Praktikum an der Schaubühne Dürfen wir ein paar Briefe eintüten … bitte?

"Um 7 Uhr aufstehen - Briefe eintüten - Faxe bearbeiten - Mails beantworten - Mittagspause - Kaffee machen - Schlafen legen." So haben Marcus und ich uns den Tagesablauf unseres zweiwöchigen Praktikums an der Schaubühne Berlin vorgestellt, das wir beim Wettbewerb "Die Schülerzeitungen des Jahres 2007/2008" des SPIEGEL gewonnen hatten - doch es kam ganz anders.


Als wir am 21. Oktober mit reichlich Verspätung am imposanten Berliner Hauptbahnhof ankommen, werden wir von Andreas Seyffert, dem Leiter der Marketingabteilung der Schaubühne am Lehniner Platz und seinem Kollegen - dem Pressesprecher Christof Belka - herzlich begrüßt.

"Kamera, Notebook, Stativ, Foto, Festplatten, Stifte, Blocks - wir haben eigentlich alles mitgebracht, womit wir kreativ sein können", wirft Marcus während der Fahrt ein. Marcus macht eine Ausbildung als Foto- und Medienassistent. Neben meiner Arbeit bei der Schülerzeitung interessiere ich mich für Film und habe mit Freunden bereits des Öfteren Filmprojekte realisiert. Auch Marcus beschäftigt sich nicht nur mit Fotografie, sondern auch mit dem bewegten Bild. So kamen wir zu gemeinsamen Projekten. Die Abteilung Marketing und PR schien wie geschaffen für uns. "Hört sich wunderbar an, ich habe mir eure Filmprojekte angesehen und ich denke, ihr werdet einen Trailer für ein Event entwerfen, der auf unserer Website und auf YouTube zu sehen sein wird", erklärt uns Andreas auf der Fahrt zum Hotel.

Nach einer kurzen Verschnaufpause geht es gleich weiter zur Schaubühne, die nur zehn Minuten Fußweg entfernt liegt. Im Jahre 1981 übersiedelte das Theaterensemble - hauptsächlich aus Platzgründen - in das Gebäude des ehemaligen Universum-Kinos. Der ursprüngliche Bau des bekannten Architekten Erich Mendelsohn von 1928 wurde im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört. Nach dem Wiederaufbau diente das Haus zunächst als Kino, dann als Beat-Club, schließlich als Musical-Theater, bis die Schaubühne aus ihrem alten Theater am Halleschen Ufer in das renovierte und bestausgestattete Theater Deutschlands umzog.

Im Café Schaubühne treffen wir erneut auf Andreas, der uns seine Abteilung vorstellt. Andreas verteilt an alle ein Blatt Papier, den sogenannten Fahrplan: Praktikumsbeginn gegen 11 Uhr, das Programm locker und sehr abwechslungsreich. Wir sind täglich bei jemand anderem, der uns seinen Aufgabenbereich erklärt, sehen Premieren und Theatervorstellungen aus dem laufenden Programm, nehmen an Workshops teil. Bewusst wird uns viel Freizeit eingeräumt, damit wir uns einen Eindruck von Berlin verschaffen können - doch unsere eigentliche Hauptaufgabe erhalten wir erst am kommenden Tag: Ziemlich genau eineinhalb Wochen nach unserer Ankunft findet ein Poetry Slam im Studio, einer kleineren Spielstätte der Schaubühne, statt. Bei einem solchen Dichterwettstreit treten die sogenannten Slammer mit selbstgeschriebenen Texten gegen Schauspieler aus dem Ensemble der Schaubühne auf, die Gedichte verstorbener Dichter vortragen. Da nicht jeder etwas mit dem Begriff Poetry Slam anfangen kann, sollen wir einen eineinhalbminütigen Trailer für diese Veranstaltung entwickeln.

Zuerst einmal müssen wir uns jedoch an den "Schaubühnen-Style" gewöhnen. Hierzu suchen wir Jürgen, den Grafiker, auf. Eine Wand mit vielen Plakaten und Flyern vermittelt uns einen Eindruck davon, wie an der Schaubühne designt wird.

Am Abend findet eine Aufführung in der Schaubühne statt, zu der wir Ehrenkarten erhalten haben.

Nun müssen wir ehrlich gestehen, dass wir bis dato kaum einen Zugang zum Theater hatten - man ging mit der Schule zu den sogenannten Pflichtveranstaltungen. In unserer Praktikumszeit haben wir insgesamt acht Theateraufführungen besucht und waren von allen begeistert. Das Ensemble der Schaubühne, zu dem auch namhafte Darsteller wie Jule Böwe oder Lars Eidinger gehören, glänzte auf ganzer Linie - hier erlebt man Theater in Höchstform. Die Bühnenaufbauten beeindruckten Marcus und mich sehr. Besonders imposant war Katrin Bracks Bühnenbild zum Stück "Anatol", das aus einer Vielzahl silberner Girlanden bestand, die interessante Lichtspiele ermöglichten.

Im Auftrag der Marketingabteilung brechen wir am nächsten Tag zu einer Fototour auf, um die verschiedenen handwerklichen Arbeitsbereiche des Theaters abzulichten.

Wer schon einmal eine Führung durch ein Theater gemacht hat, erinnert sich bestimmt an den Theaterfundus - Maske, Näherei, Schreinerei, Malerei - oder andere Handwerksbereiche des Theaters. Da wir eher die kaufmännische Seite des Theaters erlebt und nicht auf oder neben der Bühne gearbeitet haben, war dieser Einblick sehr spannend.

Marketing und PR sind heute eine der wichtigsten Stützen für den Betrieb eines Theaters. Das Marketingkonzept muss fokussieren, vielleicht provozieren, aber immer zum Betrachten anregen. Von Streichhölzern über Aufkleber und Stifte bis hin zu Bekleidung reicht die Palette der Merchandising-Artikel. In dieser Spielzeit läuft eine Imagekampagne: Verschiedene Schauspieler wurden von dem Künstler Heiko Schäfer fotografisch nüchtern porträtiert - auf schwarzem oder weißem Hintergrund. In dicken Lettern stehen markante Zitate aus Stücken der aktuellen Spielzeit darüber, die dem abgebildeten Gesicht eine ganz bestimmte Wirkung geben. Auf den Aufklebern wird dies ebenfalls konsequent verwirklicht, oder es werden nur gut lesbare, kurze Zitate aus Stücken des aktuellen Spielplans abgedruckt - da gibt es den Aufkleber mit dem Spruch "Dieser Ort ist besetzt" oder den mit dem Aufdruck "Egal was passiert, atme". Am liebsten hätte man alle auf seinem Schulordner.

"Marketing heißt aber auch, dass man Pressearbeit leistet", erklärt uns Christof Belka, der die Pressearbeit der Schaubühne betreut. "Die besteht aus Büroarbeit, wenn man beispielsweise einen täglichen Pressespiegel für das Haus verfasst, Pressemiteilungen schreibt und versendet, Premiereneinladungen entwirft oder Tickets für die Presse koordiniert. Ebenso wichtig ist die Kontaktarbeit, das Gespräch mit Kritikern, das Vermitteln von Interviews und das Lancieren von Artikeln."

Die Plattform, die das Internet in der heutigen Zeit darstellt, nutzt die Schaubühne: Die eigene Internet-Seite wird ständig erweitert, ein Newsletter erscheint zweiwöchentlich. Podcasts werden erstellt, die Schaubühne besitzt eine MySpace-Seite und auch einen YouTube-Blog. "Es gilt auch, Menschen für das Theater zu gewinnen, die sich hauptsächlich über das Internet informieren", meint Christof. Der reale soziale Nutzen des Theaters zeigt sich umso deutlicher in der Theaterarbeit - sei dies in der Theaterpädagogik, die wir später selbst erleben dürfen, in den kulturellen und moralischen Werten, dem kritischen Blick auf die Welt und die Menschen, den das Theater vermittelt - deshalb ist es wichtig, bereits jetzt an kommende Generationen zu denken.

Nachdem mehr als die Hälfte der Woche vergangen und das Titelbild fertig ist, haben Marcus und ich schon viele gute Einfälle für unseren Trailer und stellen unser Konzept vor: "Es geht uns darum, den Leuten zu vermitteln, was ein Poetry Slam ist und die einzelnen Slammer kurz vorzustellen, werbewirksam aufgemacht mit einer witzigen Komponente, ein bisschen trashig, als hätte man per Hand gebastelt, Schaubühnen-Style, zudem komplett animiert und alles in maximal eineinhalb Minuten."

Marcus und ich sind zuversichtlich, bis zur Veranstaltung gut durchzukommen - doch dann laufen die Schnittprogramme auf unseren Notebooks kurz vor dem Poetry Slam doch noch auf Hochtouren. Die Einteilung des Praktikums in wenige Pflichtblöcke kommt unserem Hauptprojekt sehr entgegen: Nach dem offiziellen Programm können wir uns in unser geräumiges Zimmer im Hotel zurückziehen und in aller Ruhe an unserem Trailer arbeiten.

Uta Plate ist die Theaterpädagogin der Schaubühne. Sie bietet zu den einzelnen Inszenierungen mehrstündige Theater-Workshops an, vor allem für Jugendliche und Schulklassen, die Inszenierungen besuchen.

"Oft muss man die Motivation erst freisetzen, man muss sich an die Leute herantasten", erzählt Uta. Bei Workshops mit Schulklassen ist es oft so, dass die Jungs sich einfach nur cool präsentieren wollen und die Mädchen zu schüchtern sind, vor ihrer Klasse ein bestimmtes Verhalten zu demonstrieren. Das ist natürlich mit Anstrengung verbunden - aber das Ergebnis am Ende eines Workshops ist oft überwältigend, dann nämlich, wenn eine Gruppendynamik und ein Flow entsteht, der jeden mitreißt."

Auch wir besuchen einen Workshop zum Theaterstück "Hedda Gabler". Nach einigen Aufwärmspielen und Sensibilisierungsübungen werden szenische Improvisationen angeleitet, in denen jeder Teilnehmer einen persönlichen Bezug zu den Themen des Stückes herstellt.

Der Workshop wird komplett auf Englisch abgehalten, da Marcus und ich zusammen mit einer Gruppe von Schauspielstudenten aus dem niederländischen Utrecht teilnehmen. Am eigenen Leib dürfen wir die von Uta Plate angesprochene Gruppendynamik erfahren und haben viel Spaß mit den begabten Jungschauspielern und Regie-Anwärtern aus Holland.

Durch die kulturelle Vielfalt und die Möglichkeiten, die Berlin bietet, ging unsere Praktikumszeit schnell vorüber. Marcus und ich kamen mit fast jedem einmal ins Gespräch. Sei dies auf dem Flur, im Büro, bei einer Besprechung oder bei einem gemeinsamen Essen mit der ganzen Abteilung in der Wohnung des Direktors der Schaubühne - der übrigens ein hervorragender Gourmet ist. Nie hatten wir das Gefühl, wir seien einfach nur Praktikanten, sondern vielmehr Mitarbeiter, die zwei Wochen lang genau wie Angestellte ihren Arbeitsbereich und ihre Aufgaben hatten.

Unser Trailer ist schlussendlich fertig geworden und lief nicht nur im Internet, sondern auch an der Projektionsfläche am Gebäude der Schaubühne. Die Veranstaltung selbst war ein großer Erfolg und man wird an das Konzept anknüpfen. Auch weiterhin möchte die Schaubühne zu uns Kontakt halten, denn vielleicht gibt es das ein oder andere Videoprojekt, bei dem man unsere Unterstützung brauchen kann.

Die zwei Wochen in Berlin haben Marcus und mir einen völlig neuen und einmaligen Einblick in die Welt des Theaters ermöglicht. Zuvor noch Theatermuffel, sind wir auf den Geschmack gekommen, sehen Theaterstücke nicht mehr nur als Pflichtprogramm an. Wir gingen gegen Ende des Praktikums mit deutlich mehr Weitblick in die Inszenierungen, weil wir einen Eindruck davon bekommen hatten, was organisatorisch alles hinter so einer Aufführung steht. Interessant ist auch, dass am Theater ein viel familiäreres Umfeld herrscht und die Autoritätsgrenzen weniger scharf gezogen sind, als man es erwarten würde.

Der eher untypische Praktikumsablauf, der uns viele Freiheiten gewährte, ist sicherlich nicht für jedermann geeignet - wir konnten ihn jedoch optimal nutzen. Jedem Praktikanten, der selbständig sein möchte, können wir einen solchen Plan nur wünschen, bei dem er aufgefordert ist, sich in seiner Persönlichkeit und seinem Können zu entfalten.

Kurz vor Ende unseres Praktikums wurden wir, nachdem wir den Wunsch geäußert hatten, übrigens mit einer typischen Praktikantenarbeit betraut: 200 Pressemitteilungen falten und eintüten - endlich!



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