Pisa-Studie zum Wohlbefinden Wie ein Abendessen am Familientisch die Leistung der Schüler verbessern kann

Mathe, Deutsch, Naturwissenschaften: Bisher standen bei den Pisa-Studien die kognitiven Leistungen im Mittelpunkt. Jetzt haben Bildungsforscher erstmals die Zufriedenheit der Schüler untersucht.
Schülerinnen in Zweibrücken

Schülerinnen in Zweibrücken

Foto: Oliver Dietze/ picture alliance / Oliver Dietze

Ein Teil der Lösung ist eigentlich ganz einfach: "Reden Sie mit Ihrem Kind, signalisieren Sie ihm: Was du machst, ist mir wichtig." Der Bildungsforscher Andreas Schleicher betont diesen Punkt bei der Vorstellung der neuen Pisa-Studie zum Wohlbefinden der Schüler in den OECD-Staaten  gleich mehrfach. "Ich sage das hier so deutlich, weil Eltern dafür weder viel Zeit noch große Qualifikationen benötigen."

Die Wirkung allerdings sei enorm. Schülerinnen und Schüler, die mit ihren Eltern sprechen, sind ihren Mitschülern laut der Studie im Schulstoff über ein halbes Jahr voraus - und bezeichnen sich selbst als zufriedener. Berücksichtige man zusätzlich den sozialen Hintergrund, beispielweise dass Schüler aus einem Akademikerhaushalt bessere Leistungen erzielen, betrage der Wissensvorsprung durchschnittlich noch vier Monate. Auch das gemeinsame Abendessen wirkt sich laut der Studie positiv auf Wohlbefinden und Leistung aus.

Seit dem Jahr 2000 untersucht die OECD alle drei Jahre in der Pisa-Studie die kognitive Leistung von 15-Jährigen. Über eine halbe Million Schüler aus 72 Ländern und Regionen haben an der zuletzt 2015 durchgeführten, weltweit wichtigsten Schulvergleichsstudie teilgenommen. Für Bildungsforscher Schleicher ist die aktuelle Auswertung jedoch die spannendste, da erstmals Hintergründe zum Lernumfeld und Lernverhalten der Schüler, kurz, dem Wohlbefinden untersucht wurden.

Leistungsstark und zufrieden trifft nicht automatisch zu

Allerdings kann aus der Studie kein direkter Zusammenhang zwischen der Zufriedenheit der Schüler und ihrer Leistung gezogen werden. Während in China und Südkorea die Schüler trotz hoher Unzufriedenheit sehr gute Leistungen bringen, sind die Schüler in Mexiko und der Dominikanischen Republik trotz schlechter Leistung sehr zufrieden.

In Finnland, den Niederlanden, der Schweiz und Estland sind sowohl Wohlbefinden als auch Leistung weit über dem OEDC-Durchschnitt. In der Türkei und Griechenland schneiden die Schüler bei Wohlbefinden und Schulleistung schlecht ab. Deutschland liegt im Mittelfeld.

Obgleich die Faktoren so stark variieren, sei durch die Studie nun klar, dass Schule und Elternhaus viel zum Wohlbefinden der Schüler beitragen können, so Schleicher. Denn wichtig für die Zufriedenheit der Schüler seien insbesondere

  • die Unterstützung durch die Lehrer,

  • Zuwendung durch die Eltern,

  • Aktivitäten mit Freunden sowie

  • Sport und Bewegung.

Negativ wirken sich demnach insbesondere

  • Prüfungsangst und

  • hoher Internetkonsum aus.

Rolle der Lehrer: "Mehr als Wissensvermittlung"

In der Schule selbst habe insbesondere die Beziehung zu den Lehrern einen Einfluss auf das Wohlbefinden. Unter allen Teilnehmern hätten diejenigen, deren Lehrer sie unterstützten und sich an ihren Leistungen interessiert zeigten, eine 1,3-mal höhere Wahrscheinlichkeit, sich als Teil der Schule zu begreifen.

Die soziale Akzeptanz und Zugehörigkeit wirkt sich demnach auch positiv auf die Leistung aus. "Die Rolle der Lehrer sollte nicht allein die des Wissensvermittlers sein", so Schleicher. In Deutschland müssten die Lehrer allerdings viele Schulstunden absolvieren und hätten vergleichsweise wenig Zeit für soziale Aspekte.

Prüfungsangst unabhängig von Häufigkeit der Tests

Durch ihre Unterstützung können Lehrer demnach gegen Prüfungsangst einwirken - die laut der Studie selbst dann noch hoch ist, wenn die Schüler sich gut vorbereitet fühlen: In Deutschland haben über 40 Prozent der Schüler selbst dann Angst zu versagen.

Im internationalen Durchschnitt sind sogar 55 Prozent der Schüler trotz guter Vorbereitung von Prüfungsangst betroffen, 66 Prozent sorgen sich häufig, schlechte Noten zu bekommen. In allen teilnehmenden Ländern leiden Mädchen stärker unter Prüfungsangst als Jungen.

Einen Zusammenhang zur Häufigkeit von Leistungstests gibt es laut den Ergebnissen nicht. Viel mehr verinnerlichten die Schüler negative Erfahrungen und trauten sich in der Zukunft weniger zu. In der Folge ließe auch die Leistung nach. Hier sollten Lehrer ihren Schülern mehr zusprechen, aber auch bei der korrekten Einschätzung der eigenen Leistung helfen.

Die Bildungsforscher fanden bei der Untersuchung zudem heraus, dass die Schüler mehr als sechs Stunden Internetkonsum täglich selbst negativ einschätzen. Zur Informationsgewinnung und sozialen Vernetzung halten aber über 80 Prozent der befragten Schüler das Internet für sehr nützlich.

Über 15 Prozent werden Opfer von Mobbing

Wenig überraschend zeigte die Studie, dass Schüler, die Opfer von Mobbing wurden, deutlich unzufriedener waren; und dass die Wahrscheinlichkeit stieg, dass sie sich nicht als Teil der Schulgemeinschaft begriffen.

Die Zahl der Betroffenen ist laut Schleicher erschreckend hoch: In Deutschland berichteten über 15 Prozent der befragten Schüler, "ein paar Mal im Monat" Opfer von irgendeiner Form des Mobbings zu werden. Dazu gehöre, von Aktivitäten ausgeschlossen zu werden, Ziel gemeiner Witze oder falscher Gerüchte zu werden oder bedroht oder geschlagen zu werden. OECD-weit sei nahezu jeder Fünfte (18,7 Prozent) betroffen.

Erfreulich ist laut Bildungsforscher Schleicher jedoch, dass die meisten Eltern in Deutschland ihre Kinder mit einfachen, aber effektiven Mitteln unterstützen: Über 80 Prozent gaben an, fast täglich gemeinsam mit ihrem Kind zu essen. Und über 90 Prozent meldeten zurück, dass sie (fast) täglich mit ihrem Kind ins Gespräch kämen.

Allerdings, räumt Schleicher ein, habe die ansonsten solide, auf Pisa-Daten beruhende Studie an dieser Stelle eine kleine konzeptionelle Schwäche: Nicht alle befragten Eltern hätten die Fragebögen zurückgegeben. Und anzunehmen sei, dass dies auf die Eltern zutreffe, die ihre Kinder ohnehin nicht so gut unterstützen.

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