Personalmangel Wie der Staat den Privatschulen die Lehrer abjagt

Verbeamtungen, Sonderzahlungen, höhere Gehälter: Wegen des Lehrermangels kämpfen die Länder untereinander um Pädagogen. Doch Privatschulen gehen dabei häufig leer aus - und fürchten nun um ihr Personal.
Englischunterricht (Symbolbild)

Englischunterricht (Symbolbild)

Foto: Portra/ Getty Images

In Deutschland fehlen Lehrer, viele Lehrer. Vor allem in Ostdeutschland ist der Mangel derart eklatant, dass einige Länder nun verschärft um Pädagogen kämpfen - und werben.

Das Bundesland Sachsen will zum Beispiel angehende Lehrer mit einer Gehaltszulage von 1000 Euro dazu bewegen, an Schulen im ländlichen Raum zu unterrichten. Mit maximal 2500 Euro brutto im Monat werden sie damit zu den bestbezahlten Referendaren in Deutschland gehören. Die Landesregierung will zudem einführen, dass Lehrer unter 42 Jahren verbeamtet werden.

In Sachsen-Anhalt erhalten Lehrer, die in dünn besiedelten Regionen unterrichten, Gehaltsaufschläge von 600 bis 800 Euro. Auch Berlin lockt mit Sonderprämien. Und in Brandenburg wird eine neue Gehaltsstufe für erfahrene Pädagogen eingeführt. Sie soll Lehrern monatlich bis zu 570 Euro mehr einbringen.

Allerdings: Pädagogen an Privatschulen sollen davon nicht profitieren. Der Lehrermangel, so fürchten viele, wird sie besonders hart treffen. In jüngerer Zeit hatten zwar die Landesverfassungsgerichte von Brandenburg und Sachsen klargestellt, dass der Gesetzgeber alle Schulen fair behandeln muss, woraufhin Potsdam die Lehrer an staatlichen und privaten Schulen tariflich auf eine Stufe stellte. Das soll nun aber offenbar nicht für die neue Gehaltsstufe gelten.

Die Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Freier Schulen in Brandenburg, Irene Petrovic-Wettstädt, hat ausgerechnet, was die Nichtbeachtung ihrer Schulen finanziell bedeutet: Den Freien Schulen fehlen dann 22 Millionen Euro, um ihre erfahrenen Lehrer genauso gut zu bezahlen wie die Staatsschulen. "Unsere Lehrkräfte lieben uns zwar", sagt die Leiterin des Campus Da Vinci in Nauen. "Aber ob sie das für 500 Euro weniger auch noch tun, bleibt die Frage."

"Der Staat muss beide Schularten gleich behandeln"

Die Zahl der Privatschulen steigt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts gab es im vergangenen Schuljahr bundesweit fast eine Million Privatschüler. Jeder elfte Schüler ging demnach auf eine private Bildungseinrichtung, Tendenz weiter steigend. Den Zahlen zufolge sind 14 Prozent der Schulen in privater Trägerschaft.

Vor allem im Osten der Republik sorgen einige von ihnen auch dafür, dass auf dem flachen Land Schüler nicht erst 20 Kilometer fahren müssen, um in die Schule zu kommen, wie eine Schulkarte  des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung zeigt.

Der Verband Deutscher Privatschulverbände hat den ehemaligen Bundesverfassungsrichter Udo di Fabio um ein Gutachten  gebeten. In diesem kritisiert di Fabio nun den Umgang mit Freien Schulen als "asymmetrischen Wettbewerb". Die Kultusminister benachteiligten Privatschulen demnach immer wieder - etwa durch Verbeamtungen, einseitige Gehaltserhöhungen oder Sonderzuschläge.

Wie sich Privatschulen finanzieren

Privatschulen selbst können nämlich nicht ohne Weiteres höhere Gehälter zahlen. Dafür ist ihre Finanzierung meistens zu wacklig. Die Kultusminister ersetzen Freien Schulen, je nach Bundesland, zwischen 60 und 80 Prozent ihrer Kosten. Neue Privatschulen müssen in der Regel drei Jahre warten, ehe sie Zuschüsse bekommen. Gleichzeitig schreibt das Grundgesetz vor, dass die Schulgelder nicht zu hoch sein dürfen - damit "eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird".

Das Schulgeld liegt in Deutschland im Schnitt zwischen 170 und 300 Euro monatlich, hat jüngst eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung ergeben. Baden-Württemberg hat die Gebühren an Privatschulen gerade auf maximal 160 Euro gedeckelt, auch Berlin will das Schulgeld per Gesetz festlegen.

Di Fabio sieht eine Infrastrukturverantwortung bei den Bundesländern, gerade in der Ausbildung von Lehrern. Der Staat trete in der Schulpolitik stets in einer Doppelrolle auf: Einerseits ist er selbst Schulträger, der Lehrer anstellt und Unterricht anbietet. Andererseits reguliert er die Bildungspolitik. "Der Staat muss dabei als ein gerechter Schiedsrichter auftreten, der beide Schularten absolut gleich behandelt", sagte di Fabio, heute Professor für Staatsrecht an der Universität Bonn. Das aber tue er regelmäßig nicht.

In Sachsen-Anhalt kündigte Bildungsminister Marco Tullner (CDU) jüngst an, die derzeit 200 Referendare des Landes nahtlos in den staatlichen Schuldienst aufzunehmen. Lehrern in ländlichen Regionen versprach er Sonderprämien. Von den privaten Schulen sagte Tullner kein Wort - sie sollen auch in Sachsen-Anhalt leer ausgehen. Andy Zimmer von der bilingualen Grundschule in Stendal findet diese Politik existenzgefährdend. "Bis jetzt haben wir unsere Lehrer durch unser spezielles Profil halten können", erzählt Zimmer. "Aber wenn der Staat um uns herum die Lehrergehälter um 600 bis 800 Euro anhebt, wird es eng."

1000 Euro mehr, netto

Ähnlich sieht es in Sachsen aus. Dort wird die Verbeamtung dafür sorgen, dass vor allem jüngere Lehrer in ländlichen Regionen zu staatlichen Schulen abwandern. "Wir zittern alle, was nächstes Jahr in unserem Lehrerzimmer los ist, wenn die Verbeamtungen beginnen", sagt Dagmar Mager, Sprecherin des Verbands der Privatschulen in Sachsen/Thüringen. Der Gehaltsunterschied liege bereits jetzt zum Teil bei 1000 Euro. Ein Schulleiter berichtet, wie er gerade eine Junglehrerin verloren hat. Die saß weinend in seinem Büro. Sie gehe nur, habe sie gesagt, weil sie nun 1000 Euro mehr verdiene - netto. Der Rektor will den Namen seiner Schule nicht nennen. "Wenn in der Zeitung steht, dass ich meine Lehrer nicht mehr halten kann, laufen mir auch noch die Eltern davon."

Irene Petrovic-Wettstädt ist der Meinung, dass sich die Ost-Bundesländer damit selbst schaden: "Wenn Brandenburg die Staatslehrer so viel besser bezahlt, wird das Land an manchen Orten seine Schulpflicht nicht mehr erfüllen können." Gerade in dünn besiedelten Regionen wie der Uckermark oder im Fläming seien Privatschulen essenziell.

Auf eine Anfrage vom SPIEGEL an Bildungsministerin Britta Ernst (SPD), warum die Freien Schulen den Gehaltsaufschlag nicht erhalten, antwortete ihr Sprecher: "Das Prinzip ist hier ein anderes. Wir finanzieren nicht separat die Gehälter der Lehrkräfte in Schulen in freier Trägerschaft. Wir unterstützen die Träger insgesamt, damit sie in die Lage versetzt werden, einen Schulbetrieb aufrecht zu erhalten. Die Träger sind frei zu entscheiden, wie sie die Betriebskostenzuschüsse für Personal- oder Sachkosten einsetzen." Es gebe allerdings einen Dissens über die Höhe des Zuschusses. "Hier sind Klagen vor Gericht anhängig." Die Ministerin selbst wollte sich dazu nicht äußern.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, der Sprecher von Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst habe die Anfrage lediglich mit den Worten beantwortet: "Die Ministerin äußert sich dazu nicht." Es ist richtig, dass Ernst sich nicht selbst dazu geäußert hat, ihr Sprecher allerdings schon. Wir haben die Passage ergänzt.

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