Lehrerin über Problemschüler Wo Gustav mit Shisha zum Fußballturnier kommt

Schüler prügeln sich vor den Augen der Lehrer, andere rauchen auf dem Sportplatz Wasserpfeife: Eine Lehrerin erzählt, warum sie ihre Schüler trotzdem nicht aufgibt - und wie glücklich sie manchmal ist.

Alistair Berg / Getty Images

Sie ist 39 Jahre alt und arbeitet seit zehn Jahren als Lehrerin an einem Berufskolleg in Nordrhein-Westfalen. Dort erlebt sie einen herausfordernden, manchmal auch frustrierenden Schulalltag. Hier erzählt sie vom jährlichen Fußballturnier, das ihre Schule zum Schuljahresabschluss veranstaltet - und bei dem es um viel mehr geht als ums Gewinnen.

Wir dokumentieren diesen Text über den Lehreralltag, der ursprünglich aus einer Reihe von Tweets bestand, in einer gekürzten und überarbeiteten Fassung.

10 Uhr Treffpunkt Sportplatz: Ich biege um die Ecke auf den Parkplatz. Sofort sehe ich ein kleines Grüpplein von Schülern, die es sich auf Campingstühlen bequem gemacht haben. Der Kofferraum eines Autos steht offen. Ich lasse es mir nicht nehmen, direkt neben der Gruppe zu parken.

Dann sehe ich den Grund der Zusammenkunft. Zwei der fünf Menschen stehen an einer überdimensional großen Shisha und rauchen. Keiner der fünf Menschen hat Sportzeug dabei. Auf mein "Warum nicht?" wird entrüstet geantwortet mit: "Weil wir heute nur Shisha rauchen!"

Wir plaudern noch ein wenig über den Sinn dieser Veranstaltung und irgendwann gebe ich genervt auf. Gleichzeitig sage ich aber auch, dass ich es nicht okay finde, wenn sie den Tag auf dem Parkplatz verbrächten, schließlich sollten sie zumindest ihre Mitschüler anfeuern.

Ich ziehe weiter zum Sportplatz. Dort treffe ich auf einige sehr ambitionierte, bisher verkannte Fußballstars. Die Allgemeinheit erkennt sie an ihren Messi-Trikots. Es laufen also etwa 45 neongelbe Messis durch die Gegend.

10:30 Uhr: Langsam sind die meisten Schüler*innen (ein Mädchen, circa 80 Jungen) eingetrudelt. Fritz kommt humpelnd zu mir. Er fragt, ob ich ihm nicht gute Besserung wünschen möchte? Ich: "Würde ich tatsächlich. Aber ich stand gestern daneben, als du dein Humpeln ankündigtest!"

Er ist verdutzt. Wann das denn gewesen sein soll? "In meinem Unterricht" - das hilft ihm ein wenig auf die Sprünge. Ab da humpelt er noch sporadisch, kann aber auf keinen Fall mitspielen.

11:30 Uhr: Ich schaue auf die aktuelle Mannschaft, die da auf dem Platz steht, von den 16 Spielern kenne ich sechs nicht. Niemals gesehen. Ich frage die Kollegin. Sie kennt auch keinen davon. Wir warten das Spiel ab, und ich spreche die Fremden an. "Wer seid ihr?"

1. "Ich wollte auf die Schule und bin dann doch bei meinem Onkel arbeiten gegangen!"

2. "Ich bin der Cousin von Halil!"

3. "Ich bin Halils Nachbar!"

4. "Ich bin auch Halils Cousin!"

5. "Ich kenne Halils Cousin!"

6. haut ab

Ich frage Halil, was das hier soll. Der ist beleidigt, weil: Das sind halt gute Spieler und die aus seiner Klasse sind totale Graupen, und dann würden sie auf jeden Fall verlieren, ob ich das denn möchte? Ja, ehrlich gesagt, unter diesen Umstände: Ich will!

Chris kommt zu mir gerannt: "AUA! AUA! AUAAAA! Meine Schuhe sind viel zu klein!" Während ich noch mit den Augen rolle, kickt er seine Schuhe weg, rennt aufs Feld, tritt den Ball, schreit vor Schmerzen auf, humpelt "AUAAAAA!" kreischend zurück, und das war seine heutige Teilnahme.

Gustav, der Shisha-Besitzer, kommt auf den Platz. Mit der Shisha. Mein Kollege flippt aus und sagt: "Mit dem Teil hast du nichts auf dem Sportplatz zu suchen! Bring! Es! Weg!" Gustav wird stinksauer und brüllt irgendwas von unentspannt und Dreckskack.

Plötzlich höre ich meinen Namen: "Wenn du dir Sorgen machst, dann musst du der Frau Lehrerin das sagen!" Ich drehe mich um und frage, was los sei? Melvin berichtet mir, dass Julian sich um Ben sorgt, da dieser zur Autobahnbrücke gegangen sei, um nachzudenken.

Und Julian findet, zu Recht, dass es bessere Nachdenk-Orte gäbe als Autobahnbrücken. Ich blicke zur Brücke. Niemand zu sehen. Ich beschließe, erst mal abzuwarten. Drei Minuten später ist Ben da. Er isst einen frischen Döner. Ich zu Julian: "?!!?" Julian: "Vertan!"

Direkt vor den Tribünen parkt ein weißer, sehr getunter, sehr fetter Benz. Die Fensterscheiben gehen runter. Niemand steigt aus. Ich erkenne zwei bekannte Gesichter, die vor wenigen Minuten noch auf der Tribüne saßen. Ich besuche die beiden.

Freundlich erklärt mir Sascha, dass die Tribünenplätze deutlich weniger komfortabel seien als seine Autositze, weswegen er jetzt hier mit seinem Kumpel Isi sitzen bleibe. Ich stimme ihm zu, denn seine Autositze sehen wirklich deutlich komfortabler aus!

Währenddessen sehe ich aus dem Augenwinkel Gustav vorbeiflanieren. In der Hand eine etwas kleinere Shisha. "Die geht ja wohl!", brüllt er mich aggro an. "Die ist viel kleiner als die andere! Die geht!" Meine Antwort erquickt ihn nicht. Er zieht beleidigt von dannen.

Rod-Olaf zieht an mir vorbei. Er zieht Hassans Jacke über den Boden. Kleingeld fällt heraus. Er blickt dem Geld zwar hinterher, sieht aber keinen Grund, es aufzuheben. "Hebst du das Geld deines Mitschülers bitte auf?" - "Später!" Sagt's und geht. Rod-Olaf geht nach Hause.

Zurück auf dem Platz rennen zwei Jungs hintereinander her. Als der eine den anderen eingeholt hat, haut der ihm so richtig krass auf die Zwölf. Der andere wehrt sich mit Kickbox-Moves und trifft. Sofort versammeln sich mehrere Menschen. Ich rufe einen Kollegen zu Hilfe.

Dieser rupft die Streithähne unsanft auseinander und klärt die Sache "unter Männern". Fakt ist: Aus anfänglich spaßigen Nackenklatschern wurde Ernst. Ernst wurde keine drei Jahre alt, sondern eskalierte zum handfesten Gekloppe. Aber hinterher geben sie sich die Hand.

14:00 Uhr: Endspiel.

14:15 Uhr: Der mit Süßigkeiten gefüllte Wanderpokal wird geplündert. Ich mache Siegerfotos und zwar mit der Klasse, an der mein Herzblut immer ein wenig mehr hängt, eben weil sie so schwierig sind. Heute Morgen habe ich gesagt: "Ihr holt das Ding!"

Nach jedem gewonnen Spiel sagte ich: "Habe ich doch gesagt: Ihr holt das Ding!" Und sie haben es geholt. Das Ding. Und kamen mit ihren Süßigkeiten auf mich zugelaufen: "Hier, Frau Lehrerin, Sie können die alle haben! Sie haben uns so laut angefeuert und an uns geglaubt!"

Und dann war ich das erste Mal an diesem sehr anstrengenden Tag einfach total beseelt davon, dass das jetzt der ziemlich schönste Schuljahresabschluss ist, der es nur sein könnte.

Ich habe an sie geglaubt.

Sie haben es gemerkt.

Und heute gewonnen.

Cool, ne?

lmd

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