Pisa-Zwischenruf Normschüler aufs Gymnasium, Migranten ab in die Hauptschule

Deutsche Schulen sind großartig: Man rechnet einfach die Einwandererkinder heraus, schon klappt's auch bei Pisa. Mark Terkessidis hält das für zynisch - der Journalist und Pädagoge wirft Bildungspolitikern eine sinnlose Suche nach dem Fünfziger-Jahre-Normkind vor.


Der "Pisa-Schock" 2001 war wenig heilsam. Immerhin geht es für Deutschland in den Naturwissenschaften diesmal ein paar Ränge nach oben; beim Leseverständnis und in Mathematik stagnieren die 15-Jährigen. In einem Punkt sind die Ergebnisse der jüngsten Studie wie gehabt: Kinder, die das Pech haben, aus einer armen oder eingewanderten Familie zu kommen, schneiden schlecht ab. Das zeigt keineswegs nur Pisa alle Jahre wieder, sondern ein ganzer Stapel weiterer Untersuchungen.

Ein erschütterndes Zeugnis hat dem hiesigen Bildungssystem darum auch der Uno-Menschenrechtsbeauftragte vor einem halben Jahr ausgestellt. Weitaus erschütternder allerdings waren die Reaktionen aus den Kultusministerien: Verleugnung allerorten, etwa in Nordrhein-Westfalen. Ganz einfach "nicht verstanden" habe Vernor Muñoz, der Uno-Inspektor aus Costa Rica, die deutsche Schule, seine Ergebnisse seien ganz einfach "völlig unbrauchbar", so ein Sprecher des Ministeriums.

Es ist etwas grundsätzlich faul im deutschen Bildungssektor, doch weitergehende Reformen anzupacken, das ist hierzulande kaum möglich. Die Entscheidungsträger weigern sich schlicht, die Realität anzuerkennen. Viele Bildungspolitiker sehen nicht etwa in der viel zu frühen Auslese und der krassen Bevorzugung von Mittelstandskindern bei der höheren Bildung das eigentliche Problem - sondern in den Verlierern des Systems. Hinter verschlossenen Türen, manches Mal sogar davor, interpretieren sie die Pisa-Ergebnisse oft so: Wenn wir "die" rausrechnen, dann stehen wir doch eigentlich gar nicht so schlecht da, insbesondere wenn man sich die Gymnasien anschaut.

"Lies und spiel mit Ali und seinen Freunden"

"Die", das sind eben unsere "Sorgenkinder". Und "die" müssen eben nur vernünftig integriert werden, heißt es allerorten. In diesem Sinne richten sich die Bemühungen nicht auf die Reform des Schulsystems, sondern auf die Reform dieser "Sorgenkinder" und ihrer Familien.

Wenn sie nur alle Deutsch lernen, wenn sie damit aufhören, ihre Kinder zu schlagen, wenn sie Mädchen und Jungen gleich behandeln und endlich aus der "Parallelgesellschaft" ausziehen - wenn sie also so werden, wie "wir" denken, dass wir sind, dann kommt schon alles wieder in Ordnung. Dann wird alles so, wie es früher einmal war, früher, als die Bundesrepublik Deutschland angeblich noch der "Klassenprimus" der ganzen Welt war.

Die Konsequenz aus dieser Denkweise sind hektische Reparaturarbeiten im Vorschulbereich. Die deutsche Schule erwartet bei Einschulung weiterhin das Fünfziger-Jahre-Normkind, und dazu sollen die "Sorgenkinder" nun durch geeignete Sondermaßnahmen gemacht werden.

In baden-württembergischen Kindergärten wurden in den letzten Jahren Fragebögen verteilt, in denen die Behörden nachfragten, ob die Kinder zu Hause Schläge bekommen - nur an Kinder mit Migrationshintergrund. In Hessen erstellte das Sozialministerium ein Lesespielheft mit einem Titel, der aus den siebziger Jahren zu stammen scheint: "Lies und spiel mit Ali und seinen Freunden".

Nach Siebziger-Jahre-Logik überall "Defizite"

In NRW schließlich gab es in den Kindergärten landesweit sogenannte Sprachstandserhebungen, ausgeführt mit einem schnell zusammengeschusterten und pädagogisch äußerst zweifelhaften Test namens "Delfin 4". Dieser Test diente in erster Linie der Feststellung von Defiziten. Das ist ein Verfahren, das in fortschrittlicheren Ländern wie Großbritannien längst nicht mehr angewandt wird, weil man so eben nur erfährt, was das Kind nicht kann, nicht aber, was seine Entwicklungsmöglichkeiten sind - bei Kindern aus Einwandererfamilien wäre daher ergänzend ein Test in der Muttersprache angezeigt.

Zu allem Überfluss wurde der Test den Kindergärten teilweise erst zwei Wochen vor dem Erhebungstermin zugestellt. Wer jemals einen Test angewendet hat, der weiß, dass man sich damit ausführlich vertraut machen muss, um sinnvolle Ergebnisse zu erzielen. Insofern war es dann auch nicht verwunderlich, dass es in der ersten Runde eine groteske "Durchfallquote" gab: 95.000 von 145.000 Kindern, an manchen Kindergärten bis zu 80 Prozent.

Nun hätte dieses absurde Ergebnis ja dennoch zu der Einsicht führen können, dass nicht nur Migrantenkinder Schwierigkeiten haben. Aber es geht immer weiter gemäß der antiquierten Logik der siebziger Jahre. Schon damals hatte man bei den Migrantenkindern Defizite diagnostiziert und dann versucht, die Kinder durch allerlei Sondermaßnahmen auf Normniveau zu heben.

"Im Gymnasium würden die sich doch gar nicht wohlfühlen"

Allerdings tun Sonderklassen genau das, was der Name sagt: Sie sondern aus, sie machen die betreffenden Kinder zu etwas "Besonderem", sie zementieren das Stigma. Dass all die gutgemeinten Integrationsmaßnahmen erwartungsgemäß keine Früchte trugen, dafür macht man heute nun die Eltern verantwortlich. "Wir" haben es ja schon immer gewusst: Wenn die Unterstützung im Elternhaus fehlt, dann kann das nichts werden.

Hauptschule (in München): Treffpunkt der Ausgesonderten
DPA

Hauptschule (in München): Treffpunkt der Ausgesonderten

So lautet auch das gängige Argument für die Verfrachtung von Migrantenkindern auf die Hauptschule - zuhause könne ihnen niemand helfen. Am Ende können die Resultate der Auslese sogar noch positiv gedeutet werden. Denn als Grund für die routinemäßige Hauptschulempfehlung geben manche Lehrer an, dass den Kindern mit Migrationshintergrund das "multikulturelle" Umfeld dort sicher gut tun werde: Im homogen zusammengesetzten Gymnasium würden sie sich doch gar nicht wohlfühlen.

Oftmals wird als Erklärung für all die "Defizite" der Einwandererfamilien die Migrationspolitik der vergangenen Jahrzehnte herangezogen. Man schlägt sich an die Brust und beklagt die eigene Gutwilligkeit - "wir" haben halt jeden aufgenommen, und es kamen nicht nur die Besten.

Letzte Ausfahrt Hauptschule

Nun haben alle westlichen Länder in den sechziger Jahren insbesondere unqualifizierte Arbeitskräfte gesucht, aus egoistischen Wirtschaftsinteressen. Das gilt nicht nur für Deutschland. Aber kaum ein anderes Land hat sich den Irrsinn geleistet, gebildete Einwanderer zu dequalifizieren: Bildungsabschlüsse aus der Türkei, den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens oder auch aus afrikanischen Ländern wurden und werden weiterhin zumeist nicht anerkannt. Das beschert so manchem deutschen Haushalt eine Putzfrau mit Universitätsabschluss.

Tatsächlich ist die Verleugnung der Realität und die Verweigerung der Reform angesichts des drängenden demografischen Wandels höchst dramatisch. Schon jetzt beträgt an den Schulen in den bevölkerungsstarken Bundesländern der Anteil von Kinder mit Einwanderungshintergrund etwa ein Drittel - die Tendenz ist steigend. Die derzeitige Politik würde also darauf hinauslaufen, demnächst einmal etwa die Hälfte aller Schüler zur Chancenlosigkeit zu verdammen.

In anderen Ländern hat man im Sinne der eigenen Zukunft längst gehandelt. Das Schulsystem Kanadas etwa hat sich von der Vorstellung des Normkindes verabschiedet. Der Spracherwerb etwa wird nicht in Sonderklassen ausgelagert, sondern in den Regelunterricht integriert. Auch hierzulande muss sich die Erkenntnis durchsetzen, dass Vielfalt kein Übel für die Schule darstellt, das man mit allen Mitteln bekämpfen muss, sondern im Gegenteil eine positive Realität und eine interessante Herausforderung.

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Seite 1
_gimli_ 28.11.2007
1.
Ich lebe in Bayern (genau genommen in Erlangen) und meine Tochter besucht der Zeit die 2. Klasse. Obwohl sie sich recht gut schlägt, packt mich regelmäßig die Wut, wenn ich die deutschen Unterrichtsmethoden erlebe. Ich bin von 1972-1982 in eine Polytechnische Oberschule der DDR gegangen und muss sagen, dass die dortige Art, Wissen zu vermitteln, der heutigen Didaktik in Bayern um Längen voraus war. Die "Sortierung" der Kinder nach der 4. Klasse finde ich skandalös. Meiner Meinung nach ist dies einer der Gründe, warum wir uns in Deutschland über die im internationalen Vergleich niedrigen Abiturientenzahlen wundern. Der nächste, mindestens genau so schlimme Punkt: das Fehlern von Ganztagsangeboten. Meine Frau würde gern wieder arbeiten gehen, was in Bayern aber ein Ding der Unmöglichkeit ist, wenn man die Bildung der Kinder nicht vernachlässigen will. Denn die Nachhilfe zu Hause ist fest seitens der Schulen einkalkuliert. Ich bin berufliche viel im skandinavischen Raum, besonders in Schweden unterwegs. Vom dortigen Sozial- und Bildungssystem kann Deutschland viel lernen ... Grüße _gimli_
Niobe, 28.11.2007
2.
Zitat von _gimli_Ich lebe in Bayern (genau genommen in Erlangen) und meine Tochter besucht der Zeit die 2. Klasse. Obwohl sie sich recht gut schlägt, packt mich regelmäßig die Wut, wenn ich die deutschen Unterrichtsmethoden erlebe. Ich bin von 1972-1982 in eine Polytechnische Oberschule der DDR gegangen und muss sagen, dass die dortige Art, Wissen zu vermitteln, der heutigen Didaktik in Bayern um Längen voraus war. Die "Sortierung" der Kinder nach der 4. Klasse finde ich skandalös. Meiner Meinung nach ist dies einer der Gründe, warum wir uns in Deutschland über die im internationalen Vergleich niedrigen Abiturientenzahlen wundern. Der nächste, mindestens genau so schlimme Punkt: das Fehlern von Ganztagsangeboten. Meine Frau würde gern wieder arbeiten gehen, was in Bayern aber ein Ding der Unmöglichkeit ist, wenn man die Bildung der Kinder nicht vernachlässigen will. Denn die Nachhilfe zu Hause ist fest seitens der Schulen einkalkuliert. Ich bin berufliche viel im skandinavischen Raum, besonders in Schweden unterwegs. Vom dortigen Sozial- und Bildungssystem kann Deutschland viel lernen ... Grüße _gimli_
Tja, dann freuen sie sich mal auf die 3. und 4. Klasse. Mein Sohn, 4. Klasse Grundschule, auch Bayern, hat seit der 3. Klasse Englisch. Hört sich gut an, was? Netterweise durften die Kinder das Heft vom letzten Jahr weiter nehmen. Was eigentlich auch egal ist. Da steht ausser ein paar netten Liedchen und diversen Farben nichts weiter wichtiges drinne. Mich ärgert das. Das sind zwei verhunzte Jahre. Warum wird den Kindern nicht "Englisch" beigebracht? 2 Stunden Englisch die Woche - für nette Lieder und Farben... Also, bringe ich ihm halt Englisch bei.
discipulus, 28.11.2007
3. DDR, alles besser?
Zitat von _gimli_Ich lebe in Bayern (genau genommen in Erlangen) und meine Tochter besucht der Zeit die 2. Klasse. Obwohl sie sich recht gut schlägt, packt mich regelmäßig die Wut, wenn ich die deutschen Unterrichtsmethoden erlebe. Ich bin von 1972-1982 in eine Polytechnische Oberschule der DDR gegangen und muss sagen, dass die dortige Art, Wissen zu vermitteln, der heutigen Didaktik in Bayern um Längen voraus war. Die "Sortierung" der Kinder nach der 4. Klasse finde ich skandalös. Meiner Meinung nach ist dies einer der Gründe, warum wir uns in Deutschland über die im internationalen Vergleich niedrigen Abiturientenzahlen wundern. Der nächste, mindestens genau so schlimme Punkt: das Fehlern von Ganztagsangeboten. Meine Frau würde gern wieder arbeiten gehen, was in Bayern aber ein Ding der Unmöglichkeit ist, wenn man die Bildung der Kinder nicht vernachlässigen will. Denn die Nachhilfe zu Hause ist fest seitens der Schulen einkalkuliert. Ich bin berufliche viel im skandinavischen Raum, besonders in Schweden unterwegs. Vom dortigen Sozial- und Bildungssystem kann Deutschland viel lernen ... Grüße _gimli_
Werter Poster, bitte werden Sie konkreter: Meinen Sie Fahnenapell vs. Stuhlkreis, ggf. doppelter Stuhlkreis nach Klippert?
discipulus, 28.11.2007
4. Englisch in der Grundschule!
Zitat von NiobeTja, dann freuen sie sich mal auf die 3. und 4. Klasse. Mein Sohn, 4. Klasse Grundschule, auch Bayern, hat seit der 3. Klasse Englisch. Hört sich gut an, was? Netterweise durften die Kinder das Heft vom letzten Jahr weiter nehmen. Was eigentlich auch egal ist. Da steht ausser ein paar netten Liedchen und diversen Farben nichts weiter wichtiges drinne. Mich ärgert das. Das sind zwei verhunzte Jahre. Warum wird den Kindern nicht "Englisch" beigebracht? 2 Stunden Englisch die Woche - für nette Lieder und Farben... Also, bringe ich ihm halt Englisch bei.
Verehrte/r Poster/in, was verstehen Sie unter "Englisch beibringen"? Hoffentlich doch nicht banalen englischen Wortschatz, womöglich noch in der Form des Frontalunterrichts? Geht es Ihnen hier um Fach- oder Methodenkompetenz? Bitte liefern Sie nähere Informationen.
ReneMarik 28.11.2007
5.
Zitat von discipulusWerter Poster, bitte werden Sie konkreter: Meinen Sie Fahnenapell vs. Stuhlkreis, ggf. doppelter Stuhlkreis nach Klippert?
Die Sortierung in der 4. Klasse kommt wirklich viel zu früh, gerade für uns Jungs. Meine Wenigkeit hatte z.b bis zur 7 Klasse sehr "durchschnittliche" Leistungen in der Schule. Eine 1 im Sport :) und der Rest alles Note 3 und Schlechter. "Klick" hatts bei mir erst ab Klasse 8 gemacht. Keine Ahnung warum aber meine Noten besserten sich merklich, ich hatte langsam eine Vorstellung von dem, was ich mal später als Beruf machen wollte usw. Im jetztigen System hätte ich maximal mittl.Reife oder den HS-Abschluß weil ich mit 10 Jahren schon auf die Verliererstrasse geschickt worden wäre. Mfg Rene´
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