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Polizeieinsatz bei "Zwölf Stämmen": Kinder hinter Klostermauern

Foto: Daniel Karmann/ dpa

"Zwölf Stämme" Polizei holt 40 Kinder aus Christen-Sekte in Bayern

Mitglieder der christlichen Sekte "Zwölf Stämme" sollen ihre Kinder schlagen, erst kürzlich wurde ihre Schule geschlossen. Jetzt rückte die Polizei gleich an zwei Orten mit mehr als 100 Beamten an: Sie holte 40 Jungen und Mädchen aus der Gemeinschaft.

Großeinsatz in Bayern: Die Polizei hat insgesamt 40 Kinder aus der umstrittenen Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme" geholt, die von vielen Kritikern als Sekte angesehen wird. Zuvor hatte das Amtsgericht Nördlingen einen vorläufigen Sorgerechtsentzug angeordnet. Es habe "neuerliche Hinweise auf erhebliche und dauerhafte Kindesmisshandlung durch die Mitglieder" gegeben, teilte das Landratsamt Donau-Ries mit.

Der Einsatz erfolgte an zwei verschiedenen Orten in Bayern: 28 Kinder holte die Polizei aus einem Kloster bei Deiningen, wo ein Teil der Gemeinde lebt. 12 weitere Kinder nahmen die Beamten im Landkreis Ansbach aus der Gemeinschaft, dort befindet sich ein weiterer Sitz. Zunächst war nur der Einsatz in Deiningen bekannt geworden.

Um 6 Uhr morgens rückte die Polizei mit rund 100 Beamten in Deiningen an, begleitet von Mitarbeitern des Jugendamtes, berichtet unter anderem die "Augsburger Allgemeine"  in ihrer Online-Ausgabe, um 9.30 Uhr war der Einsatz beendet. Die Kinder lebten in der Gemeinschaft in einem Kloster bei Deiningen, Bayern. Zeugen berichteten der Zeitung, die Mitglieder hätten keinen Widerstand geleistet. Ein Mitglied der Gruppe habe aber betont, die Kinder seien nicht geschlagen worden. Und: Man sei entsetzt über die Aktion der Polizei.

Jugendamt und Polizei brachten die Kinder aus Deiningen dem Bericht zufolge zunächst ins Landratsamt Donauwörth, das weiträumig abgesperrt war. Im Laufe des Tages sollen sie in Pflegefamilien untergebracht werden. Die Kinder aus dem Landkreis Ansbach sind derzeit in Obhut des Jugendamtes sowie von Bereitschaftsfamilien.

Der Landkreis Ansbach teilte mit, das Jugendamt habe seit dem Zuzug der Kinder im Jahr 2010 regelmäßig Kontakt gehalten. Die Besuche hätten derzeit Bedenken und Sorgen zwar nicht ausräumen können, es hätten aber auch "keine ausreichenden Beweise für die Einleitung familienrechtlicher Maßnahmen" vorgelegen. Erst jetzt habe das Familiengericht Nördlingen sowie das Jugendamt des Landkreise Donau-Ries "glaubwürdige, konkrete und verwertbare Informationen" bekommen, die belegen, dass das "körperliche und seelische Wohl der Kinder nachhaltig gefährdet sein könnte". Deswegen der Großeinsatz.

Alte Schule geschlossen, neue beantragt

Die bibelfromme Gemeinschaft ist sehr umstritten: Aussteiger warfen den rund hundert Bewohnern des Klosters im vergangenen Jahr im "Focus" vor, ihre Kinder mit der Rute zu misshandeln. Die Gemeinschaft wies die Vorwürfe damals zurück und erklärte:  "Wir sind eine offene und transparente Gemeinschaft, die keine Form von Kindesmisshandlung duldet."

"Zwölf Stämme" wurde in den USA gegründet, seit fast 15 Jahren leben einige Familien in Deiningen. Sie bauen Gemüse und Getreide an, halten Tiere und produzieren ihren eigenen Strom. Die Frage, wie sie dort weitgehend abgeschottet von der modernen Welt ihre Kinder großziehen, beschäftigt das Jugendamt und die Staatsanwaltschaft Augsburg schon länger.

Streit gab es auch um die Schule der Gemeinschaft: Die Mitglieder der "Zwölf Stämme" hatten sich geweigert, ihre Kinder in staatliche Schulen zu schicken. Unter anderem wegen des Sexualkundeunterrichts, der ließe sich nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren. Vor knapp sieben Jahren hatten dann die Behörden die Schule zunächst widerstrebend genehmigt. Zum 31. Juli hatte das Kultusministerium die Genehmigung wieder entzogen; die Schule hatte Probleme, qualifizierte Lehrer zu finden. Inzwischen haben die "Zwölf Stämme" erneut eine eigene Schule beim Ministerium beantragt.

Erst am Dienstag sorgte eine ähnliche Aktion in Hessen für Aufsehen: Ein Gericht hatte Eltern das Sorgerecht entzogen, weil sie ihre vier Kinder zu Hause unterrichten wollten. Polizei und Jugendamt hatten die Kinder dann um 8 Uhr morgens von zu Hause abgeholt.


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fln/dpa
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