Pisa-Studie Was andere Länder besser machen

Die deutschen Schüler dümpeln bei Pisa im oberen Mittelfeld. Das Schulsystem entwickelt sich zwar weiter, andere Staaten aber werden schneller besser. Was können wir von den Pisa-Siegern lernen - und was lieber nicht?
Die Ergebnisse der aktuellen Pisa-Studie der OECD

Die Ergebnisse der aktuellen Pisa-Studie der OECD

Foto: Wolfgang Kumm/ DPA

Finnland und Kanada, Japan und Südkorea - und immer wieder Estland: Schaut man sich die Ergebnisse der aktuellen Pisa-Studie in den Themenfeldern Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften an, dann gibt es einige Länder, die sich kontinuierlich in der Spitzengruppe wiederfinden.

Können deutsche Schulpolitiker und Lehrkräfte von diesen Ländern lernen? "Das ist die größte Pisa-Studie, die es je gab", sagt OECD-Bildungskoordinator Andreas Schleicher nicht ohne Stolz: 79 Staaten und Regionen haben teilgenommen, 600.000 Schülerinnen und Schüler haben die Tests absolviert. Genug Daten also, um sich möglicherweise bei anderen etwas abzuschauen.

Die Pisa-Studie

Ziel, so Schleicher, sei es gewesen, zu erfassen, "inwieweit junge Menschen gut für das Erwachsenenleben vorbereitet sind". Die Ergebnisse zeigen: In Deutschland gelingt diese Vorbereitung auf akzeptablem, aber eben nicht herausragendem Niveau. Zwei scheinbar naheliegende Erklärungen für den Erfolg anderer Länder schließt Andreas Schleicher aus:

  • Erfolgreiche Länder haben nicht unbedingt höhere Bildungsausgaben. "Es kommt drauf an, wie man das Geld ausgibt", sagt Andreas Schleicher. Estland, dieses Mal Spitzenreiter bei Lesekompetenz und Naturwissenschaften und in Mathematik auf dem dritten Platz im internationalen Vergleich, hat einen eher bescheidenen Bildungshaushalt.
  • Auch mehr Lernzeit, die Schüler pro Woche aufwenden, führt nicht automatisch zu besseren Ergebnissen. Finnland beispielsweise, seit Jahren mit Spitzenleistungen bei den Pisa-Studien, hat international die wenigste Lernzeit. Andererseits zeigen die Daten aus Japan, dass viel Lernzeit eben auch mit guten Leistungen einhergehen kann.

Einen wichtigen Einfluss auf die Schulleistungen, so Schleicher, habe die Frage, welche Bedeutung eine Gesellschaft dem Thema Bildung beimisst. Damit kommen Faktoren wie das Image des Lehrerberufs ins Spiel, aber auch die Frage der Bildungsgerechtigkeit. "In Deutschland ist der soziale Hintergrund immer noch ein erheblicher Einflussfaktor für Bildungsleistungen", sagt Schleicher.

Länder wie Japan, Korea, Kanada oder auch Island bekommen es deutlich besser hin, Schüler unabhängig von ihrer Herkunft zu fördern - in dieser Hinsicht könnten sie, trotz aller Unterschiede in Schulsystemen und Gesellschaft, durchaus Vorbild für Deutschland sein.

Die Pisa-Studie zeigt allerdings auch Trends, die weltweit in fast allen der 79 untersuchten Länder zu beobachten sind. Am deutlichsten wird das beim Blick auf die abnehmende Leselust der 15-Jährigen. "Viele Jugendliche lesen heute nicht mehr zum Vergnügen. Sie lesen vor allem, wenn sie Informationen benötigen", sagt Kristina Reiss, Pisa-Koordinatorin für Deutschland, im Interview mit dem SPIEGEL-Bildungs-Newsletter "Kleine Pause": "Das ist ein weltweites Phänomen, das mir Sorgen bereitet." Die Münchner Bildungsforscherin glaubt, dass das vor allem an der ständigen Verfügbarkeit von Videos liegt: Sich von einem Film berieseln zu lassen, sei leichter, als das Lesen zu trainieren.

Deutschland etwa mit Japan oder Südkorea zu vergleichen, sei zwar nur eingeschränkt sinnvoll, sagt Kristina Reiss. Aber es lohne sich schon, in bestimmten Ländern nachzuschauen, was denn dort anders gemacht wird als in Deutschland. Zwei Beispiele nennt die Münchner Bildungsforscherin:

  • In vier chinesischen Provinzen und in Singapur übertrafen die Schülerinnen und Schüler alle anderen Länder in der Pisa-Studie deutlich in Sachen Leselust. "Erstaunliche Werte" seien das, sagt Kristina Reiss - möglicherweise, weil dort Konzepte umgesetzt werden, die in der Bildungswissenschaft als durchaus erfolgsversprechend eingeschätzt werden.
Schülerin in Singapur mit ihrer Mutter

Schülerin in Singapur mit ihrer Mutter

Foto: SPIEGEL ONLINE

  • Bemerkenswert findet die Bildungsforscherin auch die Entwicklung in Estland, das sich in den Pisa-Studien der vergangenen Jahre kontinuierlich nach oben gearbeitet hat: "Da sollte man tatsächlich mal schauen, was dort passiert ist im Bildungssystem." Offenbar gebe es Entwicklungsprogramme in den Schulen, die sehr effektiv gewesen seien - und nicht unbedingt mit enormen Summen im Bildungshaushalt unterfüttert werden müssen.

Pisa, sagt OECD-Mann Andreas Schleicher, sei "ein weltweiter Blick in die Breite des Bildungssystems". Den Blick in die Tiefe müsse allerdings jedes Land selbst leisten: kritisch und ehrlich. So gesehen hat die Auswertung der neuen Pisa-Daten gerade erst angefangen - auch in Deutschland.

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