Preisgekrönter Unterricht Mr. Geschichtswettbewerb

Wenn die Schule aus ist, fängt sein Unterricht erst an: Werner Ostendorf aus Mainz macht sich mit seinen Schülern auf Spurensuche in die Geschichte. Wieder und wieder haben die Kinder den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten gewonnen. Doch dieses Jahr bekam auch der Lehrer einen Preis.

Von Hans Michael Kloth


Der Bundesadler weht über Schloss Bellevue in Berlin. Nein, eigentlich weht er nicht, er hängt schlaff in der Luft. Die schwarz-rot-goldene Flagge auf dem Dach verrät aber, dass Horst Köhler heute zu Hause ist.

Lehrer Werner Ostendorf: Über 350 Schüler für Geschichte begeistert
Peter Himsel

Lehrer Werner Ostendorf: Über 350 Schüler für Geschichte begeistert

Drinnen geht es ungewohnt lebendig zu: Vielleicht 200 Kinder und Jugendliche samt ihrer erwachsenen Begleiter hat Horst Köhler eingeladen. Die jungen Leute laufen aufgekratzt und aufgerüscht durch den weitläufigen Amtssitz des Bundespräsidenten, unter den riesigen Leuchtern umher, vorbei an der großformatigen modernen Kunst an der Wand. Auch ein Erwachsener kann sich verloren vorkommen, hier, gewissermaßen im Allerheiligsten der Berliner Republik.

Auf jeden Fall ist Schloss Bellevue ein Ort, an den man als normaler Mensch nicht alle Tage eingeladen wird.

Er ist Stammgast bei deutschen Bundespräsidenten

Außer man heißt Werner Ostendorf. Den drahtig-schlanken Hunsrücker mit dem mittelgescheitelten Silberschopf beeindruckt das staatstragende Ambiente nicht mehr sonderlich. Der Geschichtslehrer vom Mainzer Rabanus-Maurus-Gymnasium ist so etwas wie ein Stammgast bei deutschen Präsidenten: Dieses Mal ist er wieder bei Horst Köhler zu Gast, vorher war er bei Johannes Rau, davor bei Roman Herzog und sogar noch davor bei Richard von Weizsäcker. Zum achten Mal ist Ostendorf im Schloss Bellevue. "Ich kann mich hier anders bewegen", sagt er mit Blick auf seine vom Schloss sichtlich beeindruckten Schüler. Er lächelt, der Schalk blitzt aus seinen hellwachen Jungenaugen.

Trotzdem: Dieses Jahr ist der Besuch in Berlin auch für Ostendorf etwas Besonderes. Denn diesmal werden nicht nur - wieder einmal - diverse seiner Schüler vom Bundespräsidenten ausgezeichnet. Ostendorf selbst erhält, gemeinsam mit zwei Kollegen aus Hessen und Sachsen, die erstmals vergebene Auszeichnung für hervorragende Tutoren. So fließt das Adrenalin doch etwas stärker als vielleicht bei den vorhergehenden Besuchen. "Das ist schon eine dolle Sache", sagt Ostendorf.

Der Anlass für den Auftrieb ist die Preisverleihung für den "Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten". Bei diesem renommiertesten geisteswissenschaftlichen Schülerwettbewerb der Republik gibt es einen klaren Abräumer: Seit 1996 stehen zuverlässig Schüler des Rabanus-Maurus-Gymnasiums aus Mainz ganz oben auf dem Siegertreppchen.

Alle zwei Jahre zeichnet der Bundespräsident die historischen Spurensuchen von Schülern aus - zu Themen wie Arbeit, Helfen, Migration oder "Alt und Jung in der Geschichte", dem Motto in diesem Jahr. Insgesamt zehnmal haben Schüler des Rabanus-Maurus-Gymnasiums im Geschichtswettbewerb bisher erste Preise geholt - und haufenweise zweite, dritte, Landes- und Förderpreise.

Seit 1973 gibt es den Wettbewerb, über 110.000 Schülerinnen und Schüler aus ganz Deutschland haben seitdem daran teilgenommen. Mittlerweile ist er "die größte koordinierte Laienforschungsbewegung in Deutschland", sagt Sven Tetzlaff von der Hamburger Körber-Stiftung. Sie organisiert den Wettbewerb seit den Anfängen. Mehr als 22.000 Beiträge aus fast dreieinhalb Jahrzehnten haben sich inzwischen in seinem Archiv angesammelt: "Eine Schatzkammer lokalgeschichtlicher Forschung", sagt Tetzlaff. Allein in der aktuellen Runde sind wieder 1237 Beiträge mit zusammen rund 70.000 Seiten Laienforschung dazugekommen.

150-mal beim Wettbewerb mitgemacht

Keiner hat, das lässt sich wohl sagen, so viele angeregt, auf den Weg gebracht, angeleitet wie Werner Ostendorf. Seit 1980 ist er dabei, bereits zum vierzehnten Mal hat der passionierte Pädagoge mit Schülern teilgenommen. Über 150 Wettbewerbsarbeiten von insgesamt 350 Schülern hat er begleitet. Ostendorf hat mit seiner Begeisterung die Kollegen angesteckt - zehn weitere Lehrer seines Gymnasiums machen inzwischen mit. In Mainz sei es "gelungen, eine Wettbewerbskultur zu entwickeln, die bundesweit ihresgleichen sucht", hieß es in der Laudatio auf Ostendorf.

Mit drei Urkunden unter dem Arm - Tutorenpreis, Schulpreis, Erster Bundessieger - steht ein strahlender Ostendorf beim anschließenden Empfang da. Neben ihm ein nicht minder strahlender Horst Köhler, um sie tapst eine Horde von Sechstklässlern auf dem edlen Teppich im Foyer des Festsaals herum. Dass er es dieses Mal mit einer sechsten Klasse einen ersten Platz belegt, macht ihn besonders stolz. Den Schülern hat er Mut zur Lücke gemacht - sie haben ein selbstentwickeltes Gesellschaftsspiel eingereicht.

Die Idee entstand, nachdem die Klasse über drei Dutzend ältere Menschen über die Spiele ihrer Kindheit befragt hatte und tief in die Geschichte des Spielens eingestiegen war. Das Ergebnis: "Mensch erzähl mir was" - ein Brettspiel, bei dem es keine Sieger und Verlierer gibt, aber alle zu Erzählern aus ihrem Leben werden. Für ihren "ausgesprochen kreativen Beitrag" und ein "vorbildliches Projekt forschenden Lernens" gab es nun hohe Anerkennung von Präsident Köhler.

Sein Konzept: Die Schüler machen lassen

Das Erfolgsgeheimnis des Turbo-Pädagogen Ostendorf? "Machen lassen", sagt er, "dann klappt das schon." Seine Schüler finden ihn klasse: "Der ist lustig", sagen Sechstklässler Nils Letz und Jan Rothörl. Wer bei ihm dreimal die Hausaufgaben vergisst, muss einen Kuchen backen - höchstpersönlich. "Ziemlich ehrgeizig" sei ihr Tutor Ostendorf auch, meinen Mert Altuk und Lewin Könemann aus der gleichen Klasse. "Wenn er sich was in den Kopf gesetzt hat, dann macht der das."

Er und ein Kollege sind nach Berlin mit ganzen 15 Schülern angereist, darunter zwölf Sechstklässler - doch mit dem Ostendorf'schen Ansatz funktioniert selbst das blendend: "Von den drei Älteren kümmert sich jeder um vier von den Kleinen, und mein Kollege schaut nach den Größeren." Gute Idee - aber was macht er dann selbst? Das haben ihn jedenfalls seine Schüler gefragt - "Ich habe gesagt: 'Wenn alle ihre Sache gut machen, kann ruhig der größte Trottel Chef sein.'"



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