Prozessmarathon bibeltreuer Eltern Geldstrafe für christliche Schulboykotteure

Seit fünf Jahren weigert sich ein strenggläubiges Elternpaar aus Hessen, seine neun Kinder zur Schule zu schicken. Nun verhängte ein Gericht wieder einmal eine Geldstrafe gegen die bibeltreuen Christen – einlenken werden sie deshalb wohl kaum.

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Michael und Sigrid Bauer standen schon viele Male vor Gericht. Jetzt haben die bibeltreuen Eheleute abermals einen Prozess verloren: Das Amtsgericht Alsfeld verhängte eine Geldstrafe von 2000 Euro gegen das Paar aus Hessen, das sich weigert, seine schulpflichtigen Kinder zur Schule zu schicken, und sie selbst zu Hause unterrichtet. Das Gericht blieb damit deutlich unter den Forderungen der Staatsanwaltschaft, die sogar eine Freiheitsstrafe verlangt hatte.

Großfamilie Bauer (vor dem Landgericht Gießen 2003): Schulpflicht ist auch Schulrecht.
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Großfamilie Bauer (vor dem Landgericht Gießen 2003): Schulpflicht ist auch Schulrecht.

Die Bauers haben mittlerweile Routine darin, sich zu rechtfertigen, denn sie verbieten ihren neun Kindern schon seit fünf Jahren den Schulunterricht. Vater Michael Bauer, 41, lehnt staatliche Schulen generell ab und hält manche Lehrinhalte schlicht für Teufelszeug. Christliche Erziehungsgrundsätze wie Schamhaftigkeit und Gehorsam gegenüber den Eltern würden von öffentlichen Schulen "unterwandert", glaubt der Familienvater: "Das durchzieht das ganze Schulsystem."

Im Juni 2001 hatten die Angeklagten drei Töchter und zwei Söhne von deren Schulen abgemeldet und angekündigt, die Kinder fortan selbst unterrichten zu wollen. Für das hessische Kultusministerium war die Sache klar: Die Schulpflicht gilt für alle Kinder und Jugendlichen, Heimunterricht ist in Deutschland nicht zulässig. Deshalb stellte das staatliche Schulamt im Oktober 2001 Strafantrag gegen die Eltern.

Doch in erster Instanz entschied das Amtsgericht Alsfeld überraschend anders. Der Richter konstatierte eine "Pflichtenkollision" zwischen gesetzlicher Schulpflicht einerseits und starkem Glauben andererseits und billigte das "Homeschooling". Die Staatsanwaltschaft legte Berufung ein und bekam vom Amtsgericht Gießen im November 2003 Recht: Heimunterricht könne die Schulpflicht nicht aufheben, hieß es in der Begründung der Richter. Dieses Urteil wurde auch in nächster Instanz vom Oberlandesgericht Frankfurt im Juli 2004 bestätigt.

Jeden Tag fünf Stunden Unterricht

Wirkung zeigte der Prozessmarathon indes nicht: Ihre nächste ins schulpflichtige Alter kommende Tochter – inzwischen ist sie neun Jahre alt – wurde gar nicht erst eingeschult. Deswegen kam es nun zum erneuten Verfahren.

Vater Michael Bauer, gelernter Automechaniker, stört sich besonders an der "unkritischen und ausschließlichen" Weitergabe der Evolutionstheorie. Denn sie selbst legen die Bibel wörtlich aus. "Unsere Kinder sollen lernen, dass Gott die Welt erschaffen hat, wie es in der Bibel steht - ohne Ausflüchte", sagt Bauer. Die Schule indes weise auf die christliche Schöpfungsgeschichte nicht einmal hin.

Ein Dorn im Auge ist den Bauers, die einer kleinen evangelisch-reformatorischen Gemeinde in Gießen angehören, auch die angeblich "ständige Konfrontation" von Schülern mit dem Thema Sexualität. Außerdem sind sie der Ansicht, dass ihre Autorität durch den Schulunterricht untergraben werde.

Die Hausfrau Sigrid Bauer, 38, unterrichtet die schulpflichtigen Kinder jeden Vormittag fünf Stunden lang im alten Bauernhaus der Familie, in einem kleinen Klassenraum mit Bänken und Stühlen. Lehrbücher erhält sie von der nicht anerkannten Philadelphia-Schule in Siegen (Nordrhein-Westfalen), die nach dem US-Vorbild eines christlichen Unterrichts in eigenen vier Wänden arbeitet.

Doch für die deutsche Schulpflicht ist nicht nur entscheidend, ob Kinder überhaupt unterrichtet werden, sondern auch wo und von wem. Zudem soll Schule nicht allein für alle Schüler verbindliche Lerninhalte wie das kleine Einmaleins oder korrekte Rechtschreibung vermitteln. Auch soziales Lernen spielt zum Beispiel eine Rolle, der Umgang mit Konflikten, religiöse und politische Toleranz, die Befähigung zu selbstständigen Entscheidungen - und Allgemeinbildung. Dass ein Staat für annähernd gerechte Chancen beim Start in eine spätere Ausbildung, ein Studium oder in den Beruf sorgen muss, zählt ebenfalls zum demokratischen Grundkonsens.

Ohnmacht der Gerichte

Die Bauers zeigten während der vergangenen Prozesse keinerlei Bereitschaft, ihren Kurs zu ändern. Nach der Entscheidung im Gießener Prozess um die Schulpflicht einer anderen Tochter kündigten sie schon vor Jahren an, "auf keinen Fall" ihre Kinder wieder in öffentlichen Schulen anzumelden, denn es gebe für sie "nichts Besseres, als zu Hause unterrichtet zu werden", so Michael Bauer.

Die Schulpflicht gegen beträchtlichen Widerstand von Fundamentalisten durchzusetzen, ist für Gerichte eine schwierige Aufgabe. Bundesweit gibt es einige Dutzend Fälle von strenggläubigen Eltern, die für Hausunterricht vor Gericht ziehen. Zu ähnlichen Prozessen kam es auch in Paderborn, wo sieben baptistische Ehepaare mit den Gerichten um den Sexualkundeunterricht stritten, und in Bayern, wo die fundamentalchristliche Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme" ihre Kinder selbst unterrichten wollte.

Die Bußgelder können bei starrsinnigen Eltern wenig ausrichten: Gegen die "Zwölf Stämme" wurden insgesamt rund 150.000 Euro Buß- und Strafgelder erhoben – niemand hat sie je bezahlt. Im März hat das zuständige Verwaltungsgericht in Hamburg einem strenggläubigen Vater eine Woche Gefängnis aufgebrummt. Ermahnungen und Bußgelder hatten die Eltern nicht umstimmen können, die ihre drei Töchter seit vier Jahren nicht zur Schule schickten. Sie hatten ihren Kindern auch andere soziale Kontakte, die über den sonntäglichen Kirchenbesuch hinausgingen, verboten. Doch auch mit Beugehaft können die Gerichte die Schulpflicht schwer durchsetzen.

Die Bauers haben gegen die Urteile inzwischen sogar eine Verfassungsbeschwerde eingelegt. Eine Entscheidung darüber ist in absehbarer Zeit allerdings nicht zu erwarten.

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