Eltern schreiben Schülerreferate Googeln Sie mal Känguru

Wenn Grundschüler ein Referat halten sollen, müssen Mama und Papa ran. Lehrer vertrauen oft einfach darauf, dass die den Kindern schon helfen. Und manche Eltern entwickeln dann auch echten Ehrgeiz.

Schüler mit "teaching assistant" (umgangssprachlich: Mutter)
Corbis

Schüler mit "teaching assistant" (umgangssprachlich: Mutter)

Eine Eltern-Kolumne von


Hier schreiben abwechselnd Silke Fokken, Armin Himmelrath und Birte Müller über das Leben mit Kindern zwischen dem ersten und dem letzten Schultag.
"Mama, was weißt du über Kängurus?" Als meine Tochter mich aus dem Nichts mit dieser Frage überfällt, bin ich nicht überrascht. So etwas passiert mit Kindern öfter - und dies ist noch eine vergleichsweise harmlose Frage.

Ich antworte also, dass Kängurus in Australien leben, ihre Babys im Beutel tragen und außerdem so stark sind, dass sie einen Menschen k.o. schlagen können. Den letzten Teil findet meine Tochter interessant - sie ist aber trotzdem nur mäßig zufrieden. "Ich glaube, das reicht nicht", sagt sie. Aha, wofür?

Alle Kinder sollen im Sachunterricht ein Referat über ein Tier halten - sie hat das Känguru abbekommen. Klar, da braucht sie mehr Stoff. Mir schwant sofort, dass sich die Zweitklässler die Inhalte "eigenständig erarbeiten" sollen, die Lehrerin aber insgeheim auf uns Eltern als "teaching assistants" setzt. Ich erlebe das öfter. Manche Lehrer begrenzen ihren eigenen Aufwand und vertrauen darauf, dass Mama und Papa den Kindern zu Hause das Nötige beibringen, vor allem bei Referaten.

Frühes Training für den späteren Job

Referate fallen in die Rubrik "selbstständiges Lernen", das heute jede Schule, die etwas auf sich hält, propagiert. Dazu gehört, dass sich Schüler Informationen beschaffen, die sie anschließend vor der Klasse souverän und hübsch aufbereitet präsentieren. Ein frühzeitiges Training für gelungene Power-Point-Präsentationen später im Job. Das beginnt oft bereits in der zweiten Klasse mit einem Kurzvortrag, inklusive selbst gestaltetem Plakat. Leider ist meine knapp achtjährige Tochter damit alleine total überfordert.

Mama reicht als Recherchequelle nicht aus. In der Bücherei kann sie alleine noch keine Tierbücher ausleihen. Und eine Google-Suche zu "Känguru" ergibt 804.000 Treffer! Zu viel Information.

Also erfülle ich die Hoffnungen der Lehrerin - und helfe. Wir finden zwei Texte im Kinderlexikon. Meine Tochter liest. Wir besprechen, was sie herausgefunden hat und aufschreiben möchte, wobei ich mich zurückhalte. Schließlich will ich das "selbstständige Lernen" nicht gefährden. "Aber guck doch bitte noch mal, wie man Känguru schreibt!"

Meine Tochter ist noch nicht zufrieden: "Unsere Lehrerin sagt, wir sollen auch Bilder heraussuchen!" Gesagt, getan. Aber das Kind ist anschließend enttäuscht, weil wir keinen Drucker besitzen, der Känguru-Fotos in Hochglanzoptik aus dem Netz zieht. Es lässt sich jedoch mit Farbkopien aus dem Copyshop wieder aufrichten.

"Was habt ihr für ein Tier?"

Irgendwann ist unser Referat fertig und meine Tochter zufrieden. Als ich einige Tage später auf dem Schulhof andere Eltern treffe, werde ich begrüßt mit: "Na, was habt ihr für ein Tier?" Oder: "Referat fertig?"

Mütter und Väter haben sich tagelang mit Eidechsen und Affen beschäftigt - und plötzlich denke ich, dass hier etwas gewaltig schiefläuft. Was ist mit den Kindern, deren Eltern keine Zeit, keine Kraft oder keine Lust haben zu helfen? Oder jenen, deren Eltern selbst in "Präsis" ungeübt sind?

Es wird oft beklagt, dass der Schulerfolg in Deutschland zu stark vom Elternhaus abhängt. So ändert sich das sicher nicht.

Einige Zeit später musste ich selbst beruflich einem jungen Mann bei einer leider ziemlich miserablen "Präsi" zuhören. Vielleicht hatte er einfach nie jemanden, der ihm bei seinem Känguru-Referat geholfen hat. Plötzlich wünschte ich mir, dass seine frühere Sachunterrichtslehrerin mit im Saal sitzt und das Elend miterleben muss.

Zur Person
  • Silke Fokken, Jahrgang 1972, ist Journalistin und lebt mit Mann und vier Kindern (3,11,19 und 22 Jahre) in Hamburg. So sammelte sie einschlägige Erfahrungen an diversen Schulen: von der Einschulung bis zur Abifeier. Ihr Lebensmotto: Zuhören und Verständnis haben - aber nicht vor dem ersten Kaffee.



insgesamt 135 Beiträge
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Seite 1
reneh 05.04.2016
1. leider wahr...
mehr muß dazu nicht gesagt werden!
jj2005 05.04.2016
2. Es ist schlicht unverschämt...
... wenn Grundschullehrer voraussetzen, dass Kinder a) einen Computer, b) einen Drucker mit reichlich Tinte und c) sachkundige Eltern mit reichlich Freizeit zuhause haben. Aber es wird sich nichts ändern, solange die einflussreiche Bildungsbürgerschicht insgeheim darauf vertraut, dass diese spezifische Ungleichbehandlung ihrer eigenen Brut zugutekommt. Schreibt ein Bildungsbürger mit SEHR computererfahrenen Kindern. Und um jede Unklarheit zu vermeiden: Es ist unverschämt gegenüber den Kindern, die aus Gründen, die sie sicher nicht selbst zu verantworten haben, die o.g. Voraussetzungen eben nicht haben, und deswegen dummerweise ihr Vertrauen in das staatliche Schulsystem setzen müssen.
dr.joe.66 05.04.2016
3. Das Elternhaus ist die Basis!
Dem kann ich nur voll zustimmen. Wir helfen unseren Kindern regelmäßig. Vom Abfragen der Vokabeln, Einüben der Grammatik, Erklären der Physik, bis hin zu den besagten Präsentationen. Unsere Kinder haben einfach das Glück (und nichts anderes ist es), dass ihre Eltern in Summe alle relevanten Sprachen fließend sprechen, und dank der geisteswissenschaftlichen und technischen Studien-Abschlüsse alle Fächer ohne großen Aufwand abdecken können. Teilweise ziehen wir noch die Freunde der Kinder mit. Schließlich ist der Aufwand der gleiche, egal ob ich 1 oder 2 Kindern den Sinn von Integralrechnung erkläre. Es gibt Schüler, die sind einfach sehr gut. Dann gibt es gute Schüler, die bei Bedarf von zu Hause gute Unterstützung bekommen. Die schaffen einen guten Schulabschluss trotz unseres Systems. Dann gibt es noch die, die sich mit Nachhilfe und sehr viel Mühe so halbwegs durchhangeln. Aber der Rest schaut eben in die Röhre. Eltern können keine Fremdsprachen? Oops. Eltern können kein Mathe? Pech gehabt. Eltern haben keine Zeit? Oder kein Geld für Nachhilfe? Dumm gelaufen. Das Schulsystem fördert jedenfalls nicht die, die es wirklich brauchen. Und die Lehrer? Viele von denen setzen sich wirklich für die Kinder ein. Aber auch die Lehrer sind vom System eingeschränkt: zu viele Kinder pro Klasse, zu wenig Zeit für den Stoff, dazu noch Sozial-Aufgaben wie Erziehung, Integration, Mediation, etc.
Indigo76 05.04.2016
4.
welches Google benutzen sie? Meins findet beim Suchbegriff Känguru 1.730.000 Treffer.
sojetztja 05.04.2016
5.
Wie so oft, wenn in den Medien etwas über SChule geschrieben wird, geht auch dieser Artikel am eigentlichen Problem vorbei: Gerade durch die Tatsache, dass immer mehr Eltern das Projekt des Kindes zu ihrem eigenen machen und helfen, wo es nur geht, wurde das Niveau der Präsentationen und damit schließlich auch der Anspruch daran immer höher. Wo früher handgemalte Plakatew vollkommen ausreichend waren, muss es jetzt mindestens Powerpomint sein. Zwischenzeitlich ist jeder (man verzeihe die Ausdrucksweise) "gearscht", der nicht mit Hochglanzplakaten, Powerpoint, pi, pa, po aufwarten kann, weil er damit gegen die "Meine Mama hat mein Referat gemacht"-Kinder abstinkt. Und damit sind wir mitten in einem wunderbaren Teufelskreis. Würden die Eltern sich doch einfach mal raushalten...
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