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01. Januar 2006, 10:42 Uhr

Qualmfreie Schulen

Aus für die Raucherecken

Nach und nach verhängen die Bundesländer das totale Rauchverbot auf Schulgeländen. Schüler verziehen sich in der Pause einfach auf die Straße, renitente Lehrer protestieren schon mal lauter - in Schleswig-Holstein kippten sie sogar das Gesetz.

Etwa 70 Prozent haben schon mal zur Zigarette gegriffen, jeder fünfte Schüler raucht täglich. Darüber freut sich die neue Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing (SPD), schließlich ist das eine Erfolgsmeldung. Denn damit rauchen acht Prozent Schüler weniger als noch vor fünf Jahren, sagte Bätzing.

 In der Raucherecke: Verbote verlagern bloß die Qualmerei
DPA

In der Raucherecke: Verbote verlagern bloß die Qualmerei

Den Trend will Bätzing nun festigen: Weder Oberstufenschüler noch Lehrer oder Eltern sollen sich künftig auf Schulgeländen Zigaretten anzünden dürfen. Nachdem in Berlin und Hessen bereits das totale Rauchverbot herrscht, werden viele weitere Bundesländer nachziehen.

Bislang entschied die Schulkonferenz jeder einzelnen Schule, ob und wo geraucht werden darf. Ausgeschlossen waren in jedem Fall Unterrichtsräume, Flure, Toiletten, Treppenhäuser und Pausenhallen. An Schulen mit raucherfreundlichem Kollegium wurden Raucherecken eingerichtet und Schüler ab 16 Jahren mit ihren Kippen dorthin verfrachtet.

Wer trotzdem raucht, muss putzen

Auch das wird nun zunehmend untersagt. In Hamburg, wo Schüler im Schnitt mit 12,8 Jahren ihre ersten Zigarette anzünden, herrscht seit August Rauchverbot auf allen Schulgeländen. In Niedersachsen ist zum Schuljahresbeginn ebenfalls ein "Rauchererlass" in Kraft getreten, der Rauchen und Alkohol auf dem Schulgelände untersagt - und auch bei Schulveranstaltungen außerhalb der Schule. Bremen und Bayern wollen zum nächsten Schuljahr ein Rauchverbot einführen.

Lässt sich ein Hamburger Schüler trotzdem mit Kippe auf dem Schulgelände erwischen, wird er ermahnt. Passiert das noch einmal, sind auch schriftliche Verweise an die Eltern möglich oder Strafarbeiten zum Thema "Rauchen auf dem Schulhof". Hessische Schüler mussten bei besonderer Hartnäckigkeit auch schon mal den Schulhof kehren.

Das Problem der Verbote: Wer in der Schule nicht mehr rauchen darf, tut es eben davor. In Hessen, wo ebenfalls generelles Rauchverbot an Schulen herrscht, zeigen die Gesetze keine große Wirkung - schließlich haben Lehrer vor den Schultoren keine Handhabe mehr. Weil sich Anwohner über die rauchenden Schüler auf den Straßen schimpften, sahen sich viele Städte sogar gezwungen, Aschenbecher vor den Schulen zu montieren.

Auch in Hamburg häufen sich seit August die Beschwerden von Anwohnern. Rund um die Gesamtschule Harburg patrouillieren deswegen Ein-Euro-Jobber in den Pausen und fordern Schüler und Lehrer auf, Kippen und Müll zu beseitigen. Zusätzlich will die Hamburger Bildungsbehörde kettenrauchende Lehrer und Schüler in Entwöhnungskursen vom Nikotin wegbringen.

Auch die Lehrer protestieren

Auch in Schleswig-Holstein versuchte sich Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD) bereits an einer Verbannung der Zigarette. Dort scheiterte das Rauchverbot allerdings nicht an der Uneinsichtigkeit der Schüler, sondern an rebellischen Lehrern. Deren Hauptpersonalrat hat einen entsprechenden Erlass im Oktober vorerst gestoppt. Weil das Verbot auch für Klassenfahrten gelten sollte, werde die im Grundgesetz verbürgte "freie Entfaltung der Persönlichkeit" über die Dienstzeit hinaus eingeschränkt, beschwerten sich die Lehrer. Im nächsten Jahr soll ein neues Rauchergesetz mit einer langen Liste von Ausnahmen beschlossen werden.

In Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz soll es zwar zukünftig Rauchverbote geben, doch man beugt sich dem Mehrheitswillen und akzeptiert auch Ausnahmeregelungen. Bei volljährigen Schülern stoße das Rauchverbot häufig nicht auf Akzeptanz, begründen die Ministerien ihre Toleranz. Um zu verhindern, dass Schüler und Lehrer einfach außerhalb des Schulgeländes rauchten, setze man auf freiwillige Lösungen, so die zuständigen Ministerien. Im Klartext: Es bleibt den Schulen überlassen, ob sie das Rauchverbot durchsetzen.

In Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Thüringen lehnt man gesetzliche Verbote schlichtweg ab, Sachsen erwägt frühestens für Sommer 2007 ein Rauchverbot. In Brandenburg ist das Rauchen an den Schulen seit diesem Sommer verboten. Berlin hatte bereits 2004 als erstes Bundesland gehandelt.

Laut der Schulgesetze kann das Rauchen von Schülern grundsätzlich nur an Gymnasien und Berufschulen geduldet werden - und auch nur dann, wenn die Gesamtlehrer- und Schulkonferenz das jeweils jährlich neu beschließt. Die gesetzliche Regelung besagt außerdem, dass Gymnasiasten in ausgewiesenen Raucherzonen erst von Klassenstufe elf an Zigaretten konsumieren dürfen.

Nikotinpflaster in England

Wichtig bei der Suchtprävention unter Jugendlichen sei ein "verantwortungsvolles Verhalten der Eltern", mahnte Bätzing. Die 30-jährige SPD-Politikerin betonte: "Wenn die eigenen Kinder zur Zigarette greifen, dürfen Eltern weder wegschauen noch mit drakonischen Strafen oder Gewalt überreagieren."

Derweil greift man in England schon mal zu rigideren Methoden. Die Gemeinde Derwentside wusste offenbar keinen besseren Ausweg, als rauchenden Schülern kurzerhand Nikotinpflaster zu verpassen. Mit dem Projekt will die Gemeinde das Rauchen unter Jugendlichen eindämmen und frühzeitig einer Nikotinsucht entgegenwirken.

Nach Angaben des britischen Gesundheitsministeriums rauchen neun Prozent der britischen Jugendlichen im Alter zwischen elf und fünfzehn Jahren. Ein Pilotversuch an einer Schule in Derwentside zeigte schon Erfolg: Die Hälfte der mit Pflastern behandelten Schüler soll mit dem Rauchen aufgehört haben.

Von Carola Padtberg

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