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07. Juli 2007, 16:06 Uhr

Preis für Pädagogen

Die Streber-Lehrer

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Deutschlands ewig unverstandene Lehrer brauchen Lob, Trost, Zuspruch. Darum wurden jetzt 79 Vorzeige-Pädagogen mit dem "Deutschen Lehrerpreis" ausgezeichnet. Nicola Draheim, 45, gehört dazu. Ihre Berliner Schüler wissen schon lange, was sie kann - ein Unterrichtsbesuch.

"Frau Draheim ist ein richtig mütterlicher Typ", hat eine Schülerin geschrieben. "Wie alle Lehrer ist sie ein Mensch, doch sie zeigt diese menschliche Seite stets."

10.35 Uhr, Freistunde. Nicola Draheim, 45, sitzt im Klassenraum der 7d, es riecht nach einer Horde Unterstufenschüler. Frau Draheim schiebt die senfgelben Vorhänge zur Seite, sperrt ein Fenster auf und setzt sich an eines der Pulte. "Ich habe die Klasse auch in der siebten Stunde. Was meinen Sie, wie es dann hier riecht?", fragt sie mit Berlin-Dialekt. Nicola Draheim, dunkle Jeans, schwarzes T-Shirt und leuchtend orangefarbene Jacke, ist eine patente Frau. Sie lacht viel und gern - aber mütterlich? "Ich bin eigentlich immer in Action, ich sag immer, ich hab Restless Legs", erzählt sie und grinst. "Auf jeden Fall ist mir Humor wichtig. Auch im Unterricht."

Was ihre Schüler schon lange wissen, ist jetzt amtlich: Frau Draheim gehört zu den besten Lehrern Deutschlands. Gemeinsam mit 78 Kollegen hat sie Freitag den Deutschen Lehrerpreis mit dem etwas zwangsoriginellen Zweitnamen "Pisagoras" in Berlin bekommen. Als sie das Glückwunschschreiben in ihrem Fach entdeckte, legte sie es erstmal zur Seite. "Ich dachte, das hätte der Abiturjahrgang fabriziert. Als Abistreich." "Nun freu dich doch", hat ihr Mann gesagt. Der ist ebenfalls Lehrer - und direkter Kollege, denn er unterrichtet ebenfalls am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium in Spandau.

Aber Nicola Draheim ist ein misstrauischer Mensch. Und dass ausgerechnet sie eine Auszeichnung für ihre Arbeit bekommen soll, das will ihr auch wenige Stunden vor der Preisverleihung nicht so recht in den Kopf. "Ich sehe mich da als Stellvertreter", betont sie immer wieder. "Das ist eine Auszeichnung stellvertretend für alle guten Lehrer."

Politisch korrektes Dankeschön

Von denen gibt es anscheinend so viele, dass die Jury (mit Professoren, Managern und Ottmar Hitzfeld, Bayern-Trainer und gelernter Lehrer) sich nicht recht entscheiden mochte - also gab sie gleich allen 79 für die Endrunde nominierten Lehrern den Preis. "Wir wollten kein Ranking", sagt André Paris, Sprecher des Lehrerpreises. Verlierer sollte es nicht geben, nur politisch korrekt verteilte Gewinner: Die Preisträger stammen aus allen Bundesländern, Männer und Frauen sind gleichermaßen vertreten.

Um mehr Anerkennung, ein besseres Image für den Lehrerberuf ging es der Initiatorin: Mit dem Preis habe sie ein Zeichen setzen wollen, "damit nicht immer nur auf Lehrern herumgehauen wird", sagte Filmproduzentin Susanne Porsche, die Bundesbildungsministerin Annette Schavan für die Schirmherrschaft gewann und sich Unterstützung von den Kultusministern und aus der Wirtschaft holte.

Bei einer Gala am Freitagabend wurden die "Dankeschön"-Preise mit viel Pomp vergeben. Wer ihr die Nominierung eingebrockt hat, weiß Nicola Draheim noch nicht lange. Alle Abschlussklassen waren aufgerufen, ihren Lieblingslehrer unter www.pisagoras.org für die Auszeichnung zu nominieren. Was ihn so einzigartig macht, sollten die Schüler in persönlichen Begründungen beschreiben. Bei Nicola Draheim liest sich das so: "Es war kein freundschaftliches Verhältnis, sondern ein positives und motivierendes Klima, das von ihr ausströmte. Die Benotungen waren stets gut, aber auch gerecht, und man hatte immer das Gefühl, seine Arbeit wurde richtig korrigiert und belohnt."

Pisago-was?

Nicola Draheim tippte auf ihren Deutsch-Leistungskurs – immerhin waren die elf Mädchen und drei Jungen die einzigen, die sie in der Stufe 13 unterrichtete. Aber die Abiturienten leugneten hartnäckig. Pisago – was? Nie gehört. Erst Donnerstagabend erhielt die Lehrerin eine Bekenner-Mail von einer der Schülerinnen, die ihr viel Erfolg für die Preisverleihung wünschte. Vom Kurs schwärmt sie noch immer. "Die waren so gut. Ich bin richtig stolz und habe das Gefühl: Die kommen durch alles im Leben." Wenn sie daran denkt, was ihre Schüler in der Oberstufe geleistet haben, was sie auch von ihr gefordert haben, sagt Draheim, möchte sie "sie einfach in den Arm nehmen und knutschen".

Aber auch gute Lehrerinnen kennen schlechte Tage. "Richtig fürchterlich ist es, wenn ich merke, dass mich mein eigener Unterricht langweilt." Das kommt vor. Vor allem, wenn viel Zeit für Korrekturen draufgeht und die Unterrichtsvorbereitung darunter leidet. "Wenn ich schlechte Laune habe, weil etwas schief gegangen ist, spiele ich mit offenen Karten." Wichtig ist ihr vor allem eins: "Die Schüler müssen wissen, woran sie sind."

Aus ihren Schwächen macht Nicola Draheim keinen Hehl: Wenn sie eins nicht sein will, dann Superlehrerin. In der Abizeitung bekam sie jüngst die Bronzemedaille in der Kategorie "Technikfeind". "Das ist ein Trauma aus meiner eigenen Schulzeit. Da haben die Lehrer den Projektor nicht in Gang gekriegt, und ich fand's fürchterlich. Und heute habe ich eine Riesenangst, dass das mit der Technik nicht klappt." Außerdem weiß an der Stein-Schule jeder, dass Frau Draheim bei Mathe fremdelt. Den "Faust" kann sie mit Begeisterung auch zum tausendsten Mal lesen – mit den Algorithmen wird sie nicht warm.

Am ganzen Stein-Gymnasium weltberühmt

"Frau Draheim, Sie sind ja berühmt", grinst eine Schülerin aus der 7a, als die Lehrerin sich dem Klassenraum nähert. Nicola Draheim wird ein wenig wehmütig, während sie die Treppe zum ersten Stock hinaufsteigt. "Eine tolle Klasse war das."

Es ist die letzte Unterrichtstunde vor den Sommerferien, die letzte Stunde nach drei Jahren. Nach den großen Ferien bekommen die 13- und 14-Jährigen einen neuen Klassenlehrer. "Guten Taaaaaag, Frau Draaaaaaheim!", tönt es ein letztes Mal im Stehchor. Heute werden Sketche für die Abschlussfeier geprobt. "Macht ja nicht irgendwas, dass ich heulen muss", ermahnt sie die Klasse. Kevin und die anderen lachen sich kaputt, wenn Nicola Draheim Grimassen schneidet und sich selbst – anders als den Unterricht – nicht so ernst nimmt.

Kein Wunder, dass unter Punkt zwei beim Bewertungsbogen, den die Lehrerin in der letzten Stunde ausgeteilt hat, eine kurze Antwort zu finden ist. Bei "Das hat mir in den letzten Jahren besonders gut gefallen" steht häufig nur: Frau Draheim. Dahinter ein Smiley. Unter Punkt eins sollte die 7a ihr lustigstes Erlebnis an der Stein-Schule aufschreiben. "Das war, als wir mit der 7b im Schleusener Stadion saßen und es ganz still war und eine Person ganz laut gepupst hat", hat einer der Schüler geschrieben.

Aber Frau Draheim hat ja Humor. Und etwas Mütterliches.

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