Probleme mit rechter Ideologie in Kitas Wenn Kinder Hakenkreuze malen

Kinder, die den Hitlergruß zeigen oder Flüchtlingskinder beleidigen - oft stecken dahinter die Eltern: Wie können Erzieherinnen und Erzieher damit umgehen? Fachleute geben Antworten.
Von Silke Fokken und Sven Heitkamp
Rechtsextremismus und Rechtspopulismus in Kitas: Wie Erzieher reagieren sollten

Rechtsextremismus und Rechtspopulismus in Kitas: Wie Erzieher reagieren sollten

Foto: Estersinhache fotografía/ Getty Images

Kinder, die Nazi-Symbole malen. Kinder, die vom "Volkstod" reden. Kinder, die nicht "mit Asylanten" spielen wollen oder die andere Kinder mit Behinderung für weniger wert halten. Kinder, die im Sinne rechter Ideologien beeinflusst werden. Wie sollten Erzieherinnen und Erzieher mit solchen Kindern umgehen? Wie mit ihren Eltern? Und wie genau zeigt sich das Problem im Kita-Alltag?

Trotz aufwendiger Recherche lässt sich die letztgenannte Frage kaum aus erster Hand beantworten. Kita-Träger und Berater jedoch wiegeln Anfragen ab: Man müsse die Einrichtungen und die Erzieherinnen "schützen" - nicht nur vor der Öffentlichkeit, sondern auch davor, dass sie mit Neonazis Ärger bekommen.

Klar ist: Die Zahl der Rechtsextremisten ist in Deutschland laut Verfassungsschutz  zuletzt gestiegen. Eine Mehrheit der Bevölkerung lehnt Neonazi-Positionen zwar ab, gleichzeitig sind jedoch rechtspopulistische Einstellungen fest verankert, wie Studien belegen.Parteien, die diese Ansichten bedienen, haben bei Wahlen vermehrt Zulauf. Und so ist Familienministerin Franziska Giffey sicher:   "Diese Entwicklung macht auch vor Kindertagesstätten nicht Halt."

Im Alltag kann das zum Beispiel heißen, dass ein kleiner Junge seine Freunde in der Kita dazu auffordert, mit ihnen "Vergasen zu spielen". Esther Lehnert, Professorin an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin, hat diesen Fall von einer Erzieherin erzählt bekommen. Auch die eingangs genannten Beispiele seien ihr von Fachkräften aus Kitas berichtet worden. Immer wieder erfahre sie von Kita-Kindern, deren Verhalten an Neonazi-Gebaren erinnere. Wie weit das Problem verbreitet ist, wird in Zahlen nicht erfasst.

Dazu kommt: Die betroffenen Erzieherinnen und Erzieher in Kitas hätten Angst zu reden, sagt Danilo Starosta vom Kulturbüro Sachsen, das sich gegen rechts engagiert. Sie fürchteten, dass ihr Image leide, dass sie von Rechten bedroht oder gar gewaltsam attackiert würden. Neonazis im Kindergarten seien zwar kein Massenphänomen, sagt der Jugendhilfe-Berater, aber: "In einigen Regionen Sachsens häufen sich Anmeldungen von Kindern in Kitas, deren Eltern als Rechte bekannt sind." Teilweise träten sie dort sogar in Gruppen auf.

"Moralisieren ist kontraproduktiv"

Forscherin Lehnert teilt diese Einschätzung. Manche Eltern versuchten gemeinsam, die Kita-Erziehung zu beeinflussen: "Sie bringen sich ein, übernehmen Putzdienste und stehen als Begleitung für Ausflüge bereit." Doch bald werde beispielsweise darüber diskutiert, ob Bilder mit schwarzen Kindern nicht von der Wand verschwinden oder mehr alte, deutsche Kinderlieder gesungen werden sollten.

Und dann?

Rechtsrock-Festival in Themar: Sind hier auch Kita-Papas dabei?

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Foto: Bodo Schackow/ dpa

"Eine Patentlösung gibt es nicht", sagt Starosta. Aus Gesinnungsgründen könne man rechte Familien jedenfalls kaum abweisen. "Die Eltern machen wie alle anderen von ihrem Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz Gebrauch."

Komme es zu Konflikten, könnten Erzieher die Situation mitunter dadurch entschärfen, dass sie Eltern zu einem Gespräch einladen und erst mal die positiven Seiten des Kindes loben. Vielleicht ist es fantasievoll, geschickt beim Basteln oder kann sich gut konzentrieren. "Danach", sagt Starosta, "kann man ansprechen, dass andere Kinder nicht diskriminiert werden dürfen."

Blieben die Eltern uneinsichtig, müsse ein "schlichter Minimalkonsens" gelten: dass die Eltern ihr Kind satt, sauber und gesund aus der Kita abholen können. "Belehren und moralisieren ist kontraproduktiv." Außerdem sollten Erzieherinnen und Erzieher keine voreiligen Schlüsse aus dem Verhalten von Kindern ziehen - und rechtsextreme Eltern vermuten, wo gar keine sind.

Vorwurf: "Gesinnungsschnüffelei"

"Nicht jedes Kind, das ein Hakenkreuz malt, stammt aus einem Nazi-Haushalt", sagt auch Forscherin Lehnert. Doch wenn es sich um verbotene Symbole handelt, müssten Erzieherinnen und Erzieher handeln. "Sie sollten Kinder zum Beispiel auf so eine Zeichnung ansprechen, um herauszufinden, was dahinter steckt."

Dann könnten sie kindgerecht erklären, wofür das Symbol steht und warum es problematisch ist. Und sie müssten das Gespräch mit den Eltern suchen und sensibel nachfragen, warum ihr Kind Hakenkreuze malt.

Lehnert hat an einem Ratgeber der Amadeo-Antonio-Stiftung  für Kitas mitgeschrieben, der 2018 erschien, und in ultrarechten Kreisen und schließlich auch in konservativen Reihen für wütende Polemik sorgte. Über eine "staatliche Handlungsanweisung zur Elternspionage" empörte sich etwa Nadine Schön, Vize-Unionsfraktionsvorsitzende, im "Bayernkurier". 

Die Stiftung dagegen wehrt sich  gegen "mutwillige Verkürzungen" aus der Broschüre durch "rechtsalternative Blogs", die wiederum von Medien unkritisch aufgegriffen worden seien. Lehnert betont, es gehe keineswegs um "Gesinnungsschnüffelei". Kita-Teams müssten aber Klartext reden, wenn Kinder von rechtsextremen Positionen beeinflusst werden - und sich im Zweifel Hilfe von Experten holen.

Das Thema ist brisant, weil Erzieherinnen und Erzieher Kinder nicht manipulieren oder Eltern in ihre Erziehung hineinreden dürfen. Wie in mehreren Bildungsprogrammen der Länder  nachzulesen ist, ist es aber sehr wohl ihr Auftrag, Demokratie und Vielfalt zu vermitteln, menschenverachtende Äußerungen zurückzuweisen - und zugleich dafür zu sorgen, dass sich kein Kind und kein Elternteil in der Kita ausgegrenzt fühlt. Eine Herausforderung.

Kitas sollen Kindern Werte im Sinne von Demokratie und Vielfalt vermitteln

Kitas sollen Kindern Werte im Sinne von Demokratie und Vielfalt vermitteln

Foto: Friso Gentsch/ dpa

"Ich darf ein Kind nicht beschämen, muss andere aber schützen"

Von regelrecht rechtsextrem organisierten Eltern höre er aus Kitas selten, sagt Rainer Spangenberg von den Regionalen Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie (RAA) Brandenburg. Häufiger seien Mütter und Väter, die sich im Sinne rechtspopulistischer, etwa rassistischer Meinungen, abwertend oder gar verächtlich über Menschengruppen äußern. Solche Einstellungen könnten auch das Verhalten von Kindern beeinflussen.

"Ob und wie rechtsextremistisch die Eltern sind, ist für die Reaktion auf abwertendes oder ausgrenzendes Verhalten aber nicht so entscheidend", sagt Spangenberg. "Weigert sich ein Kind zum Beispiel mit einer rassistischen Begründung, mit schwarzen Kindern zu spielen, darf ich dieses Kind nicht abwerten und beschämen. Ich sollte deutlich machen, dass und warum ich ein Verhalten unfair finde, muss mich aber auch schützend vor die betroffenen Kinder stellen."

"Kind nicht abstempeln"

Grundregel dabei sei, betont Spangenberg, deutlich zu machen, dass man das diskriminierende Verhalten ablehne - nicht jedoch das Kind selbst. "Man darf es nicht abstempeln."

Wenn Kinder entgegnen: "Aber meine Eltern sagen, dass ich nicht mit denen spielen darf", dann dürften Erzieher die Eltern gegenüber dem Kind nicht abwerten , um das Dilemma des Kindes nicht noch zu verstärken: zwischen der Verbundenheit mit ihrem Zuhause und dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit zur Kita.

Erzieher sollten allerdings erklären, dass in der Kita andere Regeln gelten. Zum Beispiel: "Für deine Eltern mag das bei euch zu Hause so sein. Hier in der Kita darf aber jedes Kind mit jedem anderen spielen. Bestimmte Kinder auszugrenzen, finden wir nicht in Ordnung."

Recht auf ein diskriminierungsfreies Kita-Umfeld

Recht auf ein diskriminierungsfreies Kita-Umfeld

Foto:

Monika Skolimowska/ DPA

Vater mit Nazi-Shirt nach Hause geschickt

Die Diakonie in Sachsen, Betreiberin von 270 Kindertagesstätten, hält Probleme mit rechtsextremen Familien für die Ausnahme, nicht die Regel. Komme es dazu, ermutige die Diakonie ihre Teams, eine klare Haltung zu zeigen. "Wir machen allen Eltern deutlich, dass wir menschenverachtendes und diskriminierendes Verhalten nicht akzeptieren", sagt Kita-Fachreferentin Inga Blickwede.

Etwa so: Als ein Vater in einem T-Shirt mit eindeutig rechtsextremen Symbolen zum Kindergartenfest erschien, habe ihn die Erzieherin nach Hause geschickt, sagt Blickwede. Einer Mutter mit rechter Orientierung, die sich in den Elternrat wählen lassen wollte, habe man klargemacht, dass man dies aufgrund ihres politischen Engagements für unangebracht halte. Die Mutter habe auf die Kandidatur verzichtet. Und ein anderer Vater habe einen Kita-Mitarbeiter mit Migrationshintergrund als "Ungeziefer" bezeichnet. Man habe den Beleidiger zu einer Aussprache gebeten, berichtet die Pädagogin. Daraufhin habe er den Kita-Vertrag gekündigt.

So schnell sind Konflikte mit rechtsextremen Eltern allerdings nicht immer aus der Tür - und für deren Kinder auch nicht grundsätzlich die beste Lösung.

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