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Aufklärung 2.0: "Porno-Kompetenz ist gefragt"

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Pornografie in der Schule "Herr Müller, wie nennst du deine Frau beim Se-he-x?"

Sexfilme auf Handys, vulgäre Texte in Rap-Songs: Pornografie ist leichter zugänglich als je zuvor, auch für Kinder. Lehrer müssen darauf reagieren, fühlen sich aber oft überfordert. Eine Pädagogikprofessorin will das Problem lösen - indem sie Pornos im Unterricht zeigt.
Von Johannes Gernert

Als Hans-Peter Meidingers Tochter noch die Unterstufe des Gymnasiums besuchte, kam sie einmal nach Hause und wollte wissen, was "Bondage" sei, Fesselsex. Meidinger war zunächst irritiert. Dann versucht er, es ihr zu erklären. Meidinger ist Direktor eines bayerischen Gymnasiums und Vorsitzender des deutschen Philologenverbands. Immer wieder beschweren sich Eltern bei ihm, dass ihren zehn oder elf Jahre alten Kindern Porno-Bilder auf Handys gezeigt würden.

Der Gymnasiallehrer plädiert dafür, sich den Fragen zur Pornografie zu stellen, auch wenn es unangenehm ist. "Man muss alles dafür tun, dass der Gesprächsfaden nicht abreißt und das Vertrauensverhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen bestehen bleibt", sagt er - und weiß gleichzeitig, dass das alles andere als einfach ist: "Die Schüler reden darüber eigentlich nicht mit Lehrern, und Eltern reden darüber selten mit Kindern."

Mit wem aber reden Jugendliche dann? Seit manche Porno-Seiten im Internet zu einer Art bewegter Dr.-Sommer-Rubrik 2.0 geworden sind, seit auf Schulhöfen Porno-Rap und Porno-Clips auf Handys laufen, werden Lehrer mit pornografisierten Unterhaltungswelten von Teenagern konfrontiert. Theoretisch wäre die Schule der ideale Ort, um ein paar verquere Vorstellungen gerade zu rücken, die der Konsum dieser Bilder und Texte mit sich bringen kann. Die Schule erreicht in Deutschland schließlich alle Minderjährigen, auch die aus sozialen Randbezirken, wo sogenannte Porno-Rapper oft besonderes gern gehört werden.

Lehreranwärter im Studium in die Selbsterfahrungsgruppe?

Die Lehrer sind auf diesen Job allerdings denkbar schlecht vorbereitet. Viele plagt eine dreifache Angst: Sie fürchten sich vor der Direktheit der Schüler, vor der Reaktion der Eltern - und vor sich selbst. Es müssen gar nicht die allerfrechsten Sprüche sein: "Herr Müller, wie nennst du deine Frau beim Se-he-x?" Es reichen schon Erkundigungen nach Blowjobs oder Cumshots.

Man reagiere dann meist auf sich selbst statt auf die Schülerfrage - "das ist das Problem", sagt Karla Etschenberg, die lange Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Geschlechtserziehung war. "Lehrer müssten im Studium oder am Anfang ihrer Lehrertätigkeit eine Selbsterfahrungsgruppe zum Umgang mit der eigenen Sexualität mitmachen." Die energische Frau, 68 Jahre alt, geht noch weiter: "Die Schule darf bis heute keine Pornos einsetzen. Ich halte das inzwischen für überholt."

Dabei ist die ehemalige Biologielehrerin alles andere als eine Freundin von Sex-Clips: "Das ist wie das Einbringen von Giftstoffen in die Umwelt" - die Teenager bekämen die Bilder nicht mehr aus dem Kopf. Gerade deshalb hat Etschenberg einen Plan entworfen, wie sich Porno-Clips in den Unterricht einbauen ließen. Nur für die Schüler, die es wirklich besprechen wollen. Und nur mit Zustimmung der Eltern.

Gefragt ist Porno-Kompetenz

Als guten Startpunkt sieht sie das Vokabular des Porno-Raps: Wie werden Frauen da bezeichnet? "Fotzen", "Schlampen". Ist das für euch okay? Was haltet ihr davon? Im Gespräch über solche Textsequenzen könne man die Merkmale von Pornografie herausarbeiten, dazu ließe sich im Vergleich Literatur über "Begehren, Anmachen, Geschlechtsverkehr" besprechen.

In der aufbauenden Unterrichtssequenz müsste den Schülern dann erklärt werden, was Pornos zeigen - damit sie sich entscheiden können, ob sie pornografische Bilder sehen und diskutieren möchten. "So wird das Besprochene veranschaulicht und eine eigene begründete Position zum Thema Pornografie gefördert", sagt Etschenberg. Es klinge vielleicht komisch: Aber gefragt sei Porno-Kompetenz.

Die Sexualaufklärung allerdings spielt an deutschen Hochschulen in der Lehrerausbildung kaum eine Rolle. "In Bayern ist das Fehlanzeige, da gibt es nichts", beklagt Linus Dietz, Hauptschulrektor im Fränkischen und Etschenbergs Nachfolger bei der Deutschen Gesellschaft für Geschlechtserziehung. Das gilt nicht nur für Bayern. "Sexualpädagogik für Lehrer existiert an Unis so gut wie nicht", stellt der Psychologe Konrad Weller fest, der in Merseburg lehrt, wo sich ein Master-Studiengang "Angewandte Sexualwissenschaft" ausdrücklich an Sozialpädagogen und Schulpädagogen richtet.

Angst vor der Blamage

Die deutsche Aufklärungslandschaft ist zweigeteilt: In den Beratungsstellen von Pro familia oder Donum Vitae sitzen gut ausgebildete Sexualpädagogen, Lehramtsreferendare dagegen stoßen im Studium höchstens zufällig auf das Thema. Die Schulen profitieren zwar vom Fachwissen der professionellen Aufklärer, weil sie die Experten zu Fachtagen einladen, um mit den Schülern über Sex und Liebe zu reden. Die Gelder dafür sind laut Marianne Demmer von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft aber "zu gering, wenn überhaupt vorhanden".

In den Rahmenlehrplänen der Bundesländer taucht Pornografie meist nur in Fußnoten oder Klammern auf. Sexualaufklärung gilt als Querschnittsthema, im Grunde sind alle Fächer zuständig. "Bei Querschnittsthemen, die keinen festen Ort im Stundenplan haben, entsteht das Problem, dass es keiner macht", sagt Demmer.

Und dann gibt es da noch die Eltern. "Man hat immer das Gefühl, da hört einem jemand zu, geht dann nach Hause und erzählt nur in Ausschnitten", sagt Dietz. Etwa: "Heute haben wir über Ficken geredet." Obwohl es tatsächlich um Aufklärung ging - und nur ein Schüler erwähnt hat, Geschlechtsverkehr könne man so nennen. "Diese Schere im Kopf, die Angst vor der Blamage, belastet Lehrer zunehmend", stellt Dietz fest.

Die Unsicherheit hat auch dazu geführt, dass der Autor Jaromir Konecny mit seinem Buch "Doktorspiele" an einigen Schulen ein- und wieder ausgeladen worden ist. Der Jugendroman, der vor gut einem Jahr erschienen ist, enthält Wörter wie "Pimmelparade". Man müsse mit Sexualaufklärung sehr zurückhaltend sein, begründete ein Berliner Direktor die Ausladung.

Ein Argument gegen Pornos im Unterricht: Es ist verboten

Viele Lehrer haben den Eindruck, sie seien ihren Schülern technisch unterlegen. "Besonders bei Handys sind wir völlig vorsintflutlich. Das gilt ja nicht nur für Pornografie, dass Jugendliche einen Wissensvorsprung haben", sagt ein junger Pädagoge aus Bayern. Mit Fortbildungen versuchen die Länder die digitale Lücke zu schließen. Für die Pädagogen stellt sich dieselbe Frage wie für Eltern: Muss man sich YouPorn ansehen, wenn man mit Jugendlichen darüber redet? Heinz-Peter Meidinger, der bei Fortbildungen auch schon "Giftmappen" mit Porno-Bildern gereicht bekam, sagt: "Ich glaube nicht, dass es notwendig ist, das selbst alles gesehen zu haben."

Karla Etschenberg könnte sich trotzdem vorstellen, ihr Konzept zur Porno-Kompetenz für die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auszuarbeiten. Linus Dietz, Etschenbergs Nachfolger bei der Gesellschaft für Geschlechtserziehung, ist skeptisch, ob der Plan eine Chance hätte. Die Bundeszentrale untersteht zurzeit einer konservativ gefärbten Regierung.

Die Unionsfamilienpolitikerin Michaela Noll etwa sagt zur Pornografie an Schulen: "Es muss nicht überall ins Curriculum mit rein." Am Ende würden sich nur Eltern beschweren, weil etwas in den Unterricht transportiert werde, wofür sie "gar keinen Handlungsbedarf" sehen. Das Argument, das für Dietz viele Überlegungen überflüssig macht, lautet schlicht: "Es ist verboten." Das Gesetzbuch stellt das Zugänglichmachen von Pornografie für Minderjährige unter Strafe. Höchstens in der Kollegstufe, wenn die Gymnasiasten volljährig sind, könne man möglicherweise darüber nachdenken, zusammen ein Porno-Video anzusehen.

Dann allerdings könnte es ein bisschen spät sein.

Von SPIEGEL-ONLINE-Autor Johannes Gernert ist am 18. Februar das Buch "Generation Porno"  im Fackelträger-Verlag erschienen. Gernert hat zudem Material für den Unterricht zusammengestellt, das hier heruntergeladen werden kann (pdf). 

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