Problemfach Mathe Vielleicht, vielleicht auch nicht

Mathe bleibt ein rätselhaftes Fach: So fällt es Grundschülern offenbar schwer, Wahrscheinlichkeiten richtig einzuschätzen. Viele Zweit- und Viertklässler scheiterten an der Frage, ob ein Ereignis unmöglich oder nur unwahrscheinlich ist. Doch auch in Klasse sechs fielen die Tests eher mäßig aus.

Zahltag: Die Wahl zwischen unmöglich und unwahrscheinlich fällt Grundschülern schwer
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Zahltag: Die Wahl zwischen unmöglich und unwahrscheinlich fällt Grundschülern schwer


Grundschulkinder haben offenbar große Schwierigkeiten, Wahrscheinlichkeiten und komplexe Matheaufgaben richtig zu beurteilen. Dies zeigt eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) und der Technischen Universität (TUM) in München. Dafür wurden die mathematischen Fähigkeiten von rund 160 Schülern aus den Klassen zwei, vier und sechs untersucht.

Um herauszufinden, wie erfolgreich Kinder Verständnis für wissenschaftliche Beweisführungen und Wahrscheinlichkeiten entwickeln, zeigten die Forscher den Kindern, wie Bäume auf zwei verschiedene Sorten Dünger reagierten: Mit Dünger aus einer blauen Packung wuchsen 24 Bäume gut, 12 gingen ein. Mit Dünger aus einer gelben Packung wuchsen drei Bäume gut, einer ging ein.

Die meisten Schüler hielten jedoch den Dünger aus der blauen Packung für besser. "Sogar viele Sechstklässler wählen die falsche Strategie und missachten die Proportionen", sagt TUM-Didaktikerin Professor Kristina Reiss. "Sie vergleichen stattdessen die Differenz aus 24 und 12 mit der Differenz aus 3 und 1. Deshalb kommen sie auf einen vermeintlich besseren Wert für den blauen Dünger."

Unmöglich oder unwahrscheinlich?

Nun ist Düngemitteleinsatz nicht gerade ein lebensnahes Beispiel für Grundschüler - wenn auch besser geeignet als etwa das Rechnen mit Kinderleichen, wie das im vergangenen Jahr ein japanischer Lehrer mit seinen Schüler versucht hatte. Im Alltag jedoch muss jeder Mensch immer wieder Wahrscheinlichkeiten einschätzen und Schlussfolgerungen aus wissenschaftlichen Ergebnissen ziehen - egal ob es um den Einsatz beim Lotto oder die Erfolgschancen medizinischer Therapien geht. Die Grundlagen für diese Fähigkeiten werden dabei schon in der Grundschule gelegt. Stochastik, die Vereinigung von Wahrscheinlichkeitstheorie und Statistik, wird an den meisten Schulen allerdings erst in der Oberstufe unterrichtet.

Aber schon zwischen unmöglich und unwahrscheinlich zu unterscheiden, fiel den Schülern schwer. Noch in der vierten Klasse halten es viele Kinder für unmöglich, aus einem Sack mit 99 blauen und einem roten Würfel den roten zu ziehen. "Den Kinder fehlen das Verständnis für Zufall und Wahrscheinlichkeit sowie Strategien, um Daten zu analysieren - obwohl sie in diesem Alter bereits ausgeprägte kognitive Kompetenzen entwickelt haben", sagt LMU-Entwicklungspsychologin Beate Sodian.

Beispielsweise verstehen schon Zweitklässler intuitiv, dass eine große Datenmenge aussagekräftiger ist als eine geringere. Die Wissenschaftler wollen nun solche Kompetenzen der Kinder identifizieren und darauf aufbauend Methoden entwickeln, wie das Wahrscheinlichkeitsverständnis im Unterricht gefördert werden kann.

jon

insgesamt 74 Beiträge
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Seite 1
ohno 05.07.2011
1. ~°+-_-+°~
Naja, selbst gestandenen Mathematikern fällt das nicht immer leicht. Nicht ohne Grund heißt es Geburtstags*paradox* und Ziegen*problem.* Und es gibt haufenweise Erwachsene, die es für unmöglich halten, dass zweimal hintereinander dieselben Lottozahlen ezogen werden können.
meinmein 05.07.2011
2. Meine Meinung
Zig-Millionen erwachsene Lottospiele beweisen jede Woche wieder, dass sie keinen blassen Schimmer von der Wahrscheinlichkeitsrechnung haben.
robert lemke, 05.07.2011
3. Man muss sich mal überlegen,
wieviele Leute an hohen Entscheidungspositionen sitzen, die keinerlei mathematisch- naturwissenschaftliche Ausbildung geschweige denn Denkweise haben, und deren Weltanschauung also ungefähr auf dem Niveau "blauer Dünger" ist.
dienstleister 05.07.2011
4. Längst bekannt
Zitat von sysopMathe bleibt ein rätselhaftes Fach:*So fällt es Grundschülern*offenbar schwer, Wahrscheinlichkeiten richtig einzuschätzen.*Viele Zweit- und Viertklässler scheiterten an der Frage, ob ein Ereignis unmöglich oder nur unwahrscheinlich ist. Doch auch in Klasse sechs fielen die Tests eher mäßig aus. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,772134,00.html
Würde man unsere Politiker zu solchen Tests verpflichten, dann sähen die Sechstklässler schon richtig gut aus. Zahlenblindheit und die Unfähigkeit zum Verstehen von Prozentzahlen oder Wahrscheinlichkeiten sind für die meisten Menschen normal. Lesen Sie mal die Arbeiten von Prof. Gigerenzer
cc_zero 05.07.2011
5. .
"Die meisten Schüler hielten jedoch den Dünger aus der blauen Packung für besser." Die Begründung steht drei Abschnitte tiefer: "Beispielsweise verstehen schon Zweitklässler intuitiv, dass eine große Datenmenge aussagekräftiger ist als eine geringere." Die haben diese Intuition einfach angewandt und sich deshalb für das sichere 2:1-Verhältnis mit einerm 36er Sample entschieden, statt für 3:1 mit einem winzigen 4er Sample. :P
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