Profi-Simserin Mäuse machen mit Bussi-SMS

Maria simst andere in den Ruin: Die 20-Jährige jobbt bei einer SMS-Agentur und chattet jeden Abend unter zehn Pseudonymen gleichzeitig. Ihre Mission: Fleißig Fragen stellen und auch mal schmutzige Texte schreiben.


Ein Kästchen blinkt auf dem PC-Bildschirm. Nils*, 23, aus Meiningen sendet eine Nachricht. Er fragt: "Hey Maus, was machst du gerade?" und muss nicht lange auf eine Antwort warten. "Ich liege gerade im Bett und träume von dir. Küsschen Nina", schreibt Nina zurück. Dieselbe Nina, die an Michael, 17, aus Frankfurt Nachrichten als "Connie" schickt und sich für Steffen, 28, aus Esslingen "Nicole" nennt.

Werbung für SMS-Flirt: Zum Monatsende ist niemand mehr erreichbar

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Hinter den falschen Textmitteilungen steckt Maria. Sie arbeitet für eine SMS-Chatagentur. Vor einem Jahr meldete sie sich auf eine Anzeige  im Wochenblatt: "SMS-Chatmoderatoren gesucht". Jetzt ist es früher Abend, 18 Uhr 35, und die Kopfzeile ihrer Online-Plattform sagt Maria, dass "zehn weitere Sessions warten", die die 20-Jährige noch beantworten muss.

Maria arbeitet von zuhause, auf ihrem Schreibtisch dampft eine Tasse Tee. Es sieht fast so aus, als würde sie an einem Aufsatz für die Schule sitzen. Doch Marias Mission lautet: Immer fleißig Fragen stellen und auch mal schmutzige Texte schreiben. Von Flirtstimmung keine Spur. "Es geht darum, die Kerle bei der Stange zu halten", sagt sie.

Die Kunden von Rügen bis Freiburg sind neugierig, vergnügungswütig oder einfach nur einsam. Vor allem aber haben die meisten keine Ahnung, mit wem sie es wirklich zu tun haben. Besonders Jugendliche fallen auf Handychatagenturen rein.

Jeder Wunsch wird mit Bildern bedient

Wenn es in Viva- oder MTV-Werbepausen heißt: "Allein vorm Fernseher? Hier wartet dein Flirt auf dich. Schicke eine SMS mit dem Kennwort 'Flirt 1' an...", greift mancher ahnungslos zum Handy. Doch die Rechnung am Ende des Monats tut dann ganz schön weh. Zu einem Date mit Mr. X oder Mrs. Y kommt es bis dahin natürlich nicht. Verdächtigerweise sind diese am Monatsende plötzlich wie vom Erdboden verschluckt; die Nummer bei weiteren Kontaktversuchen scheinbar ungültig.

Was ist, wenn sich ein Verliebter mit seinem Flirt treffen möchte? "Vereinbarte Dates werden grundsätzlich einen Tag vorher abgesagt", gesteht Pseudoflirterin Maria. Das ist eine der vielen Strategien und Mittel im Flirt-Chat. Kühle Berechnung ist außerdem, dass die Flirtpartnerinnen stets zu derselben Altersgruppe des Kunden zählen und scheinbar niemals mehr als 40 Kilometer entfernt vom Wohnort desselben leben. "Das ist wie Leckerlis hinhalten", schildert Maria. Dabei hilft ihr zum Beispiel die Online-Landkarte mit Suchmaschine, die jedem Mitarbeiter zur schnellen Ortsuche zur Verfügung steht.

Maria kann im Netzwerk zwischen Ordnern wählen, in denen sie Fotos aller Kategorien findet, die sie dem Kunden als vermeintliches Porträt schicken kann: von harmlosen Passfotos (etwa für Jugendliche) über sexy Dessous bis zu Bildern, auf denen die Kunden auf Wunsch per MMS mit Obszönitäten beliefert werden. Es gibt fast keine Tabus. Da grenzt es schon an Wunder, wenn überhaupt die Bemühung angestellt wird, das Jugendschutzgesetz einzuhalten. Nur Mitteilungen, die Sex mit Tieren und rassistische Äußerungen enthalten, sind verboten.

Kaum ein Simser kennt die Preise

"Jede SMS zählt", sagt Maria. Mit jeder verschickten SMS verdient sie 17 Cent. Normalerweise kostet eine Textmitteilung vom Handy etwa 19 Cent, doch bei Flirtagenturen klettert der Preis einer Nachricht an die vermeintliche Bekanntschaft auf das zehn- bis zwanzigfache. Dass das kaum jemand weiß, nutzen die Anbieter aus. Den Kunden kostet jede von ihm verschickte SMS 1,99 Euro, davon geht die eine Hälfte an die Chatagentur, die andere Hälfte an den Netzanbieter.

Trotz des 2004 verabschiedeten Preistransparenzgebots, welches im Telekommunikationsgesetz verankert ist, fehlen bei den Anbietern häufig Angaben über die zu erwartenden Kosten. Als "technisches Problem" wurde dieses in einem PlusMinus-Interview von der Chefin einer solchen Agentur abgetan. Die Zielgruppe der Flirtlines ist häufig noch ziemlich jung und die Kurzmitteilung die beliebteste Kommunikationsform unter Jugendlichen. Laut Branchenverband VATM wurden 2004 insgesamt fast 23 Milliarden SMS in Deutschland versandt - mehr als in allen anderen europäischen Ländern.

Auf diesem Gebiet lohnt es sich also Geschäfte zu machen. Es wundert daher nicht, dass sich sechs Prozent der 13- bis 17-Jährigen im Jahr 2004 verschuldeten, bei den 18- bis 20-Jährigen bereits 13 Prozent. Dabei stieg vor allem der Anteil der Jugendlichen, die für die Telefonrechnung Schulden machen.

Jeden Abend arbeiten bundesweit etwa 50 Angestellte für die Flirtagentur. Damit keiner der parallel tippenden Mitarbeiter den Überblick über Kunden und die dazu gedichteten Identitäten etwaiger "Flirtpartnerinnen" verliert, öffnen sich bei jedem Kunden  zwei Masken. Hier finden sich alle bereits gesendeten Informationen sortiert wieder. Auch ein Fenster mit dem bisherigen Gesprächsverlauf erscheint. So bekommt der unwissende Kunde nichts davon mit, dass ein Flirtagent Feierabend macht und durch einen anderen ersetzt wird.

"Top! Heute ist ein guter Tag", lobt Maria sich selbst, als sie ihre Stundenstatistik aufruft. "Heute habe ich im Schnitt 80 SMS pro Stunde verschickt." Dabei hat sie durchschnittlich 45 Antworten erhalten. Ihr Rekord liegt bei 113 SMS in der Stunde. "Nina" gibt Nils übers Handy noch ein "Gutenachtküsschen", "Connie" sendet Michael einen letzten barbusigen MMS-Gruß aus dem Fotoordner und "Nicole" gesteht Steffen noch ein vorerst letztes Mal, wie sehr sie ihn vermisst. Computer runterfahren. Feierabend für Maria.

Autorin Jennifer Nausch ist 20 Jahre alt, studiert Germanistik und Politik in Hamburg und schreibt für das Jugendmagazin "Freihafen".

*alle Namen geändert



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