Prüfungswiederholung Berliner Eltern wollen gegen Mathe-Test klagen

In Berlin müssen 28.000 Zehntklässler eine zentrale Mathe-Arbeit neu schreiben. Der Grund: Viele Schüler kannten die Aufgabe schon vorher. Doch jetzt formiert sich Widerstand von Schülern, Lehrern, Eltern - sie wollen an der ersten, einfachen Klausur festhalten.


Berlin - Das Prüfungschaos an deutschen Schulen nimmt kein Ende. Erst gerät Nordrhein-Westfalen in die Schlagzeilen, weil Abituraufgaben dort zu schwer waren. Und jetzt bekommt auch noch das Land Berlin Ärger. In der Hauptstadt ist die Lage allerdings etwas anders: Hier war der gestellte Test nicht zu schwer - sondern zu leicht.

Prüfung: Die Schüler wollen, dass die Ergebnisse der - quasi geschenkten - Klausur auf jeden Fall zählen
DPA

Prüfung: Die Schüler wollen, dass die Ergebnisse der - quasi geschenkten - Klausur auf jeden Fall zählen

Um genau zu sein: Viele Schüler kannten die Aufgabe schon vorher. Nach SPIEGEL-Informationen waren die Aufgaben nicht versiegelt, sondern nur mit Klebeband verschlossen gewesen. In einigen Fällen lagen die Testbögen offen in den Schulsekretariaten herum.

Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) hat deshalb eine Wiederholung der Prüfung angeordnet. Angesetzt ist der Test für den 23. Juni. Auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (ebenfalls SPD) steht hinter der Entscheidung - nicht aber Eltern, Schüler und Lehrer.

Laut "Tagesspiegel" will der Landeselternausschuss klagen: "Wir haben drei Anwälte drangesetzt", sagt Elternsprecher André Schindler. "Es gibt immer Möglichkeiten". Dem SPIEGEL sagte Schindler, dass nur wenige Schüler gemogelt hätten. Deshalb wollten die anderen "keine Kollektivschuld hinnehmen".

Auch die Schüler selbst wollen ihrem Unmut Luft machen. Sie planen für Montag um 11 Uhr vor dem Roten Rathaus eine Demonstration gegen die Wiederholung der Prüfung. Ihr Ziel: Die Ergebnisse der - quasi geschenkten - Klausur sollen auf jeden Fall zählen.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) will die Entscheidung des Bildungssenators ebenfalls nicht hinnehmen. Der Beschluss stelle "die Schulen vor große organisatorische Schwierigkeiten, führt zu erneutem Unterrichtsausfall, bestraft die Ehrlichen und wird einen Rattenschwanz von juristischen Auseinandersetzungen nach sich ziehen", sagt GEW-Chefin Rose-Marie Seggelke laut "Tagesspiegel". Ihre Gewerkschaft habe "großes Verständnis, wenn Eltern auf dem juristischen Weg die Anerkennung der jetzt erbrachten Leistungen ihrer Kinder durchsetzen wollen".

Bildungssenator Zöllner sieht indes keinerlei Handlungsspielraum. Sein Sprecher verweist auf den Grundsatz der Gleichbehandlung: Der verbiete es, eine zentrale Prüfung zu werten, bei der eine große Zahl von Schülern die Aufgaben schon vorher kannte. Die anderen Schüler seien dadurch klar benachteiligt.

Dem Zeitungsbericht zufolge gehen aber auch bei den Schülern die Meinungen auseinander. Gute Schüler, die den Mittleren Schulabschluss ohnehin schon in der Tasche haben, berichten, die Mathematik-Klausur sei extrem einfach gewesen, deshalb sei es "kein Beinbruch", sich nochmals für zwei Stunden an neue Aufgaben zu setzen. Verzweifelt sind hingegen viele schwache Schüler. Bei ihnen hängt vom Gelingen der Mathematikklausur mit ab, ob sie über den Hauptschulabschluss hinauskommen.

Berliner Direktoren widersprachen dem Vorwurf, beim ersten Test seien die Klausuren nicht versiegelt gewesen. "Die Klausuren waren im Umschlag mit Klebeband und Siegel", sagte Wolfgang Harnischfeger von der Vereinigung Berliner Schuldirektoren.

wal



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Seite 1
anin, 14.04.2008
1.
Zitat von sysopFünf Bundesländer wollen einheitliche Abiturprüfungen in Deutsch und Mathe einführen: Fortschritt oder Rückschritt für die Schulbildung?
Das Zentralabitur ist der erste Schritt hin zu einem einfachen "multiple choice test". Eine bundeseinheitliche Prüfung bei zugleich hohem Niveau läßt sich gar nicht durchhalten. Damit ist das Ende der "abgangsbezogenen" Prüfungen in Deutschland eingeleutet. Zukünfig wird nur noch "eingangsseitig" z.B. in den Universitäten geprüft werden. Nach Bachelor und Master wieder ein konsequenter Schritt zur "Demontage" unserer Gymnasialausbildung und der Entmündigung der dort Lehrenden.
Severine1985, 14.04.2008
2. Kein Fortschritt
Zitat von sysopFünf Bundesländer wollen einheitliche Abiturprüfungen in Deutsch und Mathe einführen: Fortschritt oder Rückschritt für die Schulbildung?
Ich denke nicht, daß es sich da um einen Fortschritt handelt. Außerdem dürften die Lehrpläne der einzelnen Bundesländer noch immer ziemlich voneinander abweichen. Vermutlich wird man sich da also auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen, und wie soll damit ein hohes Niveau gehalten oder erreicht werden?
Peter-Freimann 14.04.2008
3.
Zitat von sysopFünf Bundesländer wollen einheitliche Abiturprüfungen in Deutsch und Mathe einführen: Fortschritt oder Rückschritt für die Schulbildung?
Zentralabitur ja, aber man sollte den Maßstab schon so anlegen, dass die Bildungspolitik fortschrittlicher Bundesländer wie Bremen, Hamburg, NRW oder Berlin zugrundegelegt wird. A: Deutschabitur: wie war die Zeit von 33-45 für Deutschland a) irgendwie nicht so prickelnd b) teils-teils, immerhin wurden Autobahnen gebaut Erörtere das Thema! B) Mathematik: ein/e MaurerIn arbeitetet acht Stunden und fügt in einer Stunde zwanzig Steine aufeinander. Wieviele MaurerInnen sind an der Baustelle beschäftigt? Gebe die Lösungsmenge an, suche Dir ein/e Schüler/in aus einer anderen Ethnie und diskutiere mit ihr/ihm das Ergebnis.
freeopinion 14.04.2008
4. Wenigstens ein Anfang!
Nachdem ich meine eigene und die Schulzeit meines Sohnes nicht wegen, sondern trotz der jeweiligen KultusministerInnen überstanden habe, kann ich es eigentlich kaum fassen, dass in diesem Bereich die Vernunft greifen könnte. Dass tatsächlich fünf Bundesländer einheitliche Abiprüfungen in zwei Fächern einführen wollen, führt allerdings auch zu der Frage: Geht es nur in Mathe und Deutsch und wenn ja, warum? Aber auch dieser zaghafte Schritt in die richtige Richtung sollte nicht davon ablenken, dass mindestens genauso dringend der generelle Systemfehler im Bildungswesen behoben werden muss. Und der liegt darin, dass sich bei uns Lehrer wie Hochschullehrer im geschützten Biotop statt im Wettbewerb befinden. Solange deren Engagement, Wissensvermittlungs- und soziale Kompetenz ihren Arbeitgebern egal sind, wenn nur der Stellenschlüssel stimmt (oder auch nicht), werden wir hier weiterhin Professoren haben, die 20 Jahre alte Skripte austeilen, und Gymnasiallehrer, die sich für die Gartenarbeit besser anziehen als für den Unterricht...
Emmi 14.04.2008
5.
Zitat von sysopFünf Bundesländer wollen einheitliche Abiturprüfungen in Deutsch und Mathe einführen: Fortschritt oder Rückschritt für die Schulbildung?
Einheitliche Prüfungen machen nur Sinn bei einem einheitlichen Lehrplan und gleichen Voraussetzungen. Das soll kein Plädoyer gegen das Zentralabitur sondern gegen die Kleinstaaterei im Bildungswesen sein. Emmi
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