Pisa-Studie Was andere Länder besser machen

Die deutschen Schüler dümpeln bei Pisa im oberen Mittelfeld. Das Schulsystem entwickelt sich zwar weiter, andere Staaten aber werden schneller besser. Was können wir von den Pisa-Siegern lernen - und was lieber nicht?

Die Ergebnisse der aktuellen Pisa-Studie der OECD
Wolfgang Kumm/ DPA

Die Ergebnisse der aktuellen Pisa-Studie der OECD

Eine Analyse von


Finnland und Kanada, Japan und Südkorea - und immer wieder Estland: Schaut man sich die Ergebnisse der aktuellen Pisa-Studie in den Themenfeldern Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften an, dann gibt es einige Länder, die sich kontinuierlich in der Spitzengruppe wiederfinden.

Können deutsche Schulpolitiker und Lehrkräfte von diesen Ländern lernen? "Das ist die größte Pisa-Studie, die es je gab", sagt OECD-Bildungskoordinator Andreas Schleicher nicht ohne Stolz: 79 Staaten und Regionen haben teilgenommen, 600.000 Schülerinnen und Schüler haben die Tests absolviert. Genug Daten also, um sich möglicherweise bei anderen etwas abzuschauen.

Die Pisa-Studie
Wer wurde getestet?
Bei der siebten Studie des „Programme for International Student Assessment (PISA)“ wurden im Frühjahr 2018 in Deutschland die Kompetenzen von 5451 Schülerinnen und Schülern im Alter von 15 Jahren an rund 220 Schulen aller Schularten getestet. Befragt wurden außerdem Lehrkräfte und Eltern. Weltweit nahmen rund 600.000 15-Jährige in 79 Ländern teil, darunter die 37 Mitgliedsstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).
Was wurde getestet?
Die Pisa-Studie untersucht alle drei Jahre, wie gut Jugendliche zum Ende ihrer Pflichtschulzeit grundlegende Kompetenzen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften in alltäglichen Situationen anwenden können. Dieses Mal lag der Schwerpunkt auf der Lesekompetenz. Sie umfasst die Fähigkeit, Texte zu verstehen, zu nutzen, zu bewerten und über sie zu reflektieren.
Wo wurde getestet?
An der Pisa-Erhebung 2018 nahmen insgesamt 79 Länder und Wirtschaftsregionen teil. Auftraggeber ist die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), es können aber auch Nicht-OECD-Staaten teilnehmen. Erstmals dabei waren Schülerinnen und Schüler aus Bosnien und Herzegowina, Brunei Darussalam, den Philippinen, Saudi-Arabien, der Ukraine und Weißrussland.
Wie wurde getestet?
Alle Schüler müssen am Computer Pisa-Aufgaben lösten. Zum Teil sind das Multiple-Choice-Aufgaben, zum Teil Aufgaben, bei denen eigene Antworten formuliert werden müssen. Das Studien-Setting zur Lesekompetenz war dieses Mal etwas anders angelegt als in früheren Jahren: Erstmals wurde berücksichtigt, dass Jugendliche nicht mehr vorrangig bedrucktes Papier, sondern zunehmend digitale Inhalte lesen. Die Schülerinnen und Schüler mussten dabei mit verschiedenen, teils sich widersprechenden Quellen umgehen.
Wer steht hinter der Studie?
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) koordiniert die Studie. Deutschland beteiligt sich auf Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) und des Bundesbildungsministeriums an der Pisa-Studie. Auf nationaler Seite wurde die Untersuchung von der Pisa-Arbeitsgruppe unter der Leitung von Kristina Reiss an der Technischen Universität München durchgeführt.

Ziel, so Schleicher, sei es gewesen, zu erfassen, "inwieweit junge Menschen gut für das Erwachsenenleben vorbereitet sind". Die Ergebnisse zeigen: In Deutschland gelingt diese Vorbereitung auf akzeptablem, aber eben nicht herausragendem Niveau. Zwei scheinbar naheliegende Erklärungen für den Erfolg anderer Länder schließt Andreas Schleicher aus:

  • Erfolgreiche Länder haben nicht unbedingt höhere Bildungsausgaben. "Es kommt drauf an, wie man das Geld ausgibt", sagt Andreas Schleicher. Estland, dieses Mal Spitzenreiter bei Lesekompetenz und Naturwissenschaften und in Mathematik auf dem dritten Platz im internationalen Vergleich, hat einen eher bescheidenen Bildungshaushalt.
  • Auch mehr Lernzeit, die Schüler pro Woche aufwenden, führt nicht automatisch zu besseren Ergebnissen. Finnland beispielsweise, seit Jahren mit Spitzenleistungen bei den Pisa-Studien, hat international die wenigste Lernzeit. Andererseits zeigen die Daten aus Japan, dass viel Lernzeit eben auch mit guten Leistungen einhergehen kann.

Einen wichtigen Einfluss auf die Schulleistungen, so Schleicher, habe die Frage, welche Bedeutung eine Gesellschaft dem Thema Bildung beimisst. Damit kommen Faktoren wie das Image des Lehrerberufs ins Spiel, aber auch die Frage der Bildungsgerechtigkeit. "In Deutschland ist der soziale Hintergrund immer noch ein erheblicher Einflussfaktor für Bildungsleistungen", sagt Schleicher.

Länder wie Japan, Korea, Kanada oder auch Island bekommen es deutlich besser hin, Schüler unabhängig von ihrer Herkunft zu fördern - in dieser Hinsicht könnten sie, trotz aller Unterschiede in Schulsystemen und Gesellschaft, durchaus Vorbild für Deutschland sein.

Die Pisa-Studie zeigt allerdings auch Trends, die weltweit in fast allen der 79 untersuchten Länder zu beobachten sind. Am deutlichsten wird das beim Blick auf die abnehmende Leselust der 15-Jährigen. "Viele Jugendliche lesen heute nicht mehr zum Vergnügen. Sie lesen vor allem, wenn sie Informationen benötigen", sagt Kristina Reiss, Pisa-Koordinatorin für Deutschland, im Interview mit dem SPIEGEL-Bildungs-Newsletter "Kleine Pause": "Das ist ein weltweites Phänomen, das mir Sorgen bereitet." Die Münchner Bildungsforscherin glaubt, dass das vor allem an der ständigen Verfügbarkeit von Videos liegt: Sich von einem Film berieseln zu lassen, sei leichter, als das Lesen zu trainieren.

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Deutschland etwa mit Japan oder Südkorea zu vergleichen, sei zwar nur eingeschränkt sinnvoll, sagt Kristina Reiss. Aber es lohne sich schon, in bestimmten Ländern nachzuschauen, was denn dort anders gemacht wird als in Deutschland. Zwei Beispiele nennt die Münchner Bildungsforscherin:

  • In vier chinesischen Provinzen und in Singapur übertrafen die Schülerinnen und Schüler alle anderen Länder in der Pisa-Studie deutlich in Sachen Leselust. "Erstaunliche Werte" seien das, sagt Kristina Reiss - möglicherweise, weil dort Konzepte umgesetzt werden, die in der Bildungswissenschaft als durchaus erfolgsversprechend eingeschätzt werden.
Schülerin in Singapur mit ihrer Mutter
SPIEGEL ONLINE

Schülerin in Singapur mit ihrer Mutter

  • Bemerkenswert findet die Bildungsforscherin auch die Entwicklung in Estland, das sich in den Pisa-Studien der vergangenen Jahre kontinuierlich nach oben gearbeitet hat: "Da sollte man tatsächlich mal schauen, was dort passiert ist im Bildungssystem." Offenbar gebe es Entwicklungsprogramme in den Schulen, die sehr effektiv gewesen seien - und nicht unbedingt mit enormen Summen im Bildungshaushalt unterfüttert werden müssen.

Pisa, sagt OECD-Mann Andreas Schleicher, sei "ein weltweiter Blick in die Breite des Bildungssystems". Den Blick in die Tiefe müsse allerdings jedes Land selbst leisten: kritisch und ehrlich. So gesehen hat die Auswertung der neuen Pisa-Daten gerade erst angefangen - auch in Deutschland.

insgesamt 64 Beiträge
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Seite 1
wessel54 03.12.2019
1. spannend
für mich interessant, welche Länder das Schulsystem aus Germany übernommen. hatte die letzten Jahren die interessantesten unterhaltungen mit lehrern aus skandinavien, die mich immer wieder gefragt, warum wir das alte schulsystem nicht übernommen haben. konnte leider nur müde drauf antworten "muss erst neu erfunden werden", so wie einiges was es bis 1989 schon gab (Kita,Krippen, Jugendclubs etc)
noalk 03.12.2019
2. Verortung der Bedeutung von Bildung
Zitat: "Einen wichtigen Einfluss auf die Schulleistungen, so Schleicher, habe die Frage, welche Bedeutung eine Gesellschaft dem Thema Bildung beimisst." - - - Ich glaube, es kommte eher darauf an, welche Bedeutung das Elternhaus dem Thema Bildung beimisst. Das könnte auch erklären, dass Schulerfolg in D deutlich stärker als anderswo vom Elternhaus abhängt. Ein solches Defizit kann Schule nur begrenzt ausgleichen. Und daran werden auch staatliche Maßnahmen nichts ändern.
Frietjoff 03.12.2019
3. Deutschlands Schulen haben 2 grundlegende Probleme
1. Die rigide Trennung Gymnasium--alle anderen (per Definition minderen) Schulen muss abgeschafft werden. Es ist doch logisch, dass es nie zu exzellenten Leistungen in der Breite kommen wird, wenn wir schon junge Kinder abstempeln, für unsere beste Schulform ungeeignet zu sein. 2. Das Arbeitspensum an den Gymnasien ist einfach viel zu hoch. Zum Nachdenken und Reflektieren kommen selbst die emsigsten, besten, intelligentesten Schüler nie.
Frietjoff 03.12.2019
4.
Zitat von noalkZitat: "Einen wichtigen Einfluss auf die Schulleistungen, so Schleicher, habe die Frage, welche Bedeutung eine Gesellschaft dem Thema Bildung beimisst." - - - Ich glaube, es kommte eher darauf an, welche Bedeutung das Elternhaus dem Thema Bildung beimisst. Das könnte auch erklären, dass Schulerfolg in D deutlich stärker als anderswo vom Elternhaus abhängt. Ein solches Defizit kann Schule nur begrenzt ausgleichen. Und daran werden auch staatliche Maßnahmen nichts ändern.
Das Problem ist, dass deutsche Schulen es nicht nur nicht versuchen, sondern das Problem extrem verschärfen. Sind die Eltern keine Bildungsbürger, werden die Kinder auf mindere Schulformen abgeschoben und können dort versauern. Wer aufs Gymnasium kommt, liegt fast immer nur an den Eltern, fast nie an den Leistungen der Schüler.
krass23 03.12.2019
5. Finnland
hatte sich frühzeitig in Europa und ohne idelogische Scheuklappen nach einem guten Bildungssystem umgesehen. Wo fand es das? Richtig - in der DDR. Am 7. Oktober 1987 war fast die gesamte finnländische Rgierung in Ostberlin und hat vertraglich das System der DDR übernommen. Für die Westdeutschen war das natürlich das System Margot Honecker - igittigitt! Nach der Wende erzählte mir eine ehemals ostdeutsche Lehrerin, dass sie völlig umlernen mußte. Das DDR-System war völlig falsch angelegt. Frontalunterricht, das geht gar nicht. Die Schüler dürfen nicht bedrängt werden, schon gar keine Hausaufgaben, und kontrollieren - niemals. Verlangen nach Leistung? Das ist Zwang, der darf Schülern gegenüber niemals ausgeübt werden. Damals konnten die Schüler am Ende der ersten Klasse lesen und schreiben. Wie überall, einige natürlich schlecht, aber sie konnten es. Heute ist es nicht unnormal, wenn am Ende der vierten Klasse das noch nicht erreicht ist. Aber dafür haben wir ein sehr teures Bildungssystem in 16 Bundesländern anders. Ist ja auch eine Errungenschaft.
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