Studie Kinder lernen Rechtschreibung am besten mit der Fibel

Früja wa ales bässa? Zumindest beim Schreibenlernen scheint da etwas dran zu sein: In einer Studie schneidet die klassische Fibel am besten ab. Eine besonders umstrittene Methode fällt durch.
Schulkinder im Unterricht

Schulkinder im Unterricht

Foto: picture alliance/ dpa

Lernen Kinder mit der Fibel Lesen und Schreiben, beherrschen sie die Rechtschreibung besser. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Universität Bonn. Andere Ansätze, wie "Lesen durch Schreiben", schnitten weitaus schlechter ab.

"Die Studienergebnisse weisen klar darauf hin, dass alle Kinder gleichermaßen vom Einsatz einer Fibel im Unterricht profitieren", sagt Una Röhr-Sendlmeier. Gemeinsam mit einem Team von Wissenschaftlern untersuchte sie Rechtschreibleistungen von mehr als 3000 Kindern aus Nordrhein-Westfalen, die mit einer von drei verschiedenen Methoden Schreiben lernten:

  • "Systematischer Fibelansatz": Buchstaben und Wörter werden schrittweise und nach festen Vorgaben eingeführt.
  • "Rechtschreibwerkstatt": Gibt den Schülern keine feste Abfolge einzelner Lernschritte vor, sondern stellt lediglich Materialien zur Verfügung, die die Kinder selbstständig in individueller Reihenfolge und ohne zeitliche Vorgaben bearbeiten.
  • "Lesen durch Schreiben": Schüler schreiben ab der ersten Klasse so, wie sie meinen, dass es richtig ist - gern bis zur dritten Klasse. Korrekturen sind nicht vorgesehen, um Frust zu vermeiden.

Die mehr als 3000 Kinder seien zunächst nach ihrer Einschulung auf ihre Vorkenntnisse getestet worden, erläuterte der an der Studie beteiligte Bonner Wissenschaftler Tobias Kuhl. Danach seien fünfmal jeweils halbjährlich Diktate ausgewertet worden - immer waren Fibelkinder die leistungsstärksten. Schüler, die mit "Lesen durch Schreiben" unterrichtet wurden, machten am Ende der vierten Klasse im Schnitt 55 Prozent mehr Rechtschreibfehler, "Werkstatt"-Schüler sogar 105 Prozent mehr als Fibelkinder. Auch Schüler, deren Muttersprache nicht Deutsch war, profitierten demnach vom Fibel-Ansatz.

"Lesen durch Schreiben" und die "Rechtschreibwerkstatt" führten laut Kuhl nachweislich zu vielen Fehlern. Ein fest vorgegebener Ablauf vom Einfachen zum Komplexen habe sich als klar überlegen erwiesen. Die ganze Studie soll bei einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Psychologie vorgestellt werden.

Erst gelobt, dann verflucht

Insbesondere die Reichen-Methode "Lesen durch Schreiben" - auch "Schreiben nach Gehör" genannt - ist in den vergangenen Jahren in die Kritik geraten. Das Konzept hatte das gängige Fibel-Lernen an vielen Schulen abgelöst.

Doch was zunächst als kinderfreundlich, lernförderlich und progressiv galt, ist längst umstritten: Lehrer an weiterführenden Schulen klagen über mangelnde Rechtschreibkenntnisse, Wissenschaftler finden auch keine Erfolgsbeweise. Große Probleme mit der kreativen Schreiblernmethode haben außerdem Kinder, die nicht gut Deutsch sprechen oder aus eher bildungsfernen Elternhäusern kommen, also genau die Schüler, die mehr und nicht weniger Förderung bräuchten.

Experten sprachen bereits 2013 von einer Rechtschreib-Katastrophe . In einigen Bundesländern ist die umstrittene Methode bereits wieder abgeschafft worden, darunter in Hamburg und Baden-Württemberg.

Rückkehr zur Fibel?

Der Grundschul-Lese-Untersuchung IGLU von Ende 2017 zufolge kann jeder fünfte Zehnjährige in Deutschland nicht so lesen, dass er den Text auch versteht. Und der bei Viertklässlern erhobene IQB-Bildungstrend 2016 ergab, dass nur 55 Prozent orthografische Regelstandards erreichen oder übertreffen.

Also bekommen alle Grundschüler wieder die Fibel? So einfach wird es wohl nicht. Der Bildungsverband VBE zeigt sich dennoch auch hinsichtlich der neuen Ergebnisse skeptisch. Grundsätzlich sei es "nicht zielführend", die Rechtschreibfähigkeit als einzelnen Aspekt losgelöst von allen anderen Lernprozessen zu untersuchen. Der Vorsitzende Udo Beckmann meint: "Eine einseitig festgelegte Rückkehr zum Unterricht mit der Fibel ist keine Lösung."

Die Bildungsforscherin Nele McElvany von der Universität Dortmund hält die Ergebnisse der Studie zwar für plausibel, äußert jedoch auch Kritik: Die Untersuchung lasse offen, ob es bei der Einschulung schon unterschiedliche Voraussetzungen bei den Kindern gab und inwieweit diese im Schulverlauf erhalten blieben. Angesichts der teils dramatisch schwachen Kompetenzen sei eine Methodendebatte wichtig. Orthografie sei Fleißarbeit und müsse in den ersten Schuljahren geübt werden. "Es ist wie auch das Lesen eine Kernkompetenz, die Grundschüler lernen müssen. Dafür brauchen sie in den Schulen und zu Hause den zeitlichen Raum."

Quiz zur Rechtschreibung
brk/dpa