Ganz harte Schule "Deine Mudda is ne Schlampe"

Kinder, schreibt im Deutschunterricht einen Gangsta-Rap! Was für Neuntklässler eine motivierende Aufgabe ist, bringt unsere Kolumnistin Andrea Müller als Mutter ins Grübeln.

Getty Images

Neunte Klasse, Deutschunterricht. Da ist es schon bemerkenswert, wenn es eine Hausaufgabe gibt, die Caspar postwendend und mit ungewohntem Eifer erledigt. Aus dem übergeordneten Themenbereich "Poetry-Slam" wählte er das Thema "Gangsta-Rap" - zusammen mit den üblichen Verdächtigen aus seiner Klasse.

Die Schüler bildeten dafür Zweiergrüppchen und sollten den selbst gereimten Rap in Hip-Hop-Manier vor der Klasse vorführen. Klar, dass ihn so eine Aufgabe ziemlich motiviert.

Und noch etwas, sagt Caspar, sei wichtig: Die Klassenlehrerin habe ausdrücklich betont,

  • dass es sich um eine Kunstform handle,
  • dass jedwede Grenzüberschreitung erlaubt sei und
  • dass deshalb auch keine Aussage als persönliche Beleidigung aufgefasst werden könne, eventuell also auch Gewaltverherrlichung oder frauenverachtende Texte inklusive Beleidigung der jeweiligen Mutter.

Dabei hatte ich irgendwie ein ungutes Gefühl. Wie es in den Wald schallt... irgendwann kommt halt immer das Echo.

  • Hier schreiben abwechselnd Silke Fokken, Armin Himmelrath, Andrea Müller und Birte Müller über das Leben mit Kindern zwischen dem ersten und dem letzten Schultag.

Caspar bildete ein Team mit einem Klassenkameraden, dessen Vater aus Tunesien stammt und dessen Familie "irgendwo in der Heide" wohne. Sein erster Impuls war deswegen, "Röslein auf der Heiden" umzutexten - das hätte Bushido schließlich auch mal gemacht, rief Caspar von oben, aus seiner Dachkammer.

15 Minuten später schallte die Neuversion von Goethes Text akustisch wirksam von der Holztreppe in Richtung Küche:

Sah ich Knab ein Röslein stehn,
Möslein auf der Heiden,
war nicht jung und war nicht schön,
Mutter in der Kreide,
da wollte ich lieber schnell wieder gehn,
ich cooler Typ von der Weide.
Zu viel Schrot im Döslein rot,
oh Röslein auf der Heide.

Meine Reaktion war, zugegeben, vielleicht ein wenig hysterisch: "Mein Gott, nein!", schrie ich. Wenn der Text auch reimschematisch nicht völlig falsch war, machte so viel hormongesteuerter "Schrot im Döslein rot" wirklich keinen guten Eindruck, argumentierte ich - künstlerische Freiheit hin oder her.

Mein schlagendes Argument gegen Caspars Text aber war ein anderes: Im Gangsta-Rap sollen Rapper sich in direkter Rede beleidigen - nicht in dritter Person.

Das Argument zündete, mein Sohn zog sich zur Überarbeitung der Hausaufgabe zurück. Ich solle mir derweil einfach ein YouTube-Video ansehen, sagte Caspar. Und wenn er das später vorführe, dann nur unter einer Bedingung: Ich dürfe nichts umtexten und auch keine Alternativvorschläge entschärfter Begriffe machen. Ich stimmte zu - solange ich nicht wegen hormonell bedingter gerappter Hirnfürze eines 15-Jährigen zum Elterngespräch in die Schule zitiert werde. Deal!

Zur Autorin
  • Yvonne Schmedemann
    Aufgewachsen in Süddeutschland hat Andrea Müller als Katastrophenschülerin dann doch noch das Abi geschafft. Heute lebt sie mit ihren beiden Söhnen (10 und 15 Jahre alt) in Hamburg. Sie arbeitet als Gesellschafts-Journalistin für verschiedene Medien und ist wahnsinnig froh, dass sie selbst nicht mehr zur Schule muss.

Kurz danach im Netz sehe ich: Die "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien" beschreibt Gangsta-Rap als frauenverachtend, homophob und minderheitenabwertend. Und das müsse so sein: Als progressive Reaktion auf soziale Marginalisierung sei Gangsta-Rap ein gewaltfreies Austragen von Konflikten, zum Beispiel infolge missratener Integrationspolitik. Ich bin wirklich erleichtert, Khaleds Eltern sind eindeutig integrierter als ich.

Alle Übertreibungen, heißt es da weiter, auch Gewaltphantasien, seien dabei konstruktiv. Ein Verbot käme der Beraubung künstlerischer Freiheit Jugendlicher gleich. Das Publikum verstehe die Codes schon und wisse, dass die verbalen Entgleisungen nicht ernst gemeint seien. Ich kann nicht behaupten, dass mich das beruhigt hätte.

Da ich aber weder als engstirnig noch als jugendkulturfeindlich gelten will, versuche ich also, den Worten meines Sohnes bei folgender Präsentation freien Lauf zu lassen, ohne ihn zu unterbrechen. Sein kleiner Bruder Ben liegt schenkelklopfend und brüllend vor Lachen auf dem Wohnzimmerteppich, als der 15-Jährige mit perfekter Gangsta-Gestik seine Verse auskotzt:

Deine Mudda ist ne Bitch, das weiß ja jeder,
wo kommst du denn sonst her,
du hässlicher Tuneser?
Wie hat sie dich gemacht,
wohl heimlich, in ner Nacht
im Fisch-Kutter.
Mit dem Kamel von Vadder, kam nix raus,
nur Du, du Lauch ohne Schlauch,
aus Dir mach ich am liebsten Katzen-Fudda.
Das hat sie dann davon
diese Bitch, deine Mudda.

Okay.

Ist meine Erziehung jetzt "failed"? Oder soll ich mich freuen, weil er sich quasi zum ersten Mal an die geforderten Eckpunkte der Hausaufgaben gehalten hat? Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Gewaltverherrlichung - alles dabei.

Ist das vielleicht ein bisschen wie bei Tarantino, wenn man sich darauf einigt, dass der Inhalt über weite Strecken sinnlos ist, der Kinobesucher aber trotzdem lacht? Wenn man von der Gewaltverherrlichung und allem, was sonst noch alles politisch unkorrekt ist, einfach mal absieht?

Ein paar Tage später frage ich Caspar, wie Khaled auf die Verse reagiert hat. Insgeheim hatte ich befürchtet, dass mein Sohn den Jungen vor der Klasse zum Weinen gebracht haben könnte. Was also hat Khaled gesagt?

"Nix Schlimmes, Mama", meint Caspar. Irgendwas mit "'üppige Schlampe, im Geiste ständig ohne Taschenlampe.' Hatte nix mit Dir zu tun."

Lampe und Schlampe? Total unkreativ. Und das Copyright liegt ja ohnehin bei Jan Delay.

Aber was heißt hier üppig? Das werde ich die Eltern von Khaled bei Gelegenheit mal fragen.



insgesamt 33 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
gehdoch 23.09.2019
1. Puh... schwer, sich einen Reim darauf zu machen
Einerseits, andererseits... Ach scheiß drauf, ich nehme "andererseits" und lehne diese "Kunstform" ab. Ich bin sicherlich zu alt, um das alles zu verstehen, hätte aber ein ernsthaftes Problem, wenn mein 15Jähriger so eine Hausaufgabe mit nach Hause bringen würde. Gottseidank ist mein Sohn erst 12, da habe ich ja noch ein paar Jahre, mich in "Toleranz" zu üben. Ne, ehrlich, ich verabscheue diesen deutschen Gangsta Rap zutiefst, immer schon! Das Problem ist einfach, dass eben NICHT alle in der Lage sind, den Inhalt zu abstrahieren. Was damals als echte Ghetto Battles in USA erfunden wurde, um dem Frust Herr zu werden, wird schon viel zu Lange von solchen Idioten wie Bushido und co. tot geritten, ausgeschlachtet, schlecht nachgemacht und instrumentalisiert.
mwroer 23.09.2019
2.
Ja, einfach mal gelassen sehen :) So funktioniert Erziehung nämlich im Zweifel auch mal. "Oder soll ich mich freuen, weil er sich quasi zum ersten Mal an die geforderten Eckpunkte der Hausaufgaben gehalten hat? Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Gewaltverherrlichung - alles dabei." Klare Antwort - JA !
duanehanson 23.09.2019
3. Überrascht!
Eine moderne Mutter und Neufeministin mit Sinn für Humor. Dass ich das noch erleben darf, ist fast unglaublich. Schön, gäbe es mehr Leute wie diese Frau, wäre viel gewonnen und der Sache mehr gedient mit allen Artikeln von Bento zusammen.
felisconcolor 23.09.2019
4. Als bei uns
im Deutsch Unterricht die Bravo durchaus reflektierend begutachtet wurde, brach in einigen Familien besonders bei den Müttern (warum nur) der Wahnsinn aus. "Meine Tochter wird nicht... Schundblatt... Porno" und was nicht so alles. Nach dem Diskurs war die Bravo sowieso gestorben. Zumindest bei den meisten Schülern. Warum nicht auch mal Themen anpacken die "schmerzen"? Wenn sie richtig aus- und aufgearbeitet werden. Dann verstehen die Schüler vielleicht endlich was für ein hohler Kram deutscher Rap ist. Und im Englichunterricht mal ein paar klassische Rap Stücke zerpflücken. Gibt tiefe Einblicke in die sozialen Strukturen von Menschen die seit zig Jahrzehnten immer nur wie Dreck behandelt wurden.
soistrecht 23.09.2019
5. heutzutage...
und in den 80ern wurde man noch rot wenn "schei..e" im TV gesagt wurde, und die eltern regten sich über worte wie "geil" im sprachschatz der jüngeren auf... weiss manchmal, bei aller lockerheit, nicht was ich da gut oder schlecht finden soll... heutzutage...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.