Pisa-Analyse Wer Mathe kann - und wer nicht

Mädchen gehören häufiger als Jungen zu den "Low Performern" im Matheunterricht - ebenso wie Schüler, die nie in einer Kita waren. Warum ist das so?
Mädchen in der Schule: In Mathematik gehören sie häufiger als Jungen zu den extrem schwachen Schülern

Mädchen in der Schule: In Mathematik gehören sie häufiger als Jungen zu den extrem schwachen Schülern

Foto: Julian Stratenschulte/ picture alliance / dpa

Kann das Geschlecht ein Risikofaktor sein? Ja, sagen die Pisa-Forscher von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Wie groß die Chance ist, besonders schwache Schulleistungen in bestimmten Schulfächern abzuliefern, hängt in Deutschland unter anderem davon ab, ob man als Junge oder Mädchen geboren wird.

In einer am Mittwoch veröffentlichten Sonderauswertung der Pisa-Daten von 2012 haben sich die Bildungsforscher speziell die "Low Performer" unter den 15-jährigen Schülern angeschaut - also diejenigen, die schon an einfachsten Aufgaben scheitern und deren Kompetenz nicht einmal das im Alltag notwendige Niveau erreicht.

Die Risikofaktoren - und welche davon in Deutschland wichtig sind

"Schwache Leistungen sind kein Resultat eines einzelnen Risikofaktors, sondern immer eine Kombination verschiedener Einflüsse", heißt es in der Studie. Welche Einflüsse das sein können, haben die Forscher mit Blick auf alle OECD-Staaten aufgelistet :

  • ein sozioökonomisch schwieriges Elternhaus
  • das Geschlecht
  • ein Migrationshintergrund
  • wenn zu Hause eine andere Sprache als in der Schule gesprochen wird
  • wenn nur ein Elternteil mit dem Kind zusammenlebt
  • wenn Schulen in abgeschiedenen Regionen liegen
  • fehlender Kindergartenbesuch (ein Jahr oder weniger)
  • wenn ein Schüler bereits sitzengeblieben ist
  • beim Besuch von berufsbildenden Schulen oder Programmen.

In der Sonderauswertung werden diese Risiken aber auch länderspezifisch bewertet. Für die rund 140.000 "Low Performer" in Deutschland lassen sich demnach vier Faktoren benennen, die ein besonders großes Risiko mit sich bringen, als Jugendlicher zum Schulversager zu werden. Die Faktoren beziehen sich dabei in erster Linie auf den Mathematikunterricht, denn Mathe war bei der Pisa-Studie 2012 der Schwerpunkt.

Der sozioköonomische Hintergrund

Die soziale und wirtschaftliche Lage der Familie eines Schülers ist nach Angaben der Forscher der größte Risikofaktor für Jugendliche. Kommen sie aus einem ärmeren Elternhaus und sozial schwierigen Verhältnissen, steigt das Risiko des Schulversagens um den Faktor vier. Gefährlich wird es vor allem dann, wenn eine gute Schul- und Berufsausbildung nicht als besonders erstrebenswert oder wichtig angesehen wird und wenn Unterstützung und Hilfe für die Kinder und Jugendlichen nur begrenzt zur Verfügung steht. Schon frühere Untersuchungen kamen wiederholt zu dem Ergebnis, dass in Deutschland die soziale Herkunft so stark wie in kaum einem anderen Land über den Bildungserfolg der Kinder entscheidet.

Fehlender Besuch einer Kindertagesstätte

Wer nur ein Jahr oder noch kürzer eine Vorschuleinrichtung besucht hat, wird rein statistisch 2,5 Mal häufiger zum "Low Performer" als ein Schüler, der einen großen Teil seiner Kindheit in der Kindertagesstätte oder im Hort verbracht hat. Forscher führen das auf gleich mehrere Lerneffekte zurück: Zum einen sind Sprach- und Sozialkompetenz bei Kita-Kindern in der Regel besser entwickelt, zum anderen findet - wenn auch nicht immer gezielt - in den Vorschuleinrichtungen eine Förderung des Wissens und der Problemlösungskompetenzen statt. Offenkundig profitieren Kita-Kinder davon auch auf ihrem weiteren Bildungsweg.

Das Geschlecht

Nach den Pisa-Daten zeigen Mädchen überraschend häufig sehr schlechte Leistungen in Mathematik und erreichen öfter als Jungen nicht die notwendigen Mindestkompetenzen. Forscher haben ein ganzes Bündel an Gründen dafür ausgemacht. Zum einen trauen sich Mädchen oft weniger zu und haben deshalb auch schlechtere Noten. So sagen sie einer anderen OECD-Studie zufolge, dass sie "einfach nicht gut in Mathe" seien - selbst dann, wenn sie bei Pisa genauso gut abgeschnitten hatten wie ihre Klassenkameraden.

"In vielen Gesellschaften herrscht ein Klima, in dem es als normal erscheint, dass Mädchen Mathe nicht so gut können", sagt OECD-Sprecherin Antonie Kerwien - ein Faktor, der sich offenbar auch in Deutschland auf die Schulleistungen auswirkt. Grundlage ist das Rollenklischee, dass Mädchen einfach nicht rechnen können und sie in dieser Fehleinschätzung auch noch von vielen Eltern bestärkt werden - dabei handelt es sich um einen reinen Bildungsmythos.

Sitzenbleiben

Erstaunlich ist auch das Ergebnis, dass eine schulische Ehrenrunde das Versagensrisiko in Mathematik deutlich erhöht. Die zunächst einleuchtend erscheinende Erklärung, Sitzenbleiber seien halt ohnehin die schwächeren Schüler, zieht hier nicht. Im Gegenteil: Wer nach dem Sitzenbleiben den Anschluss in Mathe verliert, konnte offenbar überhaupt nicht vom erhofften Wiederholungseffekt profitieren. "Es gibt kaum ein wissenschaftliches Indiz dafür, dass das Wiederholen den Schülern etwas bringt", bestätigt der Landauer Bildungsforscher Ingmar Hosenfeld. Die Pisa-Sonderauswertung könnte also Anlass sein, darüber nachzudenken, das Sitzenbleiben vielleicht doch noch abzuschaffen - so, wie es in vielen Bundesländern immer mal wieder diskutiert wird.

Was muss jetzt passieren?

"Deutschland hat die Zahl der leistungsschwachen Schüler reduziert, steht aber immer noch vor großen Herausforderungen", stellen die OECD-Bildungsforscher in ihrer Analyse fest. Sie fordern höchste Priorität für den Kampf gegen extrem schwache Schulleistungen: In erster Linie müssten die Hürden abgebaut werden, die den Schulerfolg an die soziale Herkunft koppeln. Außerdem sollten Hilfsprogramme zur Förderung von Familien und von besonders schwachen Schülern aufgebaut werden - mit zusätzlichen Geldern und Lehrerstellen, wie die Studie betont.

Besondere Unterstützung müsse es außerdem für Zuwanderer geben - und einen unproblematischen Zugang für alle Kinder in Kitas und andere Vorschulangebote. Die Zahl von Schulversagern lasse sich nur mit breitgefächerten Hilfsangeboten senken. Voraussetzung ist allerdings, so die Forscher, "der unbedingte Wille, etwas zu ändern".

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