Pisa und die Folgen Wer nicht liest, bleibt dumm

Beim Lesen offenbarten deutsche Schüler im internationalen Pisa-Vergleich große Schwächen. Freiwillig greifen nur wenige zu Büchern - der Schriftsteller Feridun Zaimoglu diskutierte bei der letzten Buchmesse mit Hessens Kultusministerin Karin Wolff über Lehren aus Pisa und den Sinn des Lesens.

UniSPIEGEL:

Eine intime Frage vorweg. Wie war es beim ersten Mal? Wie haben Sie das Lesen kennen gelernt?

Wolff: Bei Familienfesten ist immer gesungen, aber auch vorgelesen worden. Es war ein Ritual, dass mein Patenonkel aus Chemnitz, der diesen sächsischen Unterton in seiner Stimme hatte, immer aus einem bestimmten Buch vorlesen musste ­ ob er wollte oder nicht ­, wenn er bei uns zu Besuch war. Und ich selbst habe auch sehr viel unter der Bettdecke gelesen, als ich eigentlich schlafen sollte.

Zaimoglu: Ich habe zunächst einmal gar nicht so gern gelesen ­ außer türkischen Klatschmagazinen beziehungsweise bunt gedruckten Gastarbeiterpostillen. Das war großartig. Es fing eigentlich bei mir mit Musik an. Bücher waren Bildungsbürgergut, und damit wollte ich erst mal nichts zu tun haben. Ich entdeckte den Schund in den Sonderpostenkisten vor Karstadt, vor Kaufhof, wo auch immer. Ich habe Hunderte von Krimis gelesen.

UniSPIEGEL: Hat das Vorlesen irgendeine Rolle in Ihrer Familie gespielt?

Zaimoglu: Vorsingen. Meine Mutter hat ständig gesungen, mein Vater auch. Ich habe es auch versucht. Ich habe aber dafür nicht die Stimme. Also, zuerst war das Bild, dann die Musik, der Klang, die Harmonie, der Rhythmus. Daraus entwickelte sich die Lust zu lesen. Und dann wurde daraus wirklich eine Sucht, es wurde geradezu eine Manie, eine Obsession, lesen zu müssen.

UniSPIEGEL: Das scheint ja nicht der Normalfall zu sein. 23 Prozent der 15-Jährigen kommen nach der letzten Pisa-Studie nicht über die unterste Kompetenzstufe beim Lesen hinaus. Herr Zaimoglu, was ist Ihre Erfahrung, etwa auf Lesetouren?

Zaimoglu: Nach rund 600 Lesungen auch in Jugendhäusern und Hauptschulen, wo eher die Unterschicht vertreten war, muss ich so ein bisschen die Stirn runzeln angesichts des Untergangs des deutschen Abendlandes ob der Pisa-Studie. Ich habe auf meinen Lesungen ­ es ist ein bisschen peinlich, über mich selbst zu reden ­ Begeisterung erlebt, das Publikum ging mit. Und in den Diskussionen habe ich gemerkt, dass die Leute ­ auch ein junges Publikum aus dem so genannten sozial schwachen Segment ­ durchaus lesen. Sie konnten Vergleiche anstellen, das war manchmal geradezu eine vergleichende Literaturwissenschaft. Es wird gelesen, aber die Youngster lesen ganz bestimmte Bücher ­ manche haben Lust auf Popliteratur, andere haben Lust auf "Kanak Sprak", das Angebot ist weit gestreut. Ich werde nicht schlau aus diesen Pisa-Ergebnissen. Bedeuten sie, dass die Jugendlichen wenig lesen oder dass sie die falschen Bücher lesen?

Wolff: Es ging um das verstehende Lesen, nicht um hohe Literatur, zum Teil Gebrauchsanweisungen oder Statistiken. Und dort sind ganz offenkundig die Hauptprobleme festgestellt worden, dass Jugendliche möglicherweise etwas in schwarzen Buchstaben lesen, aber nicht begreifen, was der Inhalt dessen ist, was sie dementsprechend auch nicht weiterverarbeiten können. Wenn wir eine Wissensgesellschaft sein wollen, dann ist es nicht hinzunehmen, dass ein größerer Prozentsatz dieser Gesellschaft die einfachsten Dinge nicht texterfassend lesen und verstehen kann.

UniSPIEGEL: Was halten Sie von einem Literaturkanon? Wenn man den beherrscht, dann hat man ja auch Lesekompetenz ­ und umgekehrt.

Wolff: Der Kanon, auch die Lesekompetenz, hat möglicherweise etwas damit zu tun, dass junge Menschen Anspruch darauf haben, nicht nur mit der Sprache der Gegenwart konfrontiert zu werden. Wie gehört eine bestimmte Sprache, eine Literaturgattung zu einer bestimmten Zeit? Deswegen bin ich dafür, etwa pro Halbjahr ein bestimmtes literarisches Stück welcher Epoche auch immer verbindlich festzulegen. Denn es sollte in dieser Gesellschaft auch Gegenstände geben, über die man aus gemeinsamen Grunderfahrungen miteinander reden kann.

Zaimoglu: Es geht nicht um einen Kanon, sondern um die Lust. Ich bin immer wieder darauf gestoßen, dass einem in der Schule die Leselust geradezu ausgetrieben wurde. Mein Deutschunterricht ödete mich bis zur 11. Klasse an. Aber dann ging bei mir die Post ab ­ Faust I, Faust II, Mephisto, weil der Deutschlehrer das so großartig hingekriegt hat.

UniSPIEGEL: Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Thema "Leselust" sind weniger erfreulich. 42 Prozent aller Schüler in dem fraglichen Alter sagen, sie würden überhaupt nicht zum Vergnügen lesen. Liegt es daran, dass die Schule zu sehr auf Leistung beim Lesen und zu wenig auf die Lust am Lesen achtet?

Wolff: Ich hätte mal ganz gern eine Vergleichsuntersuchung, nicht bei den 15-Jährigen, sondern in den anderen Altersstufen. 15-Jährige zu fragen, ob sie gern in die Schule gehen oder gern ihren Eltern gehorchen oder gern freiwillig lesen ­ vor allem möglichst noch Vorgeschriebenes ­ ist problematisch, das ist eben ein schwieriges Alter. Aber die Zahl ist insofern schon dramatisch, als sie höher ist als in anderen Ländern.

UniSPIEGEL: Sie ist doppelt so hoch wie in Finnland.

Wolff: Ja, dass da ein Zusammenhang auch zwischen Leselust und Lesevermögen besteht, das ist ganz offensichtlich. Aber ich glaube, dass wir manchmal in unseren Schulen wirklich lesen bis zum Exzess, dass wir es fertig bringen, ein Stück ein halbes Jahr lang zu lesen. Wir dürfen nicht glauben, Deutsch würde nur aus Tiefenbohrungen bestehen, sondern man muss auch einmal ein Stück gelten lassen und einfach lesen.

Frage (aus dem Publikum): Herr Zaimoglu, Ihre Begeisterung für die Literatur teilen nur sehr wenige, gerade nicht deutschstämmige Schüler kommen ja meist gar nicht bis in die Oberstufe. Was lässt sich da tun?

Zaimoglu: Auf der einen Seite finden die Politiker es sehr schade, dass unsere Kids zu blöd sind zum Lesen, andererseits aber geben sie immer weniger Geld für Kultur und Soziales aus. Man kann nicht so tun, als würden der mangelnden Lesefähigkeit nicht soziale Probleme und kulturpolitische Fehlentscheidungen zu Grunde liegen.

Wolff: Für mich ist es ein Problem, dass in Hessen 21 Prozent der Kinder nichtdeutscher Herkunft vom Besuch des ersten Schuljahres zurückgestellt werden, weil sie nicht schulreif sind ­ wohl auf Grund der mangelhaften sprachlichen Kenntnisse. Ich kann auch nicht damit leben, dass rund 24 Prozent der Kinder nichtdeutscher Herkunft in unserem Bundesland überhaupt keinen Abschluss machen, und rund 7 Prozent am Gymnasium sind. Wenn ich das ändern will, dann über die Sprache. Die Sprache des Landes und des Unterrichts muss so vermittelt werden, dass die Kinder vom ersten Schultag an die Chance haben, in diesem Unterricht auch zu lernen.

"Die deutsche Sprache ist der Büchsenöffner" - wie eine Lehrerin Feridun Zaimoglu trotz seiner 47 Fehler im ersten Diktat für Bücher begeisterte

Lesen Sie im zweiten Teil:

Zaimoglu: Ich habe immer wieder gesagt, die deutsche Sprache ist der Büchsenöffner. Man muss sie beherrschen. Und es muss Verbindlichkeiten geben. Begleitet muss das Ganze aber von Einladungen sein. Ich habe viele Lehrer und Lehrerinnen kennen gelernt, die sich wirklich aufopfernd darum gekümmert haben. Und meine Lehrerin, Frau Hübel, in der dritten Klasse ­ gelobt sei ihr Name ­, hat mich dazu gebracht. Es fing also nicht erst in der 11. Klasse an. Aber sie hat mir nicht das Gefühl gegeben, dass ich nicht dazugehöre oder dass ich ein Problemfall bin, dass ich voller Defizite stecke, obwohl ich in meinem ersten Diktat 47 Fehler hatte.

Wolff: Wir haben in Hessen die Anmeldung zur Grundschule um rund ein halbes Jahr vorgezogen. So können wir schon ein Dreivierteljahr vor der Einschulung Kindern mit sprachlichen Defiziten Kurse anbieten. Dafür stehen 900 Lehrer bereit. Mit dem sprachlichen Selbstbewusstsein steigt das soziale Selbstbewusstsein. Die Kinder gehen nicht gebeugt in die Schule, sondern trauen sich etwas zu. Und dann gibt es auch ein Programm für die Eltern: "Mama lernt Deutsch". Seit diese Initiative läuft, lese ich fast jeden Tag in der Zeitung von neuen Kursen auch für Erwachsene ausländischer Herkunft. Da entsteht eine Sogwirkung.

Frage (aus dem Publikum): Ist die heutige Lehrerausbildung überhaupt geeignet, solche Pädagogen hervorzubringen wie die Frau, die Herrn Zaimoglu für deutsche Literatur begeisterte?

Wolff: Sogar die überwiegende Zahl der Grundschullehrer ist im Fach Deutsch ausgebildet. Das Problem ist eher, dass die Grundschullehrer alle Fächer unterrichten müssen und dafür das Studium nicht breit genug angelegt ist. Außerdem fehlt es ­ das hat die Pisa-Studie gezeigt ­ an der Fähigkeit, Leseschwächen der Schüler überhaupt zu erkennen. Das müssen die Studierenden oder die Referendare lernen: Wo liegt eine besondere kognitive Entwicklung oder Fehlentwicklung? In welchem Alter kann ich bestimmte Dinge voraussetzen oder entwickeln?

Frage (aus dem Publikum): Das kann ich aus meinem Lehramtsstudium nur bestätigen ­ da kommt die Diagnosefähigkeit nicht vor. Aber nach meiner Erfahrung ist es nicht richtig, allein die deutsche Sprachfähigkeit zu fördern. Kinder, die besonders gut Deutsch lernen, haben oft auch sehr gute muttersprachliche Kenntnisse.

Wolff: Mit der muttersprachlichen Kompetenz ist das so ein Problem. Das haben wir genauso bei deutschen Schülern mit bilingualem Unterricht. Einige Schulen unterrichten ja in Englisch oder in Französisch auch Geschichte und andere Fächer. Das funktioniert in aller Regel für Schülerinnen und Schüler, die gut sind. Bei Ihnen, Herr Zaimoglu, hat sich die Zweisprachigkeit ja gut entwickeln können. Sie und Ihre Eltern wollten in beiden Sprachen perfekt werden.

Zaimoglu: Perfekt? Ich hatte zwei Muttersprachen.

Wolff: Richtig. Und waren aber entschlossen, und Ihre Eltern auch, diese beiden Sprachen perfekt auszubauen?

Zaimoglu: Meine Eltern reden, um bei der Wahrheit zu bleiben, doch etwas gebrochen. Was wichtiger war, sie haben mich beim Deutsch sprechen gefördert. Sie haben nachbarschaftliche Beziehungen gepflegt, sie haben den Kontakt zu den Deutschen gesucht ­ nicht immer mit großem Erfolg.

Wolff: Aber ich glaube, das Entscheidende ist, es bedarf des Willens und der unbedingten Unterstützung auch des Elternhauses, damit es gelingt, beide Sprachen zu entwickeln. Denn ansonsten wird es dazu führen, dass Sie beide Sprachen nur halb können oder weniger als halb.

Zaimoglu: Schön, aber wir leben in einer Zeit der Budgetkürzungen. Gutwillige Eltern reichen nicht. Kurse wie "Mama lernt Deutsch" müssen mit Vorrang und noch viel mehr gefördert werden. Wenn Ihnen das Problem nicht über den Kopf wachsen soll, dann müssen Sie viel mehr Geld zur Verfügung stellen. Das ist eine Investition in die Zukunft.

UniSPIEGEL: Hat die Politik überhaupt noch eine Chance angesichts des Entstehens von Parallelgesellschaften?

Zaimoglu: Halt! Was in den türkisch- oder kurdischstämmigen Ballungsvierteln existiert, ist nicht eine Parallelgesellschaft. Zum Teil gibt es derartige Minderheiten innerhalb der ethnischen Minderheit, aber der Großteil ist für deutsche Politik und Bildungspolitik zu haben. Man muss nur auf sie zugehen.

Wolff: Ein bisschen habe ich da Bedenken. Ich träume mir die Welt manchmal auch schön.

Zaimoglu: Das hat mit Träumen nichts zu tun.

Wolff: Aber ich mache schon die Beobachtung, dass wir zum Teil die Entwicklung von Parallelgesellschaften haben, auch etwa durch die Verfügbarkeit von Medien. Ob das Zeitungen sind oder zwölf verschiedene Satellitenprogramme aus der Türkei. Diese Infrastruktur kommt ja noch zu der gesprochenen Sprache des Elternhauses hinzu. Über eine Vielfalt der Worte verfügen zu können, das gilt genauso für Kinder mit der Muttersprache Deutsch, ist nicht nur Voraussetzung für Erfolg, sondern für das Zusammenleben in der Gesellschaft.


Das SPIEGEL-Forum moderierte Redakteur Michael Schmidt-Klingenberg.

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