Privatvormundschaft für einen Flüchtling Djawad stellt Ansprüche

Madeleine Janssen hat eine Privatvormundschaft für den 17-jährigen Flüchtling Djawad aus Afghanistan übernommen. Er stellt Ansprüche, will aber auch etwas leisten. Ein Erfahrungsbericht.

Madeleine Janssen mit Djawad
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Madeleine Janssen mit Djawad


Djawad lehnt an der Backsteinwand des Einkaufszentrums, einen schöneren Hintergrund für sein Bewerbungsfoto habe ich auf die Schnelle nicht gefunden. Wir improvisieren, damit er sich um ein Schülerpraktikum bewerben kann. Professionelle Bilder vom Fotografen kann er sich nicht leisten. Hinterher denke ich beim Betrachten der Bilder: Hm, das Hemd hätte er aber noch weiter zuknöpfen können. Aber ich bin nicht Djawads Mutter. Ich bin sein Privatvormund.

Im August hat mich das Hamburger Familiengericht als Vormund für Djawad bestellt. Djawad Akram* ist ein minderjähriger Flüchtling, 17 Jahre alt, aus einer Stadt im Westen Afghanistans. Seit einem Jahr ist er in Hamburg. Er kam allein, seine Eltern hatten nicht genug Geld für eine Flucht der ganzen Familie. Mit der fünfjährigen Schwester harren sie in Iran aus.

Vor mir hatte Djawad einen Amtsvormund, aber den teilte er sich mit 40 anderen Jugendlichen. Mein neuer Titel klingt ein bisschen, als wäre ich jetzt sein Zugpferd. Vielleicht bin ich das auch, auf eine bestimmte Weise. Er sei "ein Guter", aber er brauche mehr Unterstützung, hat sein Betreuer mir im Frühjahr am Telefon gesagt, als er mich fragte, ob ich Djawad kennenlernen möchte.

Wer ist dieser junge Mann?

Bevor ich den Raum der Erstversorgungseinrichtung (EVE) betrete, weiß ich nur wenig über diesen jungen Mann. Name, Alter, Herkunft, das schon. Aber wer ist er? Was hat er in seinem Heimatland erlebt? Ist er traumatisiert?

Als er reinkommt, fallen mir seine großen, sanften Augen auf. Der Händedruck fest, die Kleidung und die Hände gepflegt. Aber er wirkt niedergeschlagen. Man hört Schritte aus dem steinernen Treppenhaus, die anderen Jugendlichen diskutieren laut. Privatsphäre? Die gibt es hier kaum. Deswegen steht schnell fest, wobei ich Djawad helfen soll: Wir suchen ein Zimmer für ihn. Einen Praktikumsplatz braucht er auch dringend, das wird Projekt Nummer zwei.

Madeleine Janssen hilft bei der Suche nach einem Zimmer
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Madeleine Janssen hilft bei der Suche nach einem Zimmer

Ich kann die Zweifler nicht mehr hören

Manche in meinem Umfeld säen Zweifel: Was die Privatvormundschaft bringe? Und sei nicht der Axt-Täter aus dem Würzburger Regionalzug ebenfalls ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling gewesen? Manch junger Mann fühlt sich zum "Islamischen Staat" hingezogen, weil ihm dort einfache Wahrheiten und 72 Jungfrauen versprochen werden. Aber so einer ist er nicht, denke ich. Ich kann diese Zweifler und Haderer nicht mehr hören.

Immer öfter legt Djawad sich mit den Betreuern in der EVE an, wirft ihnen vor, sie respektierten die Flüchtlinge nicht. Von den Betreuern höre ich, es sei nicht immer leicht, mit ihm umzugehen. Es ist schwer für mich, das alles zu beurteilen. Ich verstehe aber seinen Frust. Wir gehen zur Hamburger Lawaetz-Stiftung und informieren uns über das Projekt "Zimmer frei". Die Mitarbeiterin erklärt Djawad: Du bekommst ein eigenes Zimmer, aber die Familien möchten auch mal mit dir kochen oder etwas unternehmen. Djawad winkt ab. Er will sich nicht auf andere Leute einlassen, er will seine Ruhe. Ich bin frustriert: Ist denn nicht alles besser als länger in der EVE zu sein?

Wie wird man Privatvormund?
Institutionen
Am besten über eine Organisation wie den Deutschen Kinderschutzbund. Manche seiner Ortsverbände bieten ein Vormundschaftsprogramm an. Hier bekommt man eine sechsteilige Schulung rund um die deutsche Sozialgesetzgebung, ums Asylrecht und die praktische Jugendhilfe. Wenn es zwischendurch Fragen oder Probleme gibt, helfen die Sozialpädagogen.
Aufgaben
Der Vormund kümmert sich um die medizinische Versorgung des Mündels, um die Schulbildung, um das Wohlergehen in der Unterkunft und gegebenenfalls um einen Wohnungswechsel. Er unterzeichnet Schulzeugnisse und muss die Teilnahme etwa an einem Schwimmkurs gestatten. Finanzielle Verpflichtungen entstehen nicht. Hat das Mündel das 14. Lebensjahr erreicht, haftet man auch nicht für eventuelle Vergehen. Ein Vormund muss das Mündel nicht bei sich zu Hause aufnehmen. Es geht vor allem darum, eine moralische und psychologische Stütze zu sein. Einmal im Monat treffen sich die Vormünder beim Kinderschutzbund und tauschen sich aus. Wird der Jugendliche volljährig, erlischt auch die Vormundschaft.

Vor einem Jahr ist meine Tochter auf die Welt gekommen. Während sie noch in meinem Bauch vor sich hinstrampelte, herrschte der deutsche Flüchtlingssommer, der dieses Land in Lager spaltete: für Flüchtlinge oder dagegen? "Wir schaffen das" oder "Danke, Merkel!"? Ich wusste nicht, ob man "das schaffen" kann. Aber ich wollte mehr tun als am Bahnhof eine Tüte mit Windeln und Kuscheltieren abzugeben, ich wollte jemandem langfristig helfen. Irgendwann las ich von einer Frau, die eine Privatvormundschaft für ein Mädchen aus Eritrea übernommen hatte, für das Kind da war, es bei Behördengängen begleitete und prüfte, ob es sich gut entwickeln konnte. Das war genau meins.

Geht Djawad pünktlich zur Schule?

Ich rufe beim Fachdienst Flüchtlinge an und vereinbare mit der dortigen Jugendamtsmitarbeiterin einen Termin. Die Frau will herausfinden: Isst Djawad seine Vitamine? Geht er morgens pünktlich zur Schule? Wie muss das Jugendamt ihn unterstützen? Djawad nutzt das Gespräch vor allem, um über die EVE zu motzen. Dass er die Privatzimmer von "Zimmer frei" für sich ausgeschlossen hat, macht die Sache nicht besser. Ich sehe, wie der Mitarbeiterin die Kinnlade runterklappt, und bekomme ein flaues Gefühl im Magen. Es hätte auch gereicht, wenn er bekräftigt hätte, dass er mehr Zeit für sich braucht.

Dafür geht bei der Suche nach einem Praktikum auf einmal alles ganz schnell. Wir besuchen Ulrich Bohling, der als "Willkommenslotse" Flüchtlingen zu Praktikums- oder Ausbildungsplätzen verhilft. "Ich weiß nicht warum, aber bislang betreue ich nur zwölf Jugendliche", sagt er. Ein paar Fragen, und er weiß, dass Djawad sich für Zahnmedizin interessiert. "Vielleicht Zahntechniker?", bohrt Bohling nach. Djawad nickt, und Bohling kontaktiert verschiedene Praxen und Labors. Wir ersetzen das Handyfoto in seiner Bewerbung durch das Porträt vor der Backsteinwand und schreiben einen Lebenslauf. Damit stellt sich Djawad auch in der Zahnarztpraxis vor, in der er selbst schon eine Beißschiene bekommen hat. Treffer, Djawad kriegt den Platz! In den folgenden Wochen platzen der Zahnarzt und das Praxisteam vor Lob über Djawad und wollen ihn am liebsten behalten.

In seiner Lage können kleine Ansprüche schon zu viel sein

Auch die Frau vom Fachdienst Flüchtlinge meldet sich bald wieder, sie schlägt zwei betreute Wohnungen vor, endlich kommen wir vorwärts. Die erste ist ein Zimmer in einer 5er-WG, die andere eine Einzelwohnung. Djawad träumt von Letzterem - ich fände es schlauer, wenn er mehr Kontakt zu anderen hätte. Djawad sagt: "Frau Madeleine, ich verstehe, dass Sie für mich wie eine Mutter sind." Trotzdem habe ich Hemmungen, über seinen Kopf hinweg zu entscheiden, auch wenn ich es dürfte.

Er stellt Ansprüche, die manchem vielleicht sauer aufstoßen. Ich denke an das, was die Flüchtlinge angeblich vom Staat geschenkt kriegen - wenn man den Rechtspopulisten zuhört. Aber Djawad wünscht sich nichts Unmögliches. Keine Luxuswohnung im teuren Blankenese, sondern eine Einzimmerwohnung in den günstigeren Stadtteilen Harburg oder Wilhelmsburg. Gleichzeitig könnten diese Ansprüche in seiner Lage schon zu viel sein. Es gibt in Hamburg kaum Wohnraum für junge Flüchtlinge, die sozialpädagogisch betreut werden müssen. Djawad fragt, was passiert, wenn er die Wohnungen ablehnt. "Dann", sage ich, "sperrt dich die Frau vom Fachdienst Flüchtlinge und du bekommst acht Wochen lang keine neuen Vorschläge." Er nickt. In ein paar Tagen weiß ich, wie er sich entscheidet.

*Name geändert

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