Pisa-Verlierer in Siegeslaune Wo ein Willi ist, ist auch ein Weg

Der Mann mit der roten Laterne wirkte seltsam beschwingt. Pisa-E zeigte Bremens Bildungssenator Willi Lemke zwar deutlich, dass sein Bundesland bei den Schülerleistungen immer noch weit hinterherhinkt - aber es holt auf. Jetzt träumt der frühere Fußballmanager vom Aufstieg.
Von Armin Himmelrath und Britta Mersch

Auch Verlierer können strahlen. Bremens Bildungssenator Willi Lemke war bester Laune, als im Roten Rathaus in Berlin die neuen Pisa-Daten vorgestellt wurden. "Ich bin ganz glücklich heute", verkündete Lemke betont selbstbewusst jedem, der es hören wollte, "warum bin ich glücklich? Weil wir uns in allen Bereichen ordentlich verbessert haben."

Froh zu sein bedarf es wenig, jedenfalls wenn man aus Bremen kommt und schon so manche Härtetests hinter sich hat. Denkt Willi Lemke, einst Fußballmanager bei Werder Bremen, an die Veröffentlichung des Pisa-E-Tests 2002 zurück, so spricht er selbst von einer Ohrfeige: Während Bayern und Baden-Württemberg sich die Spitzenplätze sicherten, waren die Bremer 15-Jährigen bis zu zwei Schuljahre zurück - eine "Katastrophe", "wie eine 0:8-Niederlage", so Lemke. Und im Januar 2004 zeigten auch noch die Grundschüler beim Iglu-Test ähnlich "grottenschlechte" Leistungen; prompt spielte Lemke mit dem Rücktrittsgedanken.

Schulterklopfen statt Häme

Längst hat er sich wieder gefangen, suchte und fand das Positive. Zwar ist Bremen das Zeugnis des Klassenletzten beim innerdeutschen Pisa-Vergleich nicht losgeworden und landete in allen vier Bereichen auf Rang 16. Aber Bremen meldete auch bemerkenswerte Fortschritte, nur Sachsen-Anhalt konnte noch stärker auftrumpfen. Glanz verbreiten die hanseatischen Schüler noch nicht im Lesen, in Mathematik, den Naturwissenschaften oder im Problemlösen, "doch uns ist es gelungen, das Steuer herumzureißen", sagt Lemke, "und das ist eine großartige Leistung."

Fotostrecke

Fotostrecke

Foto: SPIEGEL ONLINE

Von der Angeberei und Häme, mit der ihm manche Ministerkollegen damals begegneten, war am Donnerstag nichts mehr zu spüren. Die Spitzenreiter klopften ihm sogar anerkennend auf die Schulter. "Frau Schavan hat mir ausdrücklich bestätigt, dass wir mit unseren Reformen in Bremen auf dem richtigen Weg sind", beschreibt Lemke die Reaktion der baden-württembergischen Kultusministerin.

Zufrieden gaben sich die Kultusminister bei der Pisa-E-Präsentation nahezu alle. Baden-Württemberg zum Beispiel musste Sachsen den Vortritt lassen und rutschte vom zweiten auf den dritten Platz, aber Annette Schavan ließ das ungerührt. Die CDU-Politikerin wird als kommende Bundesbildungsministerin gehandelt, falls die Union den Regierungswechsel im Herbst schafft. Wichtiger als ein Platz weiter unten für ihr Bundesland war ihr die Botschaft: Wo die Union regiert, sind die Schulen einfach besser.

Die Kultusminister der SPD sehen das naturgemäß anders, und auch sie hatten gute Argumente - schließlich attestiert der neue Pisa-Vergleich praktisch allen Bundesländern Verbesserungen. Vielleicht lag es an dieser allgemeinen Zufriedenheit, dass keiner der Minister die Ergebnisse der Studie vorher ausgeplaudert hatte - ganz anders als noch vor drei Jahren. An die neue Verschwiegenheit, kündigte Schavan an, sollten sich die über 200 Journalisten schon mal gewöhnen. "Sie können davon ausgehen: So wie es dieses Mal war, wird es jetzt immer sein."

Damit meinte Schavan nicht nur die Geheimhaltung der Ergebnisse, sondern auch die stolz verkündeten positiven Entwicklungen - als Sieger fühlten sich diesmal alle, auch wenn es oft nur kleine Schritte sind. Und über hässliche Ausrutscher wie bei den nordrhein-westfälischen Schüler, die sich in punkto Lesekompetenz gar verschlechterten, über die ebenfalls schlecht platzierten anderen Stadtstaaten Hamburg und Bremen wollten die Minister in ihrer Feierlaune am liebsten schweigen. Auf Anfang November vertagt haben sie die wichtigsten Themen: Eine Debatte über die völlig unzureichende Förderung von Migrantenkindern etwa sollte den Kultusministern ihre Jubelveranstaltung nicht trüben.

So konnte in Berlin der Eindruck entstehen, dass die deutschen Schulen ihre Krise längst überwunden haben. Der nahezu euphorische Willi Lemke zum Beispiel wird sich in Bremen gegen harte Vorwürfe verteidigen müssen: Die CDU-Fraktion in der Bremen Bürgerschaft sprach von einem "Pisa-Desaster", die Grünen-Fraktion von einem "veralteten, international nicht konkurrenzfähigen Bildungssystem".

Da mühte Lemke sich um einen halbwegs klaren Blick für die Realitäten. "Wir in Bremen können nicht verlangen, in so kurzer Zeit an der Weltspitze mitzuspielen", sagte der Senator, "aber ein gutes Zeugnis hätte ich schon verdient. Und da müsste drinstehen: Lieber Herr Lemke, Sie haben das sehr gut umgesteuert, Sie haben sich in allen getesteten Bereichen deutlich gesteigert. Ich fahre jedenfalls zufrieden nach Hause."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.