Rebellische Schülerzeitung Pressekrieg um "Sophies Unterwelt"

An einer katholischen Privatschule in Hamburg streiten sich aufmüpfige Schüler mit der Schulleitung: Ihre preisgekrönte Schülerzeitung darf dort nicht erscheinen. Trotzdem haben die Zeitungs-Rebellen die dritte Ausgabe geschafft - und verkaufen "Sophies Unterwelt" aus einem Dixiklo heraus.

Von Benedikt Mandl


Dixiklo als Zeitungskiosk: Wo der Mensch noch frei ist
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Dixiklo als Zeitungskiosk: Wo der Mensch noch frei ist

Bunte Rucksäcke hüpfen auf und ab, es riecht nach Schule, entlang der Dammtorstraße hört man angeregtes Geschnatter: Schon auf dem Weg zur Sophie-Barat-Schule in Hamburg unterhalten sich Schüler über das Ereignis des Tages. Die neue Ausgabe von "Sophies Unterwelt" wird an diesem Morgen verkauft, für einen Euro pro Heft. Und zwar von einem mobilen Klo aus.

"Ich bin gegen jede Zensur. Egal ob bei öffentlichen Zeitungen oder bei Schülerzeitungen. Also wenn ich mündige Bürger will, muss ich auch in Kauf nehmen, dass sie kritische Dinge schreiben", hat "Sophies Unterwelt" trotzig Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust im Vorwort ihrer dritten Ausgabe zitiert. Die "Schülerzeitung vor der Sophie-Barat-Schule" feiert ihr einjähriges Bestehen mit dem bisher umfangreichsten Heft. Denn an der katholischen Privatschule darf das Blatt nicht erscheinen, die Schulleitung hat was dagegen.

Schon zuvor gab es eine Schülerzeitung an der Schule, nämlich "Sophies Welt". Ein Beratungslehrer betreute das Redaktionsteam und las die Artikel gegen. Laut Nico Semsrott, damals Redakteur und seit Donnerstag Absolvent der Sophie-Barat-Schule, kam es irgendwann zum Streit, wer das letzte Wort haben sollte. Redakteure wie Anne Spies lehnten einen Artikel ab, der Lehrer wollte ihn veröffentlichen. Erst ging es um stilistische Fragen, dann ums Prinzip: Die Schüler wollten sich bei ihrer Zeitung nicht bevormunden lassen. Und schließlich, so Semsrott, zogen die Redakteure im Juni 2004 die Konsequenzen und gründeten "Sophies Unterwelt".

Toilettenaktionismus vor der Schule

Nun stehen Nico Semsrott und Anne Spies mit anderen Mitstreitern vor ihrer Schule und verkaufen, kurz vor den Sommerferien, die schon dritte Ausgabe der unabhängigen Gegenzeitung - aus einem Dixiklo mit dem Plakat "Schülerzeitungsverbot? Da scheiß ich drauf!". Um auf der Mobiltoilette einziehen zu dürfen, holten sie sich extra eine Genehmigung bei der Stadt und zahlten 25 Euro Gebühr. "Einmal zumindest wollten wir rechtlich ganz offiziell und abgesichert handeln können", erklärt Nico Semsrott sarkastisch seinen Drang, journalistisch aufs Klo zu gehen. "Sophies Unterwelt" fühlt sich zu drastischen Schritten genötigt - und sei es nur für die PR.

Hallo Zielgruppe: 400 verkaufte Exemplare in einer Stunde
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Denn Schulleiterin Schwester Podlesch will "Sophies Unterwelt" nicht als offizielle Zeitung der Schule anerkennen, solange die Redaktion auf Unabhängigkeit beharrt. Nach dem Bruch mit dem Beratungslehrer drohte man den Separatisten mit Konsequenzen. Die Schulleitung verbat sich den Verkauf von "Sophies Unterwelt" auf dem Schulhof. Und ganz beiläufig sei erwähnt worden, dass Schülern einer Privatschule auch gekündigt werden könne, so schildert es Nico Semsrott.

Aber einschüchtern lassen wollten sie sich auf keinen Fall. Also machten die Schüler mit Unterstützung der Jungen Presse Hamburg weiter und produzierten die nächsten Ausgaben. Quasi aus dem Untergrund kokettiert ein Teufelchen als Maskottchen und Symbol des Widerstandes vom Titelblatt. Und eben dieser Widerstand wurde belohnt, als "Sophies Unterwelt" im Januar beim Hamburger Schülerzeitungswettbewerb den ersten Peis unter einem Dutzend Mitbewerbern gewann.

"Unterwelt" weiter kontrovers

Das Verhältnis zur Schulleitung wurde dadurch nicht besser. "Lehrer geben keine Interviews mehr, frühere Interviews wurden zurückgezogen", sagt Nico Semsrott. Und Schwester Podlesch bestehe bis heute darauf, Artikel vor dem Druck durch einen Lehrer absegnen zu lassen - oder die Zeitung auch weiterhin nicht an der Schule zu erlauben.

Für eine Stellungnahme war Schwester Podlesch seit Dienstag weder telefonisch noch per E-Mail erreichbar. "Ich hatte den Eindruck, dass der pädagogische Konflikt aus unserer Schule instrumentalisiert worden ist", sagte sie Ende Mai dem NDR, "inzwischen glaube ich, wir haben ein Politikum."

Juristisch stützt sich die Schulleiterin auf das Privatschulgesetz: Staatliche Schulen dürfen Schülerzeitungen weder zensieren noch ohne Gerichtsverfahren das Verteilen auf dem Schulhof verbieten, es gelten nur die jeweiligen Pressegesetze.

An Privatschulen dagegen schreibt kein Gesetz der Schulleitung vor, unter welchen Bedingungen sie Schülerzeitungen zulässt - oder verbietet. Relevant ist im konkreten Fall nur der Schulvertrag, der die Verantwortung an Schwester Podlesch überträgt. Das Thema Pressefreiheit an Privatschulen beschäftigte auch schon den Schulausschuss der Hamburger Bürgerschaft.

Kondom als Konfliktstoff

Im Streit um die "Unterwelt" suchten die Redakteure sich andere Vertriebswege - raus aus der Schule und rein ins Baustellenklo. "Ihr seid alle zu spät", verkündet Nicos Bruder Arne Semsrott den umstehenden Schülern per Megafon. Denn 400 Stück der dritten Ausgabe waren in gut einer Stunde ausverkauft. Zwei Zeitungen konkurrieren an der Privatschule nun, und "Sophies Unterwelt" sieht sich vorn: 172 Seiten produzierte die zehnköpfige Redaktion im letzten Jahr, "Sophies Welt" dagegen brachte es nur auf 56 Seiten.

Die aktuelle "Unterwelt"-Ausgabe dürfte für weiteren Konfliktstoff sorgen: "Bei einer Umfrage unter Schülern der sechsten bis neunten Klasse stellten wir fest, dass nur die Hälfte jemals Sexualkundeunterricht hatte", so die Zeitungsmacher. Schwerpunktthema ist diesmal Aids - und jedem Heft hat die Redaktion ein Kondom beigelegt.

Die Zeichen stehen derzeit eher auf Konflikt denn auf Entspannung. Einlenken wollen die rebellischen Schüler nicht, aber die Schulleiterin ebensowenig: "Ich gebe nicht nach", sagte Schwester Podlesch dem Hamburger Straßenmagazin "Hinz & Kunzt" im Mai.

Redakteure fühlen sich unter Druck gesetzt

Während der Verkaufsaktion im Dixiklo wurde am Dienstagmorgen der Chefredakteur für ein Gespräch zu Schwester Podlesch gerufen. Die Schulleiterin habe dabei die Aussage von der Kündbarkeit des Schulvertrages wiederholt, so Nico Semsrott: "Wir sehen das klar als Drohung." Und um die Redaktion nicht zu gefährden, wollen künftig er und Anne Spies, beide Abiturienten, die Öffentlichkeitsarbeit von "Sophies Unterwelt" übernehmen.

Arne Semsrott: Er trägt Werbung spazieren - aber nur vor der Schule
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Arne Semsrott: Er trägt Werbung spazieren - aber nur vor der Schule

Martin Sieckmann ist Vertrauenslehrer an der Sophie-Barat-Schule und versucht, zwischen Schulleitung und Redaktion zu vermitteln. Er unterstreicht, dass es bisher keinerlei Sanktionen gegen die Redakteure gegeben habe; er könne sich auch nicht vorstellen, dass es in Zukunft welche geben werde. Sieckmann wünscht sich vor allem, dass die Parteien den Konflikt bald beilegen und "Sophies Unterwelt" wieder als Schülerzeitung in die Sophie-Barat-Schule einziehen kann.

"Wir haben auch in der Vergangenheit Konflikte an unserer Schule vernünftig beilegen können, das sollte auch hier möglich sein. Es wird sich wohl ein Kompromiss finden lassen." Letztlich merkt aber auch Sieckmann an, dass an einer Privatschule, die von den Schülern selbst gewählt wird, eben andere Regeln gelten: "Jeder muss sich entscheiden, Rechte und Pflichten zu tragen oder nicht."

Arne Semsrott war letztes Jahr nicht nur "Unterwelt"-Redakteur, sondern auch Schulsprecher. In seinem Fall kann es nicht zum Rauswurf kommen: Politisches Engagement sei bei der Schulleitung nicht erwünscht gewesen, nun habe er "die Schnauze voll von der Sophie-Barat-Schule" und wechselt im Herbst an eine andere Schule.

Mittlerweile dürfen die Schüler auch am eigenen Körper nicht für "Sophies Unterwelt" werben. Als Arne Semsrott letzten Montag mit Zetteln an seiner Kleidung die dritte Ausgabe ankündigte, entfernte Schwester Podlesch die unliebsame Werbung - eigenhändig, so Semsrott.



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