Rechtschreibung Macht die Reform die Schüler schlecht?

Schüler in Deutschland haben ihre liebe Not mit der Rechtschreibung. Nun streiten sich Experten, ob der wichtigste Grund die Reform der Schreibregeln ist.
Schüler und Rechtschreibung (Symbolfoto)

Schüler und Rechtschreibung (Symbolfoto)

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Zwanzig Jahre ist die jüngste Rechtschreibreform der deutschen Sprache her, und noch immer ist sie umstritten. Daran haben auch die verschiedenen Überarbeitungen in den Jahren 2004, 2006 und 2011 nichts ändern können.

Pünktlich zum Jubiläum sorgt der Saarbrücker Bildungsforscher Uwe Grund für neuen Gesprächsstoff. Rund die Hälfte aller Schüler der 9. Klasse verfüge bundesweit über "nicht ausreichende" Rechtschreibkenntnisse, sagt er. Außerdem habe die Zahl der Fehler in Vergleichsdiktaten der Jahrgänge 5 bis 7 seit den Siebzigerjahren zugenommen - besonders stark in der Folgezeit der Reform.

Grund hat in seinem neuen Buch zahlreiche Studien zur Rechtschreibreform ausgewertet. Demnach entfallen 75 Prozent der gemachten Fehler auf die drei wichtigsten Bereiche, die mit der Rechtschreibreform verbessert werden sollten: Getrennt- und Zusammenschreibung, Groß- und Kleinschreibung sowie die s-Schreibung. Die Rechtschreibreform sei "ein Flop", resümiert Grund daher.

Gerade beim "Herzstück der Reform" - den Änderungen bei der Verwendung von "ß" und "ss" - hätten sich die Erwartungen "offensichtlich nicht erfüllt", sagt Grund. Bei der Unterscheidung der Wörter "das" und "dass" hätten "die Schüler, und nicht nur sie, mehr Probleme als früher".

Zu viel Reform, zu wenig intensives Lesen

Viele Deutschlehrer würden Uwe Grund wohl bei dem Befund zustimmen, dass die Rechtschreibleistungen nachlassen - aber die Gründe woanders sehen. Heinz-Peter Meidinger etwa, der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands, hält die Reform nicht für die Hauptursache.

Er beklagt, "dass wir es insbesondere bei den meisten Jungen mittlerweile mit einer Generation von Jugendlichen zu tun haben, die kaum mehr liest". Ohne intensives Lesen erwerbe man aber auch keine ausreichende Rechtschreibkompetenz, sagt Meidinger im Gespräch mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Bildungspolitikern wirft er vor, den Rechtschreibunterricht in den Lehrplänen seit den Neunzigerjahren systematisch zu vernachlässigen. Rechtschreibung gelte als Bildungsbarriere. Und deshalb führe sie in manchen Bundesländern insbesondere in der Mittelstufe ein Randdasein, um Schüler nicht von den Lerninhalten abzuschrecken.

"Ich halte es für einen schweren Fehler, dass es Bundesländer gibt, in denen zumindest in bestimmten Jahrgangsstufen keine benoteten Rechtschreibdiktate mehr geschrieben werden dürfen", kritisierte Meidinger. In keinem anderen europäischen Land werde dem muttersprachlichen Unterricht in den Stundentafeln so wenig Platz eingeräumt.

An vielen Schulen wurde auch jahrelang das Konzept "Lesen durch Schreiben" zur Rechtschreibvermittlung angewandt, das inzwischen sehr kritisch gesehen wird: Viele Pädagogen machen es mit verantwortlich für verbreitete Rechtschreibschwierigkeiten. Auch solche Entwicklungen schlagen sich in den Rechtschreibleistungen nieder.

mamk/afp/dpa
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