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05. Dezember 2007, 13:12 Uhr

Pisa-Zwischenruf

Normschüler aufs Gymnasium, Migranten ab in die Hauptschule

Deutsche Schulen sind großartig: Man rechnet einfach die Einwandererkinder heraus, schon klappt's auch bei Pisa. Mark Terkessidis hält das für zynisch - der Journalist und Pädagoge wirft Bildungspolitikern eine sinnlose Suche nach dem Fünfziger-Jahre-Normkind vor.

Der "Pisa-Schock" 2001 war wenig heilsam. Immerhin geht es für Deutschland in den Naturwissenschaften diesmal ein paar Ränge nach oben; beim Leseverständnis und in Mathematik stagnieren die 15-Jährigen. In einem Punkt sind die Ergebnisse der jüngsten Studie wie gehabt: Kinder, die das Pech haben, aus einer armen oder eingewanderten Familie zu kommen, schneiden schlecht ab. Das zeigt keineswegs nur Pisa alle Jahre wieder, sondern ein ganzer Stapel weiterer Untersuchungen.

Ein erschütterndes Zeugnis hat dem hiesigen Bildungssystem darum auch der Uno-Menschenrechtsbeauftragte vor einem halben Jahr ausgestellt. Weitaus erschütternder allerdings waren die Reaktionen aus den Kultusministerien: Verleugnung allerorten, etwa in Nordrhein-Westfalen. Ganz einfach "nicht verstanden" habe Vernor Muñoz, der Uno-Inspektor aus Costa Rica, die deutsche Schule, seine Ergebnisse seien ganz einfach "völlig unbrauchbar", so ein Sprecher des Ministeriums.

Es ist etwas grundsätzlich faul im deutschen Bildungssektor, doch weitergehende Reformen anzupacken, das ist hierzulande kaum möglich. Die Entscheidungsträger weigern sich schlicht, die Realität anzuerkennen. Viele Bildungspolitiker sehen nicht etwa in der viel zu frühen Auslese und der krassen Bevorzugung von Mittelstandskindern bei der höheren Bildung das eigentliche Problem - sondern in den Verlierern des Systems. Hinter verschlossenen Türen, manches Mal sogar davor, interpretieren sie die Pisa-Ergebnisse oft so: Wenn wir "die" rausrechnen, dann stehen wir doch eigentlich gar nicht so schlecht da, insbesondere wenn man sich die Gymnasien anschaut.

"Lies und spiel mit Ali und seinen Freunden"

"Die", das sind eben unsere "Sorgenkinder". Und "die" müssen eben nur vernünftig integriert werden, heißt es allerorten. In diesem Sinne richten sich die Bemühungen nicht auf die Reform des Schulsystems, sondern auf die Reform dieser "Sorgenkinder" und ihrer Familien.

Wenn sie nur alle Deutsch lernen, wenn sie damit aufhören, ihre Kinder zu schlagen, wenn sie Mädchen und Jungen gleich behandeln und endlich aus der "Parallelgesellschaft" ausziehen - wenn sie also so werden, wie "wir" denken, dass wir sind, dann kommt schon alles wieder in Ordnung. Dann wird alles so, wie es früher einmal war, früher, als die Bundesrepublik Deutschland angeblich noch der "Klassenprimus" der ganzen Welt war.

Die Konsequenz aus dieser Denkweise sind hektische Reparaturarbeiten im Vorschulbereich. Die deutsche Schule erwartet bei Einschulung weiterhin das Fünfziger-Jahre-Normkind, und dazu sollen die "Sorgenkinder" nun durch geeignete Sondermaßnahmen gemacht werden.

In baden-württembergischen Kindergärten wurden in den letzten Jahren Fragebögen verteilt, in denen die Behörden nachfragten, ob die Kinder zu Hause Schläge bekommen - nur an Kinder mit Migrationshintergrund. In Hessen erstellte das Sozialministerium ein Lesespielheft mit einem Titel, der aus den siebziger Jahren zu stammen scheint: "Lies und spiel mit Ali und seinen Freunden".

Nach Siebziger-Jahre-Logik überall "Defizite"

In NRW schließlich gab es in den Kindergärten landesweit sogenannte Sprachstandserhebungen, ausgeführt mit einem schnell zusammengeschusterten und pädagogisch äußerst zweifelhaften Test namens "Delfin 4". Dieser Test diente in erster Linie der Feststellung von Defiziten. Das ist ein Verfahren, das in fortschrittlicheren Ländern wie Großbritannien längst nicht mehr angewandt wird, weil man so eben nur erfährt, was das Kind nicht kann, nicht aber, was seine Entwicklungsmöglichkeiten sind - bei Kindern aus Einwandererfamilien wäre daher ergänzend ein Test in der Muttersprache angezeigt.

Zu allem Überfluss wurde der Test den Kindergärten teilweise erst zwei Wochen vor dem Erhebungstermin zugestellt. Wer jemals einen Test angewendet hat, der weiß, dass man sich damit ausführlich vertraut machen muss, um sinnvolle Ergebnisse zu erzielen. Insofern war es dann auch nicht verwunderlich, dass es in der ersten Runde eine groteske "Durchfallquote" gab: 95.000 von 145.000 Kindern, an manchen Kindergärten bis zu 80 Prozent.

Nun hätte dieses absurde Ergebnis ja dennoch zu der Einsicht führen können, dass nicht nur Migrantenkinder Schwierigkeiten haben. Aber es geht immer weiter gemäß der antiquierten Logik der siebziger Jahre. Schon damals hatte man bei den Migrantenkindern Defizite diagnostiziert und dann versucht, die Kinder durch allerlei Sondermaßnahmen auf Normniveau zu heben.

"Im Gymnasium würden die sich doch gar nicht wohlfühlen"

Allerdings tun Sonderklassen genau das, was der Name sagt: Sie sondern aus, sie machen die betreffenden Kinder zu etwas "Besonderem", sie zementieren das Stigma. Dass all die gutgemeinten Integrationsmaßnahmen erwartungsgemäß keine Früchte trugen, dafür macht man heute nun die Eltern verantwortlich. "Wir" haben es ja schon immer gewusst: Wenn die Unterstützung im Elternhaus fehlt, dann kann das nichts werden.

Hauptschule (in München): Treffpunkt der Ausgesonderten
DPA

Hauptschule (in München): Treffpunkt der Ausgesonderten

So lautet auch das gängige Argument für die Verfrachtung von Migrantenkindern auf die Hauptschule - zuhause könne ihnen niemand helfen. Am Ende können die Resultate der Auslese sogar noch positiv gedeutet werden. Denn als Grund für die routinemäßige Hauptschulempfehlung geben manche Lehrer an, dass den Kindern mit Migrationshintergrund das "multikulturelle" Umfeld dort sicher gut tun werde: Im homogen zusammengesetzten Gymnasium würden sie sich doch gar nicht wohlfühlen.

Oftmals wird als Erklärung für all die "Defizite" der Einwandererfamilien die Migrationspolitik der vergangenen Jahrzehnte herangezogen. Man schlägt sich an die Brust und beklagt die eigene Gutwilligkeit - "wir" haben halt jeden aufgenommen, und es kamen nicht nur die Besten.

Letzte Ausfahrt Hauptschule

Nun haben alle westlichen Länder in den sechziger Jahren insbesondere unqualifizierte Arbeitskräfte gesucht, aus egoistischen Wirtschaftsinteressen. Das gilt nicht nur für Deutschland. Aber kaum ein anderes Land hat sich den Irrsinn geleistet, gebildete Einwanderer zu dequalifizieren: Bildungsabschlüsse aus der Türkei, den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens oder auch aus afrikanischen Ländern wurden und werden weiterhin zumeist nicht anerkannt. Das beschert so manchem deutschen Haushalt eine Putzfrau mit Universitätsabschluss.

Tatsächlich ist die Verleugnung der Realität und die Verweigerung der Reform angesichts des drängenden demografischen Wandels höchst dramatisch. Schon jetzt beträgt an den Schulen in den bevölkerungsstarken Bundesländern der Anteil von Kinder mit Einwanderungshintergrund etwa ein Drittel - die Tendenz ist steigend. Die derzeitige Politik würde also darauf hinauslaufen, demnächst einmal etwa die Hälfte aller Schüler zur Chancenlosigkeit zu verdammen.

In anderen Ländern hat man im Sinne der eigenen Zukunft längst gehandelt. Das Schulsystem Kanadas etwa hat sich von der Vorstellung des Normkindes verabschiedet. Der Spracherwerb etwa wird nicht in Sonderklassen ausgelagert, sondern in den Regelunterricht integriert. Auch hierzulande muss sich die Erkenntnis durchsetzen, dass Vielfalt kein Übel für die Schule darstellt, das man mit allen Mitteln bekämpfen muss, sondern im Gegenteil eine positive Realität und eine interessante Herausforderung.

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