Polizeischüler auf Streife "Ich kann mir keinen anderen Beruf vorstellen"

Das sind die Leute, die ihre Ausbildung bestimmen: betrunkene Autofahrer, prügelnde Jugendliche, keifende Nachbarn. Lasse, 23, und Sonja, 25, werden Polizisten in Kiel. Erst die Schule, nun die Praxis - die Polizei-Azubis gehen zum ersten Mal auf Streife. SPIEGEL TV ist dabei.

Von Thule Möller


Noch scheint alles ruhig. Polizeischüler Lasse Kleemann, 23, und sein Ausbilder Harald Feddern sitzen im Streifenwagen und beobachten das nächtliche Treiben in der Bergstraße, dem Ausgehbezirk in Kiel. Plötzlich fliegen die Fäuste: Zwei Jugendgruppen gehen aufeinander los. Die Polizisten springen aus dem Auto und drängen sich mitten ins Getümmel.

Die Situation eskaliert. Kommissar Feddern rangelt mit einem der Jugendlichen, Lasse Kleemann muss Verstärkung rufen. Die Polizisten sprühen mit Pfefferspray, um die Situation wieder unter Kontrolle zu bringen.

Später, zurück im Auto, steckt Polizeianwärter Kleemann der Schock noch in den Knochen. Er hat bei dem Handgemenge Reizgas in die Augen bekommen. Trotzdem sagt er: "Ich kann mir keinen anderen Beruf vorstellen." Und das, obwohl er schon mehrmals dazwischen stand, wenn Jugendliche aufeinander losgingen oder keifende Nachbarn ihre Streitwut aneinander ausließen.

SPIEGEL TV begleitete Lasse und seine Kollegin Sonja bei ihrer Ausbildung. Sie sind zwei von 105 Polizeianwärtern, die dieses Jahr in Schleswig-Holstein ausgebildet werden. Den ersten Teil der Dokumentation strahlt VOX heute ab 23.15 Uhr aus.

Lasse und Sonja sind sich sicher: Das ist unser Beruf

18 Monate lang üben die Auszubildenden für den mittleren Polizeidienst "Verbrechensbekämpfung in Theorie und Praxis"; danach geht es für ein fünfmonatiges Praktikum auf eine Dienststelle. Lasse ist genau da gelandet, wo er hinwollte: auf dem vierten Revier in Kiel-Gaarden. Der Polizeidienst hier gilt als besonders hart und gefährlich.

Gaarden ist ein Arbeiterstadtteil mit hohem Sozialhilfe- und Migrantenanteil - und laut Statistik der kriminellste Bezirk in Kiel. "Ich wollte auf ein großes Revier", sagt Lasse Kleemann. "In Gaarden habe ich die Möglichkeit, in sämtliche Nischen zu gucken. Hier gibt es immer viel zu tun für die Polizei."

Auch Sonja Nikolaus, 25, hat sich für ein Leben in Uniform entschieden. In ihren Bürojob will die gelernte Rechtsanwaltsgehilfin nicht mehr zurück, sie hat ihren Schreibtisch gerne eingetauscht gegen den Job in Uniform.

Bei der Polizei muss sie sich zwar immer wieder damit herumschlagen, dass männliche Kollegen glauben, Sonja sei ihnen als Polizistin unterlegen. Aber: "Als Frau in Uniform zu stecken hat auch seine Vorteile", sagt Sonja Nikolaus. "In manchen Fällen, wie zum Beispiel bei einer Vergewaltigung, reden die Opfer lieber mit einer Frau als mit einem männlichen Kollegen."

Trotz Nachtschichten und gefährlichen Einsätzen sind Sonja und Lasse sich sicher: Sie haben sich für den richtigen Beruf entschieden.



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