Praktiker für Problemschüler Bundesregierung will Hauptschüler in die Lehre lotsen

Hauptschüler in Not: Die Zahl der Schulabbrecher ist hoch, zugleich werden viele Ausbildungsverträge frühzeitig aufgelöst. Bundesbildungsministerin Schavan will nun erfahrene Praktiker als "Bildungslotsen" losschicken, um schlummernde Talente von Problemschülern zu wecken.
Fernziel Ausbildung: Weil zu wenige den Sprung in die Lehre schaffen, sollen Lotsen helfen

Fernziel Ausbildung: Weil zu wenige den Sprung in die Lehre schaffen, sollen Lotsen helfen

Foto: Rainer Jensen/ picture-alliance/ dpa

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) will lerngefährdeten Hauptschülern durch den Einsatz von Bildungslotsen zu einem Schulabschluss und zum Einstieg in eine Lehre verhelfen. Gedacht ist an 60.000 Schüler ab Klasse 7, die nach einem Kompetenztest individuell betreut und dann in Betriebe vermittelt werden.

Dazu sollen bundesweit 3200 Berufseinstiegsbegleiter in rund 200 Regionen - meist Ballungsgebiete - eingesetzt werden. 1000 dieser Bildungslotsen sind sogenannte Senior-Experten, nämlich Praktiker mit Berufsbildungserfahrung.

Das Konzept dieser "Bildungsketten" ist Bestandteil des Berufsbildungsberichtes 2010, den das Kabinett an diesem Mittwoch beschließen will. Der Bericht liegt der Nachrichtenagentur dpa vor. "Zentrales Ziel der 'Bildungsketten'-Initiative ist die Senkung der Zahl der Schulabbrecher", sagte Schavan dazu. Dass infolge der geburtenschwachen Jahrgänge die Zahl der Schulabgänger an den Haupt- und Realschulen insgesamt kontinuierlich zurückgehe, könne bald zu einem Fachkräftemangel führen, so Schavan.

Im Berufsbildungsbericht zeigt sich die Bundesregierung besorgt über die mangelnde Ausbildungsreife vieler Jugendlicher. Bis zu 80.000 Jugendliche verlassen pro Jahr ihre Schule ohne Abschluss. Etwa jeder fünfte Ausbildungsvertrag wird vorzeitig aufgelöst. Rund 15 Prozent der jungen Erwachsenen zwischen 20 und 29 Jahren haben keinen Berufsabschluss. Und viele stecken in einem Übergangssystem, das die Anwärter auf eine Lehrstelle eigentlich unterstützen soll, für viele aber zu einem System ohne Ausgang wird.

Problemschüler sollen analysiert werden

Am Anfang der "Bildungsketten" stehe eine ausführliche individuelle Analyse der Fähigkeiten und Interessen des Jugendlichen in enger Zusammenarbeit mit der Schule, so Schavan. Dabei sollen auch berufliche Neigungen erkundet werden: "Es geht darum, das oft noch schlummernde, sich noch entfaltende Potenzial von jungen Menschen zu erkennen und zu fördern." Auf die Ergebnisse dieser Analysen könne dann auch in den Abschlussklassen gezielt eingegangen werden.

Zugleich sollen den Jugendlichen in Zusammenarbeit mit Unternehmen und Ausbildungsstätten der Kammern frühe Einblicke in die Berufspraxis vermittelt und persönliche Kontakte zu einem Betrieb aufgebaut werden. Das Programm soll zusammen mit dem Bundesarbeitsministerium und der Bundesagentur für Arbeit koordiniert werden.

Gezielt will die Ministerin auch Unternehmer mit Migrationshintergrund für die Initiative ansprechen. Es gebe hier "eine dynamisch wachsende Zahl neuer Betriebe", die auch für die Berufsbildung junger Menschen gewonnen werden könnten. "Und für den einen oder anderen Jugendlichen mit Migrationshintergrund, der ansonsten Probleme beim Sprung in die Ausbildung hat, können sich hier bei ähnlichen kulturellen Hintergrund auch gute Einstiegschancen ergeben", sagte Schavan.

IG Metall-Vorstandsmitglied Regina Görner begrüßte die Initiative. "Wir müssen alle Talente nutzen. Niemand darf verloren gehen. Deshalb ist der Ansatz der 'Bildungsketten' absolutig richtig." Positiv sei, dass heute schon mehr als die Hälfte der Betriebe verstärkt mit Schulen kooperierten. "Sie bieten Praktika an, unterstützen Projektwochen und arbeiten mit Schulen bei der Berufsorientierung."

Von Karl-Heinz Reith, dpa