Studie So kurz kommt Politik im Schulunterricht

Wie viel Politikunterricht bekommen Schüler im Durchschnitt? Dieser Frage sind Forscher aus Bielefeld nachgegangen - und haben gewaltige Unterschiede zwischen den Bundesländern gefunden.
Unterricht an einem Gymnasium in Bayern

Unterricht an einem Gymnasium in Bayern

Foto: Daniel Karmann/ picture alliance / Daniel Karman

Ein mündiger Bürger ist "ein erwachsener Mensch, der zu einem eigenen Urteil und selbstständigen Entscheidungen fähig ist". So formuliert es der Duden. Aber was muss ein Kind lernen, um als mündiger Bürger die Schule zu verlassen? Darüber gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen. Und sie zeigen sich nirgends so deutlich wie im Wettstreit zwischen den Schulfächern Politik und Wirtschaft.

Sozialwissenschaftler mahnen, dass Wirtschaftsthemen im Unterricht immer mehr Raum bekommen - auf Kosten der politischen Bildung: Aktiensparpläne statt Auschwitz. Ist das Panikmache oder berechtigte Sorge? Wer diese Frage beantworten will, steht zunächst vor einer anderen: Wie viel Politikunterricht haben Schüler in Deutschland denn überhaupt?

Ein Forscherteam der Uni Bielefeld ist dieser Frage nachgegangen. Das Ergebnis: Es gibt gewaltige Unterschiede zwischen den Bundesländern. Lehrer an Gymnasien in Hessen und Schleswig-Holstein haben acht Mal mehr Zeit, ihren Schülern politische Bildung nahezubringen als Lehrer an Gymnasien in Bayern.

Die Sozialwissenschaftler haben für alle 16 Bundesländer die Stundentafeln für Gymnasien und nicht gymnasiale Schulen analysiert und ausgewertet, wie viele Unterrichtsstunden für ein Fach der politischen Bildung in der Sekundarstufe I vorgesehen sind. Keine leichte Aufgabe, denn das Fach heißt in jedem Bundesland anders.

Gern wird es auch in sogenannte Sammelfächer verpackt, zum Beispiel Gemeinschaftskunde/Rechtserziehung/Wirtschaft in Sachsen oder Politik/Gesellschaft/Wirtschaft in Hamburg. In diesen Fällen haben die Forscher nur die Stundenanteile für die politische Bildung berücksichtigt. Waren diese nicht explizit in den Stundentafeln aufgeführt, gingen sie von einer Gleichverteilung aus.

So ergibt sich für jedes Bundesland eine Quote, die den prozentualen Anteil politischer Bildung an den Gesamtwochenstunden in der Sekundarstufe I anzeigt. Und vor allem für den Unterricht an Gymnasien fällt diese sehr unterschiedlich aus:

"In Bayern hält das Kultusministerium politische Bildung offenbar für nicht besonders wichtig", sagte Studienleiter Reinhold Hedtke. Bayern stelle an Gymnasien nicht mal ein Viertel der Lernzeit zur Verfügung, die alle anderen Bundesländer der politischen Bildung widmen. Nur ein Jahr lang, in der zehnten Klasse, stehe dort mit Sozialkunde überhaupt ein eigenständiges Fach für politische Bildung auf dem Stundenplan.

Das Argument, dass politische Bildung ja auch in anderen Fächern wie zum Beispiel Geschichte oder Erdkunde vermittelt wird, lässt Hedtke nicht gelten. "Wenn politische Bildung nicht als eigenständiges Unterrichtsfach vorgesehen ist, sagt das doch etwas über den Wert aus, der ihr beigemessen wird. Politikunterricht ist ein Symbol der Demokratie. Und ich finde es schon bemerkenswert, wie unterschiedlich die Landesregierungen damit umgehen."

In Bremen, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein startet der Politikunterricht an Gymnasien schon ab der fünften Klasse:

Über die Qualität des Unterrichts sagt dies allerdings wenig aus, darauf weist auch Studienleiter Hedtke hin: "Wir haben die formalen Vorgaben analysiert, aber wie diese im Unterricht umgesetzt werden, ist noch mal eine andere Frage."

Wie eine weitergehende Analyse aussehen könnte, haben er und seine Kollegen am Beispiel Nordrhein-Westfalen gezeigt: Für dieses Bundesland schauten sie sich nicht nur die Stundentafeln, sondern auch die konkreten Lehrpläne an. Das Ergebnis: Für politische Themen bleiben im Unterricht in der Sekundarstufe I (Klasse 5 bis 10 bei Gesamt- und Realschulen und Klasse 5 bis 9 bei Gymnasien) pro Woche nur 17 bis 20 Minuten. Und kein anderes Fach wird so oft von fachfremden Lehrern unterrichtet wie "Politik" und "Politik/Wirtschaft".