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03. Dezember 2013, 14:58 Uhr

Deutsche Pisa-Ergebnisse

Das Nachsitzen hat sich gelohnt

Von und

Deutschland kann zwei Pisa-Pluspunkte verbuchen. Die Leistungen der Schüler haben sich verbessert, und an den Schulen geht es gerechter zu als noch vor Jahren. Doch es bleibt viel zu tun.

Ein psychischer Schock geht für gewöhnlich einher mit einem Moment der Starre, gefolgt von Desorientierung. Emotionale Schwankungen kommen vor, ebenso Wut und Aggression. Irgendwann beginnt die Verarbeitung, dann die Erholung - da ist Deutschlands Bildungswesen mittlerweile angekommen.

Neue Pisa-Studien lösen keine Schocks mehr aus, im Gegenteil: Sie sind Anlass für Bildungspolitiker und Wissenschaftler, die Fortschritte an den Schulen zu loben. "Deutschland hat sich nicht nur schocken, sondern auch wecken lassen", sagte etwa Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU). OECD-Bildungsdirektorin Barbara Ischinger sekundierte: "Es wird Zeit, den Begriff 'Pisa-Schock' durch 'Pisa-Fortschritt' zu ersetzen."

Und es stimmt ja, die aktuellen Ergebnisse zeigen: Die 15-Jährigen hierzulande rechnen und lesen deutlich besser als der Durchschnitt der 65 teilnehmenden Staaten, und sie schneiden besser ab in den Naturwissenschaften. "Beachtlich" nennt das Manfred Prenzel, Leiter der aktuellen Pisa-Studie und Dekan der School of Education an der TU München.

Auch geht es in den Schulen gerechter zu als vor gut zehn Jahren. Damals wurde mit der Veröffentlichung der ersten Pisa-Ergebnisse offenbar, wie sehr der Schulerfolg hierzulande von der sozialen Herkunft abhängt. Mittlerweile liegt Deutschland bei der Bildungsgerechtigkeit im OECD-Schnitt, vor zum Beispiel Frankreich. Prenzel mahnt hier allerdings "weitere Anstrengungen" an, denn noch immer schneiden etwa Zuwandererkinder in den Tests schlechter ab.

Pisa liefert Daten - und wirft eine Menge Fragen auf

Auch andere Baustellen benennen die Pisa-Autoren: Nach wie vor gibt es einen großen Sockel abgehängter Schüler. Fast jeder Fünfte erreicht in Mathematik - dem aktuellen Schwerpunkt der Studie - nur ein niedriges Niveau und kann nur sehr einfache Aufgaben lösen. Der Anteil derjenigen, die das Lesen kaum beherrschen, ist mit 14,5 Prozent relativ hoch. Dazu kommt der Geschlechterunterschied, der seit 2003 noch einmal zugenommen hat. Betrug der Abstand vor zehn Jahren noch neun Leistungspunkte, sind es heute 14. Mädchen rechnen weniger gut als gleichaltrige Jungen, und der Abstand zwischen beiden ist größer als im OECD-Schnitt (11 Punkte).

Beliebig sind die Ergebnisse nicht, nur relativ. Deutschland liegt in einer Gruppe mit Belgien, Polen, Kanada, Finnland, Vietnam, Irland, also mit Ländern, die ähnliche oder sogar schlechtere strukturelle Voraussetzungen haben als die Bundesrepublik. Somit bedeuten die verbesserten Resultate eine Rückkehr zur Normalität.

Pisa hat zwar eine Menge Daten geliefert, wirft aber auch viele Fragen auf. Wie hat Deutschland die Schockstarre überwunden? Was macht eine wirksame Therapie aus? Und was folgt aus den aktuellen Ergebnissen für die Zukunft der deutschen Schulpolitik?

Die Antworten sind schwieriger, als die zahlenfixierte OECD glauben macht. "Durch die Bestimmung der Merkmale leistungsstarker Bildungssysteme ermöglicht Pisa Regierungen und Bildungsexperten, wirksame Maßnahmen zu identifizieren", sagt etwa der OECD-Generalsekretär Angel Gurría. Zur Auswahl stehen damit unter anderem: ein nationales Curriculum, wie es Japan eingeführt hat, ein dezentrales System mit viel Verantwortung für die einzelnen Schulen wie in der Schweiz und in den Niederlanden, streng ausgewählte Lehrer, worauf zum Beispiel Kanada und Finnland besonderen Wert legen.

Was hat deutsche Schulen vorangebracht?

Fans der Gesamtschule dürfen in den guten Ergebnissen Polens neue Argumente finden. Anhänger von Leistungsorientierung können bemängeln, dass Deutschland zu wenig Spitzenschüler vorweisen kann. So halten die Statistiken für jede Interpretation die passende Pisa-Tabelle bereit.

Die Bildungsforscher aus dem Pisa-Konsortium loben ihre Profession, die "seit Pisa 2000 ergriffenen Maßnahmen zur Weiterentwicklung von Unterricht und Schule" zeigten Wirkung, besonders "die Einführung von Bildungsstandards und Schul-Evaluationen" - Reformen, die durch die "neue empirische Forschung" angestoßen worden seien.

Der Aufwärtstrend wird sich wohl auch in der kommenden Studie fortsetzen, allein deshalb, weil die deutschen 15-Jährigen stärker darauf trainiert sind, in Vergleichstests zu punkten. Pisa, so schreiben die verantwortlichen Forscher, habe den "Blick systematisch auf die Bildungsergebnisse gerichtet", die Grundstrukturen der Schullandschaft seien dagegen "weitgehend unverändert" geblieben.

Ein Befund, den Eltern, Lehrer und Schüler nicht unbedingt unterschreiben würden. Sie sehen sich mit zahlreichen Reformen konfrontiert: dem Ganztagsbetrieb an immer mehr Schulen, der Verkürzung der Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre, der Integration behinderter Kinder in die Regelschulen. Der Sinn und Unsinn solcher Maßnahmen lässt sich kaum durch Pisa-Statistiken abbilden.

Dennoch entscheiden sie stärker über individuellen Schulerfolg als ein Rangplatz bei Pisa. Qualität von Schule bemisst sich auch danach, ob die Klassenzimmer im Winter ordentlich geheizt sind, wie viele Stunden durch Vertretungslehrer unterrichtet werden müssen oder ob die Schulklos sauber sind. Sie bemisst sich danach, wie gut die Schulbehörden in einer Stadt arbeiten, wie motiviert die Lehrer sind.

Für die Politik ist es deshalb angenehm, ein gutes Durchschnittsergebnis zu präsentieren. Der Blick auf die unangenehmen Details fehlt. Den Bundesländervergleich, der in den ersten Pisa-Tests enthalten war, betreiben die Kultusminister mittlerweile lieber selbst. So kommen sie um Ergebnisse herum, wie sie die neue Pisa-Studie etwa für die Mathematikleistungen italienischer Schüler ausweist. Zwar erzielt Italien im Durchschnitt akzeptable 485 Punkte, allerdings: Trient erreicht 524 Punkte und liegt auf dem Niveau der Niederlande, Kalabrien 430 Punkte - schlechter als Kasachstan.

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