Pisa-Studie und die USA Zwei Lehrer pro Klassenzimmer

Die Schulen in den USA haben ein miserables Image, schlugen die deutschen beim Pisa-Vergleich aber um Längen. Vor allem die Integration von Einwanderer-Kindern gelingt dort besser. Präsident Bush hat nun eine große Bildungsreform versprochen. Doch Kritiker zweifeln bereits an Chancen und politischem Willen.
Von Steven Geyer

Washington - "Good Morning! Buenos días", begrüßt die Lehrerin die Schüler an der J.F. Oyster Elementary School über die Lautsprecheranlage. "Wenn ihr mit dem Frühstück fertig seid, werden euch die Lehrer in der Cafeteria abholen und zum Unterricht bringen."

Die Flure in der schicken staatlichen Schule im Nordwesten von Washington sind blitzblank, mit bunten Wandzeitungen geschmückt und führen zu Klassenzimmern mit Projektoren, Computern und hellgelb leuchtenden Wänden. Das spanische "Guten Morgen" ist keine Ausnahme an der genau vor einem Jahr für elf Millionen Dollar umgebauten Schule: Der Unterricht wird zweisprachig geführt, beim Abschluss der sechsten Klasse sind die Kinder in Englisch und Spanisch perfekt. Zu Beginn des Schuljahres warten Eltern mittlerweile bis zu sechs Tage lang vor den Schultoren, um einen guten Platz bei den Einschreibungen zu haben.

Nur zehn Straßen weiter östlich wird aus ganz anderen Gründen in Spanisch und Englisch unterrichtet. "91 Prozent unserer Schüler sind Einwandererkinder", sagt José Veloso, Schulpsychologe der Bancroft Public Elementary School. "Die meisten von ihnen sprechen spanisch, aber wir unterrichten hier Kinder aus 35 Ländern mit 20 verschiedenen Sprachen."

Seine Schule liegt in Washingtons Viertel Mount Pleasant, wo fast alle Einwohner Hispanics sind. Die Nachbarschaft ist arm, die Jobs der Lateinamerikaner sind schlecht bezahlt und sie selbst oft illegal im Land. Vor den Fenstern der Schule sind Gitter, in den Fluren bröckelt der Putz, und die Wände in den Klassenräumen vergilben. Trotzdem ist Veloso stolz auf seine Schule, denn nach drei bis sechs Jahren bringe sie das Englisch vieler Schüler "von wortwörtlich null auf sehr gut".

Mancher Berliner Lehrer wäre über ähnliche Erfolge seiner Schule froh. Es war einer der Schocks der Pisa-Studie, dass gerade die USA trotz ihres Rufes von Public Schools voller Analphabeten deutlich bessere Schüler hervorbringen als Deutschland.

Zwar sind auch in den USA die Kinder aus armen und Ausländer-Familien die Problemfälle der Bildung. Aber in Deutschland ist erstens der Zusammenhang zwischen sozialem Umfeld und Schulleistungen deutlicher, und zweitens sind die Sprachkenntnisse von Einwanderern schlechter als in den USA. Zwar war US-Bildungsminister Rod Paige "sehr enttäuscht" über das mittelmäßige Abschneiden seiner Schüler und erklärte: "Durchschnitt ist nicht gut genug für unsere Kinder." Aber zumindest hat Amerika, die Mutter der Einwanderungsländer, etwas besser gelernt, sich um die Immigranten-Kinder zu kümmern.

"Größte Bildungsreform seit einer Generation"

Nach der Ankunft in den USA wird jedes Kind zuerst vom "Büro für zweisprachige Erziehung" auf seine Englischkenntnisse getestet. "Bei den meisten", erzählt José Veloso, "lautet das Ergebnis 'keinerlei Englischkenntnisse'. Deshalb stehen bei uns in jeder Klasse zwei Lehrer: Einer mit Englisch als Muttersprache, einer mit Spanisch oder anderen Fremdsprachen."

Die im Schnitt 18-köpfigen Klassen (in Deutschland sind es um die 30 Schüler) werden in Arbeitsgruppen geteilt und nach Bedarf unterrichtet. Veloso: "Das Konzept funktioniert hervorragend."

Für die US-Wähler (zu denen allerdings die Schwarzen und Hispanics zu großen Teilen nicht gehören wollen) ist Bildung bereits das politische Topthema, zu dem es in Deutschland jetzt werden soll. Laut einer aktuellen Umfrage des Gallup-Instituts halten 86 Prozent der amerikanischen Bürger Bildungspolitik für sehr wichtig.

Da das Thema zugleich als Kernkompetenz der Demokraten gilt, haben die Republikaner seinerzeit für den Bush-Wahlkampf das Konzept vom "mitfühlenden Konservatismus" erfunden: sich um Soziales kümmern, aber ohne allzu viel Verantwortung für den Staat. Nun wird bald ein neuer Kongress gewählt, und Bush wärmt die Idee neu auf. Bei einer USA-Rundreise pries er in der vergangenen Woche nicht zuletzt die "größte Bildungsreform seit einer Generation" an.

Bei Nichtgefallen Recht auf Schulwechsel

Das entsprechende Gesetz war nach langen Verhandlungen im Kongress von Demokraten und Republikanern gemeinsam verabschiedet worden. "No child left behind" - "Kein-Kind-bleibt-zurück-Gesetz" hat es die Bush-Regierung getauft. Der Titel zielt auf das Problem, das Pisa auch ans deutsche Tageslicht holte: Wer das Bildungssystem verbessern wolle, müsse bei den Schwächsten anfangen - und das sind nun einmal meist die Einwandererkinder.

"Ja, es ist schwer, einem Kind etwas beizubringen, dessen Eltern kein englisch sprechen", sagte Bush in einer Rede in Cleveland. "Aber es irgendwie durchzuschummeln heißt geringe Hoffnung, geringe Standards und geringe Erwartungen zu haben. Dann wird man auch nur geringe Leistungen erreichen."

Ab September sollen deshalb auch einkommensschwache Eltern ihre Kinder zu Nachhilfe-Kursen oder gar auf Privatschulen schicken können, wenn der Nachwuchs bei den Schultests regelmäßig schlecht abschneidet. Möglich werden soll das durch Finanzspritzen aus Steuergeldern.

Warum Kritiker am Erfolg der Bush-Reform zweifeln

Lesen Sie im zweiten Teil:

Kritiker beklagen, so werde staatlichen Schulen noch mehr Geld entzogen, statt sie zu erneuern. Außerdem löste Bushs Gesetz eine Verfassungsklage aus, weil die privaten Schulen fast ausschließlich kirchlich sind und nach Auffassung der Kläger Staatsgelder für Kirchenschulen Staat und Religion vermischen. In einer knappen Entscheidung segnete das Verfassungsgericht das Bush-Gesetz jedoch kürzlich ab.

Diese Wahlmöglichkeit für ärmere Eltern weitet die schon bestehende Rechenschaftspflicht für Schulen aus. Versagen Schüler staatlicher Schulen bei den jährlichen Standardtests (die in Deutschland dem Pisa-Ergebnis zumindest den Schockeffekt genommen hätten), so kürzen Staat und Bund die Zuschüsse - und irgendwann droht der Schule gar die Schließung.

"Warum Gleichaltrige nach Leistung trennen?"

José Velosos hält diesen Ansatz trotz seiner schwierigen Lage für richtig. "Eine Schule muss doch beweisen, dass sie mit den Steuergeldern auch etwas anfängt", erklärt er. "Ich finde aber, dass neben den Tests auch beachtet werden sollte, wie gut wir die Immigrantenkinder an den Alltag gewöhnen, ihnen Ängste nehmen und sie in die Gesellschaft integrieren."

Veloso versucht damit, gegen die soziale Auslese nach Wohnort und sozialem Umfeld anzukämpfen. Ohne diesen Effekt würde sich das amerikanische Bildungssystem mit seiner Grundidee der Integration von Schülern aller Leistungsniveaus noch deutlicher vom deutschen Sortier-Prinzip unterscheiden. Wer in den USA in derselben Nachbarschaft wohnen bleibt, beendet die zehnte Klasse mit denselben Mitschülern, mit denen er in den Kindergarten eingeschult wurde.

"Warum sollte man gleichaltrige Schüler voneinander trennen?", fragt der Schulpsychologe. "Die Forschung zeigt, dass Vielfalt gut für die Lernergebnisse ist. Schlechte Schüler werden motiviert, bessere können ohne Druck gefördert werden."

Bush hat den Mund ziemlich voll genommen

Dass das neue Bush-Gesetz seinen Schulalltag umkrempeln wird, bezweifelt Veloso allerdings. Ja, theoretisch könnten demnächst Eltern aus dem Hispanic-Viertel Mount Pleasant ihre Kinder mit Staatszuschüssen in die prestigeträchtige Bilinguale Oyster School schicken. Praktisch fehlen dort allerdings bereits heute die Plätze für Kinder aus anderen Einzugsgebieten.

Zudem haben die Eltern in den entlegenen Einwanderer- oder Schwarzenvierteln weder die Zeit noch die Möglichkeit, ihre Kinder jeden Morgen an einer weit entfernten Schule abzuliefern. Umziehen fällt aus, weil eine gute Schule in der Nachbarschaft die Mietpreise in die Höhe schraubt.

"Vor allem bei afroamerikanischen und hispanischen Familien kommt hinzu, dass die Eltern selbst nur schlecht ausgebildet sind", erklärt José Veloso, "ihnen fehlt dadurch oft das Verständnis, wie wichtig gute Schulbildung für ihr Kind ist." In den armen Familien brauche man eben schnell ein Dritteinkommen.

Ohnehin scheint es, als habe Bush bei seinen Ankündigungen den Mund zu voll genommen. "Der Präsident kann nun sein eigenes Bildungsgesetz nicht finanzieren", kritisierte der demokratische Senator Ted Kennedy. "In seinem Budgetvorschlag werden Gelder für die Reform staatlicher Schulen sogar gekürzt, während er privaten Schulen vier Milliarden Dollar zuschiebt." Der Name des "Kein-Kind-bleibt-zurück-Gesetzes" bleibe für sechs Millionen bedürftige Schüler ein Lippenbekenntnis voller Hohn.

Für deutsche Ohren klingt das vertraut: Auch hier ist die Kluft zwischen Sinnsprüchen von der "Bildung als höchstem Gut" und tatsächlichen Investitionen seit Jahrzehnten markant. Laut Pisa-Studie liegt Deutschland bei den Gesamtausgaben pro Schüler auf Rang 13 von 18 erfassten Nationen: Nur 41.978 US-Dollar ist den Deutschen ein Schulweg von der ersten bis zur zehnten Klasse Wert. In Amerika investierte man bisher 67.313 Dollar - international die zweithöchste Investition pro Schüler.


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