis für die Schülerinnen und Schüler hierzulande gemischt aus. Sie haben sich etwas verschlechtert, liegen aber über dem OECD-Schnitt. Da wünscht sich mancher mehr Ehrgeiz, bezeichnenderweise zum Beispiel Bildungsministerin Anja Karliczek. Das eigentliche Desaster ist aber gar nicht Deutschlands Dümpeln im oberen Mittelfeld, sondern die Bildungskatastrophe, die hinter den Pisa-Zahlen steckt.

Die Leistungsschere der 15-Jährigen reißt immer weiter auf. Deutschland hat mehr Einser-Schüler und mehr Fünfer-Kandidaten als im OECD-Schnitt - und zusammen erreichen sie Mittelmaß. Beispiel Lesekompetenz: Jeder fünfte Schüler hat große Mühe, Texte zu lesen und zu verstehen, geschweige denn "Fake News" im Internet zu erkennen. An Schulen, die kein Gymnasium sind, ist es sogar fast jeder Dritte. Tendenz steigend.

Gleichzeitig ist der Anteil der hochkompetenten Leser gestiegen, besonders an Gymnasien. Wie gut Jugendliche lesen können, hängt zudem - wie der Schulerfolg insgesamt - beträchtlich von der sozialen Herkunft ab. Ein Dauerbefund in den Pisa-Studien. Dieser Zusammenhang hat sich sogar verstärkt. Die meisten anderen OECD-Länder bekommen das weitaus besser hin.

Politische Ignoranz und mangelnde Wertschätzung

Das Erschreckende: Diese Befunde sind nicht neu, sondern offenbaren eine unerträgliche politische Ignoranz und mangelnde Wertschätzung der Kinder und Jugendlichen in diesem Land. Obwohl die Politik seit fast 20 Jahren um die Missstände weiß, unternimmt sie nur hier und da halbherzige Reparaturarbeiten, sodass weiter viel zu viele Menschen auf der Strecke bleiben.

Das fängt schon in der Kita an. Der bundesweite Kita-Ausbau sollte eine frühzeitige Förderung ermöglichen, unabhängig vom Elterenhaus. Aber die Nachfrage ist in vielen Regionen größer als das Angebot, und da ergattern bildungsbürgerliche, berufstätige Eltern auch wegen politischer Regularien oft eher einen Ganztagsplatz als sozial benachteiligte oder zugewanderte Familien. Dabei bräuchten deren Kinder die Förderung besonders dringend, um später in der Schule gut mitzukommen.

Einem Kind die deutsche Sprache beizubringen, ist einfach, wenn Kitas personell gut ausgestattet sind. Doch gerade daran hapert es vielerorts, auch weil die Arbeit von der Politik über Jahre nicht richtig ernst genommen wurde. Das "Gute Kita"-Gesetz sollte die Qualität steigern. Trotz des schönen Namens wurde aber versäumt, bundesweit verbindliche Standards festzulegen.

Nicht nur ungerecht, sondern auch riskant

In den Schulen werden weitere Chancen verpasst. Der Ausbau von Ganztagsschulen sollte Chancengerechtigkeit fördern. Aber bis heute kommt dieser Ausbau in einigen Bundesländern nur äußerst schleppend voran. Die Große Koalition hat zwar einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz ab 2025 festgelegt und will Milliarden zuschießen. Aber Fachleute sind sich einig, dass die Summe bei Weitem nicht reicht.

Die Gelder sollen zudem erst fließen, wenn sich Bund und Länder geeinigt haben, wer was beisteuert. Das kann dauern. Wie schwer sich Deutschlands Bildungsminister tun, überhaupt an einem Strang zu ziehen, überall vergleichbare Bedingungen zu schaffen, hat zuletzt der Streit um den Nationalen Bildungsrat gezeigt.

Als geradezu chancenlos gilt da die Abschaffung der Gymnasien. Dabei sind sich viele Fachleute einig, dass bei der Selektion nach der Grundschule nicht nur gute Noten zählen, sondern auch die soziale Herkunft. Und dass die Chancengerechtigkeit steigen würde, wenn Kinder flächendeckend länger zusammen lernten - so wie in fast allen anderen Ländern auch.

Stattdessen schiebt die deutsche Politik fast nur den nicht gymnasialen Schulen Aufgaben wie Inklusion oder die Aufnahme geflüchteter Schüler zu, und zwar viel zu oft ohne die nötige Ausstattung. Bezeichnend: Deutsche Schulleiter berichten öfter als im OECD-Schnitt über Personalnot. Ausgerechnet Schulen in Problemvierteln sind davon besonders betroffen. Sie leiden stärker unter Deutschlands Lehrermangel als andere. Mindestens das müsste sich dringend ändern.

Alles andere ist nicht nur ungerecht, sondern auch riskant. Wenn die Gesellschaft schon bei den 15-Jährigen in Deutschlands Schulen so auseinanderdriftet, wie soll sie dann unter Erwachsenen wieder zusammenfinden?

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